Bert Rürup"Das SPD-Konzept ist ein Rückfall in die Frühverrentungspolitik"

Renten-Experte Bert Rürup zweifelt an der Umsetzbarkeit des SPD-Rentenkonzepts. Wahrer Hohn sei aber der schwarz-gelbe Sprech von der "Lebensleistungsrente", sagt er. von 

ZEIT ONLINE: Herr Rürup , die großen Parteien warnen vor Altersarmut . Wie sehr müssen wir uns sorgen?

Bert Rürup: Ob jemand im Alter arm ist, das heißt auf Fürsorgeleistungen angewiesen, hängt ganz entscheidend davon ab, wie viel sie oder er im Berufsleben verdient hat und ob auf Vermögenseinkommen zugegriffen werden kann. Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet derzeit im Niedriglohnsektor, diese Arbeitnehmer zahlen nur geringe Beiträge in die Rentenversicherung ein. Niemand kennt die genauen Dimensionen, aber die Zahl derer, die am Ende eines langen Berufslebens auf die Fürsorge angewiesen sein werden, wird steigen, wenn nicht bald gegengesteuert wird.

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Bert Rürup
Bert Rürup

war einer der wichtigsten deutschen Regierungsberater des vergangenen Jahrzehnts. Mit Hilfe seiner Ideen hat vor allem die rot-grüne Regierung den Sozialstaat umgebaut. Anfang 2009 trat Rürup als Chef des Sachverständigenrates zurück, um beim Finanzdienstleister AWD anzuheuern. Zwischenzeitlich war er Chef der Maschmeyer-Rürup AG, einer Beraterfirma für Regierungen weltweit. Heute leitet er das Handelsblatt Research Institute.

ZEIT ONLINE: Die SPD , die am Wochenende ein Rentenkonzept verabschiedet hat , fordert einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Sie sagt, bei der Bekämpfung der Altersarmut ist das eine vom anderen nicht zu trennen. Stimmt das?

Rürup: Ja und Nein. Ich gehöre zur Minderheit der Ökonomen, die seit Längerem einen moderaten gesetzlichen Mindestlohn fordert. Es ist allerdings ein Irrglaube, dass ein Mindestlohn ein Patentrezept gegen Altersarmut sei. Denn selbst bei einem Mindestlohn von gut zehn Euro die Stunde würde ein Arbeitnehmer, wenn er vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche gearbeitet hätte, beim heutigen Rentenniveau von 50 Prozent nur auf eine eigene Rente knapp unter der Höhe der Grundsicherung kommen. Ein Mindestlohn von zehn Euro die Stunde wäre zudem selbst ein Armutsrisiko, denn er würde Arbeitsplätze vernichten. Von daher bergen auch die von der SPD geforderten 8,50 Euro ein Beschäftigungsrisiko. Und gegen die Armutsrisiken als Folge der Soloselbständigkeit hilft auch kein Mindestlohn.

ZEIT ONLINE: Die SPD, aber auch die Union, setzen auf eine steuerfinanzierte Mindestrente für Menschen, die lange Jahre gearbeitet haben. Der richtige Weg?

Rürup: Ja. Wer sein Leben lang vollzeitig arbeitet und in die Rentenversicherung einzahlt, darf am Ende nicht weniger Rente haben als die Grundsicherung im Alter. Denn er stünde sonst nicht besser da als jemand, der nicht oder nur wenig gearbeitet hat. Und eine nach dem Äquivalenzprinzip arbeitende Rentenversicherung, bei der sich die Höhe der Rente nach der Länge der Beitragszeiten und der Höhe der Beiträge bemisst, wäre diskreditiert. Aus diesem Grund werden in 27 von 34 OECD-Ländern die Renten von Geringverdienern anders festgesetzt als die von Durchschnitts- oder Besserverdienenden. Ob man das nun Zuschussrente, Sockelrente, Aufstockrente oder Solidarrente nennt, ist letztlich egal. Über die Details einer solchen Mindestrente nach einem langen Arbeitsleben kann man trefflich streiten, aber im Kern ist der Ansatz richtig. Und da ist Sigmar Gabriel gar nicht so weit entfernt von Frau von der Leyen.

ZEIT ONLINE : Die Arbeitsministerin forderte in einem ersten Konzept, dass nur Anspruch auf die Mindestrente hat, wer trotz seines geringen Verdienstes privat vorgesorgt hat. 

Rürup: Das halte ich für falsch. Altersarmut zu vermeiden, ist Aufgabe des staatlichen Systems. Die bei uns freiwillige zusätzliche private oder betriebliche Vorsorge soll dazu dienen, im Alter in etwa den im Erwerbsleben gewohnten Lebensstandard zu gewährleisten. Ein nicht wegzudiskutierendes Problem ist , dass seit einiger Zeit bei vielen die Neigung privat vorzusorgen deutlich zurückgegangen ist , weil sie teils begründet, teils aus Verunsicherung der Riester-Rente nicht mehr recht vertrauen.

