Sie trägt kein Schwarz mehr. Für ihren Auftritt auf dem Parteitag in Hannover hat Claudia Roth ein beiges Sakko mit ritzegrünen Nähten ausgewählt. Die sieben Tage zuvor, nach der für sie enttäuschenden Urwahl , war sie bei ihren wenigen öffentlichen Auftritten immer in dunkler Kleidung gesichtet worden. Selbst ihr Umfeld war darüber verwundert gewesen.

Doch nun ist die alte, die eher bunte Roth wieder da. Es ist Tag zwei des grünen Delegiertentreffens in Hannover , später Nachmittag, der Parteivorstand wird neu gewählt. Roths Wiederwahl als Grünen-Vorsitzende war mit Spannung erwartet worden. Dabei war das später sehr gute Ergebnis eigentlich vorprogrammiert. Die Grünen wollen ihrer Spitzenpolitikerin signalisieren, dass die Entscheidung weiterzumachen, die richtige war.

Die Vorsitzende bekommt 88,4 Prozent der Delegiertenstimmen. Für die diskutierfreudige Partei ist das so etwas wie ein 99-Prozent-Ergebnis. Im Jahr 2006 war Roth, die das Parteiamt schon seit zehn Jahren inne hat, mit bloß 66 Prozent im Amt bestätigt worden. An diesem Samstag nun bescheren die grünen Delegierten ihrer langjährigen Vorsitzenden eine riesige, dicke und sogar nicht nur virtuelle Trost-Umarmung.

Özdemir will der "Mann von Claudia" sein

Auf den "Candystorm" auf Twitter vom vergangenen Wochenende folgt der ganz reale: Grüne Delegierte werfen nach ihrer Bewerbungsrede Bonbons auf Roth. Nach ihrer Wiederwahl eilt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Parteitagsbühne und gratuliert der Identifikationsfigur der Linken, und der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck , streichelt Roth den Kopf. Sie strahlt. Später sagt der Co-Vorsitzende Cem Özdemir in seiner Bewerbungsrede, er wolle weiter der "Mann von Claudia" sein. Roth klatscht.

Die Delegierten haben ihre Mission erfüllt. Schließlich hatte ihre Vorsitzende an Rücktritt gedacht, nachdem sie vergangenes Wochenende beim Mitgliederentscheid um das grüne Spitzenduo für die Bundestagswahl 2013 nur auf Platz vier gelandet war. Die Grüne Basis hatte lieber zwei Spitzenkandidaten für die (bürgerliche) Mitte gewählt, wie auch alle Führungspolitiker in Hannover immer wieder stolz betonten. Roth tauchte ab, zwei Tage, zweifelte an sich selbst.

Denn wenn die Grünen jetzt auf die Mitte setzen, passt sie dann noch zu dieser Partei? Sie ist eine Linke, sie ist emotional, sie polarisiert. In ihrer Bewerbungsrede in Hannover betont die 57-Jährige, sie wolle so bleiben, wie sie sei: "Mit Kanten und Ecken" und eine Nervensäge eben. An manchen Stellen ihrer Rede stockt sie und ringt um Worte. "Ihr müsst beantworten, ob das Vertrauen noch da ist." Die positive Antwort folgt wenige Minuten später.

Dass Roth Niederlagen wegstecken kann, hat sie schon mehrfach bewiesen. Zum Beispiel vor genau zehn Jahren in derselben Parteitagshalle in Hannover. Damals votierten die Delegierten weiter für eine Trennung von Parteiamt und Abgeordnetenmandat. Roth und ihr damaliger Co-Vorsitzender Fritz Kuhn waren gerade in den Bundestag eingezogen. Sie mussten den Chefposten in der Partei abgeben, die Grünen das Führungspersonal austauschen. Damals sagte Roth: "Jetzt gibt es kein Beleidigtsein. Ich werde weiterkämpfen . Monate später war sie wieder Parteivorsitzende.