ZEIT ONLINE: Herr Rürup , die großen Parteien warnen vor Altersarmut . Wie sehr müssen wir uns sorgen?

Bert Rürup: Ob jemand im Alter arm ist, das heißt auf Fürsorgeleistungen angewiesen, hängt ganz entscheidend davon ab, wie viel sie oder er im Berufsleben verdient hat und ob auf Vermögenseinkommen zugegriffen werden kann. Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet derzeit im Niedriglohnsektor, diese Arbeitnehmer zahlen nur geringe Beiträge in die Rentenversicherung ein. Niemand kennt die genauen Dimensionen, aber die Zahl derer, die am Ende eines langen Berufslebens auf die Fürsorge angewiesen sein werden, wird steigen, wenn nicht bald gegengesteuert wird.

ZEIT ONLINE: Die SPD , die am Wochenende ein Rentenkonzept verabschiedet hat , fordert einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Sie sagt, bei der Bekämpfung der Altersarmut ist das eine vom anderen nicht zu trennen. Stimmt das?

Rürup: Ja und Nein. Ich gehöre zur Minderheit der Ökonomen, die seit Längerem einen moderaten gesetzlichen Mindestlohn fordert. Es ist allerdings ein Irrglaube, dass ein Mindestlohn ein Patentrezept gegen Altersarmut sei. Denn selbst bei einem Mindestlohn von gut zehn Euro die Stunde würde ein Arbeitnehmer, wenn er vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche gearbeitet hätte, beim heutigen Rentenniveau von 50 Prozent nur auf eine eigene Rente knapp unter der Höhe der Grundsicherung kommen. Ein Mindestlohn von zehn Euro die Stunde wäre zudem selbst ein Armutsrisiko, denn er würde Arbeitsplätze vernichten. Von daher bergen auch die von der SPD geforderten 8,50 Euro ein Beschäftigungsrisiko. Und gegen die Armutsrisiken als Folge der Soloselbständigkeit hilft auch kein Mindestlohn.

ZEIT ONLINE: Die SPD, aber auch die Union, setzen auf eine steuerfinanzierte Mindestrente für Menschen, die lange Jahre gearbeitet haben. Der richtige Weg?

Rürup: Ja. Wer sein Leben lang vollzeitig arbeitet und in die Rentenversicherung einzahlt, darf am Ende nicht weniger Rente haben als die Grundsicherung im Alter. Denn er stünde sonst nicht besser da als jemand, der nicht oder nur wenig gearbeitet hat. Und eine nach dem Äquivalenzprinzip arbeitende Rentenversicherung, bei der sich die Höhe der Rente nach der Länge der Beitragszeiten und der Höhe der Beiträge bemisst, wäre diskreditiert. Aus diesem Grund werden in 27 von 34 OECD-Ländern die Renten von Geringverdienern anders festgesetzt als die von Durchschnitts- oder Besserverdienenden. Ob man das nun Zuschussrente, Sockelrente, Aufstockrente oder Solidarrente nennt, ist letztlich egal. Über die Details einer solchen Mindestrente nach einem langen Arbeitsleben kann man trefflich streiten, aber im Kern ist der Ansatz richtig. Und da ist Sigmar Gabriel gar nicht so weit entfernt von Frau von der Leyen.

ZEIT ONLINE : Die Arbeitsministerin forderte in einem ersten Konzept, dass nur Anspruch auf die Mindestrente hat, wer trotz seines geringen Verdienstes privat vorgesorgt hat. 

Rürup: Das halte ich für falsch. Altersarmut zu vermeiden, ist Aufgabe des staatlichen Systems. Die bei uns freiwillige zusätzliche private oder betriebliche Vorsorge soll dazu dienen, im Alter in etwa den im Erwerbsleben gewohnten Lebensstandard zu gewährleisten. Ein nicht wegzudiskutierendes Problem ist , dass seit einiger Zeit bei vielen die Neigung privat vorzusorgen deutlich zurückgegangen ist , weil sie teils begründet, teils aus Verunsicherung der Riester-Rente nicht mehr recht vertrauen.

Das liegt sicher an der derzeitig extremen Niedrigzinsphase. Allerdings dürfte auch die Intransparenz vieler Riester-Produkte eine wichtige Rolle spielen. Der Grund dafür ist, dass die Riester-Rente nicht als Obligatorium eingeführt wurde und deshalb aktiv verkauft werden muss. Ein Blick ins Ausland zeigt: Dort setzen viele Regierungen auf obligatorische Zusatzrenten – zum Beispiel betriebliche in der Schweiz und den Niederlanden , private in Schweden . Sie sind kostengünstiger und transparenter.