Das liegt sicher an der derzeitig extremen Niedrigzinsphase. Allerdings dürfte auch die Intransparenz vieler Riester-Produkte eine wichtige Rolle spielen. Der Grund dafür ist, dass die Riester-Rente nicht als Obligatorium eingeführt wurde und deshalb aktiv verkauft werden muss. Ein Blick ins Ausland zeigt: Dort setzen viele Regierungen auf obligatorische Zusatzrenten – zum Beispiel betriebliche in der Schweiz und den Niederlanden , private in Schweden . Sie sind kostengünstiger und transparenter.

Leserkommentare
  1. vermutlich wurde das Interview auch mit Herrn Maschmeyer abgestimmt. Profiteur der Systemumstellung ist immer die Assekuranz und nie der Bürger.

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    • lonetal
    • 27. November 2012 19:32 Uhr

    Sie schreiben: "vermutlich wurde das Interview auch mit Herrn Maschmeyer abgestimmt"

    Killerargument, unterste Schublade plus üble Nachrede.

  2. immerhin hat er ja auch seinen Namen für die Selbständigkeitszusatzrente gegeben, über diese die wohl zumeist nie erlebt wird ausser beim Versicherer die Prämie - wäre auch einmal eine Bemerkung interessant gewesen.

  3. Von April bis Dezember 2009 war Rürup Chefökonom beim Finanzdienstleister AWD. Seine Verantwortungsbereiche waren „Ökonomische Analysen“ sowie die Erschließung neuer Märkte für betriebliche und private Altersvorsorge. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits aus dem Kreis der fünf Wirtschaftsweisen ausgeschieden.

    Müssen wir uns wirklich von einem Vertreter der Versicherungslobby Tips geben lassen, wie wir unser staatliches Rentensystem gestalten?

    Und bekommen wir dann wenigstens ein Beratungsprotokol, dass wir später mal vor Gericht verwenden können?

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    Das hier:

    "Denn selbst bei einem Mindestlohn von gut zehn Euro die Stunde würde ein Arbeitnehmer, wenn er vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche gearbeitet hätte, beim heutigen Rentenniveau von 50 Prozent nur auf eine eigene Rente knapp unter der Höhe der Grundsicherung kommen."

    Sollte in jeder Betriebskantine, Büro und Umkleide, in jeder Werkshalle und sonstiger Betriebsstätte in großen roten Lettern an der Wand prangen!

  4. den ist ja ne Leistung überhaupt 67 zu werden!

    Alle Rentenkonzepte haben natürlich ihren Hacken! Nur das der zwei SPDler Rürup und Riester sind die mit Abstand schlechtesten.

    Lieber saufen, rauchen, leben und mit 64 ins Grass beissen.

    • Otto2
    • 27. November 2012 19:00 Uhr

    Er will doch bloß rechtzeitig die Kurve kriegen.

  5. mit Anführungszeichen schreiben muss? Wenn sie die Kommentare Ihrer Leser annehmen und verstehen müssten sie sich schon lange nach Anderen umsehen.

  6. einer der wichtigsten deutschen Regierungsberater des vergangenen Jahrzehnts. Mit Hilfe seiner Ideen hat vor allem die rot-grüne Regierung den Sozialstaat umgebaut. Anfang 2009 trat Rürup als Chef des Sachverständigenrates zurück, um beim Finanzdienstleister AWD anzuheuern. Heute ist er Chef der Maschmeyer-Rürup AG, einer Beraterfirma für Regierungen weltweit." - und damit ist wohl jedem klar, was seine Aussagen wert sind. Würde unser Regierungsapparat (in allen Belangen) und die Presse selber denken, ginge es uns bedeutend besser.

    • lonetal
    • 27. November 2012 19:32 Uhr

    Sie schreiben: "vermutlich wurde das Interview auch mit Herrn Maschmeyer abgestimmt"

    Killerargument, unterste Schublade plus üble Nachrede.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Transparency International kritisierte die geschäftlichen Verbindungen Rürups mit Walter Riester und dem AWD als "Beispiel für politische Korruption", „eine unzulässige Interessenverquickung, die eines ehemaligen Bundesministers unwürdig und unanständig ist“

    http://www.fr-online.de/p...

    Heute ist er Chef der Maschmeyer-Rürup AG, einer Beraterfirma für Regierungen weltweit.

    Ehrlich?

    Zitat:
    Sie schreiben: "vermutlich wurde das Interview auch mit Herrn Maschmeyer abgestimmt"

    Killerargument, unterste Schublade plus üble Nachrede.

    DAS IST WEDER UNTERSTE SCHUBLADE NOCH ÜBLE NACHREDE
    SONDERN EINFACH NUR NAHELIEGEND:
    Immer hin arbeitet Herr Rürupp nun mit jemanden zusammen
    dessen Mitarbeieter
    (nach meiner erfahrung Aufgrund des Leistungsdrucks)
    viele Menschen durch zumindest fahrlässige Falschberatung
    um ihre privateAltersvorsorge gebracht haben ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bert Rürup | SPD | FDP | Gerhard Schröder | Sigmar Gabriel | Armutsrisiko
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