GrüneClaudia Roths Mini-Comeback

Auf den "Candystorm" folgt die Kür: Auf dem Parteitag bekommt Claudia Roth fast 90 Prozent der Stimmen und bleibt Bundesvorsitzende der Grünen. von 

Sie trägt kein Schwarz mehr. Für ihren Auftritt auf dem Parteitag in Hannover hat Claudia Roth ein beiges Sakko mit ritzegrünen Nähten ausgewählt. Die sieben Tage zuvor, nach der für sie enttäuschenden Urwahl , war sie bei ihren wenigen öffentlichen Auftritten immer in dunkler Kleidung gesichtet worden. Selbst ihr Umfeld war darüber verwundert gewesen.

Doch nun ist die alte, die eher bunte Roth wieder da. Es ist Tag zwei des grünen Delegiertentreffens in Hannover , später Nachmittag, der Parteivorstand wird neu gewählt. Roths Wiederwahl als Grünen-Vorsitzende war mit Spannung erwartet worden. Dabei war das später sehr gute Ergebnis eigentlich vorprogrammiert. Die Grünen wollen ihrer Spitzenpolitikerin signalisieren, dass die Entscheidung weiterzumachen, die richtige war.

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Die Vorsitzende bekommt 88,4 Prozent der Delegiertenstimmen. Für die diskutierfreudige Partei ist das so etwas wie ein 99-Prozent-Ergebnis. Im Jahr 2006 war Roth, die das Parteiamt schon seit zehn Jahren inne hat, mit bloß 66 Prozent im Amt bestätigt worden. An diesem Samstag nun bescheren die grünen Delegierten ihrer langjährigen Vorsitzenden eine riesige, dicke und sogar nicht nur virtuelle Trost-Umarmung.

Özdemir will der "Mann von Claudia" sein

Auf den "Candystorm" auf Twitter vom vergangenen Wochenende folgt der ganz reale: Grüne Delegierte werfen nach ihrer Bewerbungsrede Bonbons auf Roth. Nach ihrer Wiederwahl eilt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Parteitagsbühne und gratuliert der Identifikationsfigur der Linken, und der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck , streichelt Roth den Kopf. Sie strahlt. Später sagt der Co-Vorsitzende Cem Özdemir in seiner Bewerbungsrede, er wolle weiter der "Mann von Claudia" sein. Roth klatscht.

Die Delegierten haben ihre Mission erfüllt. Schließlich hatte ihre Vorsitzende an Rücktritt gedacht, nachdem sie vergangenes Wochenende beim Mitgliederentscheid um das grüne Spitzenduo für die Bundestagswahl 2013 nur auf Platz vier gelandet war. Die Grüne Basis hatte lieber zwei Spitzenkandidaten für die (bürgerliche) Mitte gewählt, wie auch alle Führungspolitiker in Hannover immer wieder stolz betonten. Roth tauchte ab, zwei Tage, zweifelte an sich selbst.

Denn wenn die Grünen jetzt auf die Mitte setzen, passt sie dann noch zu dieser Partei? Sie ist eine Linke, sie ist emotional, sie polarisiert. In ihrer Bewerbungsrede in Hannover betont die 57-Jährige, sie wolle so bleiben, wie sie sei: "Mit Kanten und Ecken" und eine Nervensäge eben. An manchen Stellen ihrer Rede stockt sie und ringt um Worte. "Ihr müsst beantworten, ob das Vertrauen noch da ist." Die positive Antwort folgt wenige Minuten später.

Dass Roth Niederlagen wegstecken kann, hat sie schon mehrfach bewiesen. Zum Beispiel vor genau zehn Jahren in derselben Parteitagshalle in Hannover. Damals votierten die Delegierten weiter für eine Trennung von Parteiamt und Abgeordnetenmandat. Roth und ihr damaliger Co-Vorsitzender Fritz Kuhn waren gerade in den Bundestag eingezogen. Sie mussten den Chefposten in der Partei abgeben, die Grünen das Führungspersonal austauschen. Damals sagte Roth: "Jetzt gibt es kein Beleidigtsein. Ich werde weiterkämpfen . Monate später war sie wieder Parteivorsitzende.

Leserkommentare
  1. Diese für Augen und Ohren grelle Dame ist der Hauptgrund, weshalb ich die Grünen - trotz Sympathie - nicht wähle.

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    • Socke9
    • 17. November 2012 20:04 Uhr

    Naja, was die Augen empfinden ist bei der Bewertung von PolitikerInnen völlig unerheblich.
    Auch sie würde mich nicht davon abahlten die Grünen zu wählen.
    Aber die Tatsache dass sie so viel Unterstützung erhält.

    • doch40
    • 17. November 2012 21:14 Uhr

    Wer jemanden wählt oder nicht wählt, weil einem die Art nicht passt, mit der/die ihre/seine Positionen vorträgt und nicht auf die Inhalte achtet, ist politsich unmündig.

    Unvergessen, wie sie (vermutlich leicht angeschwippst) über die Türkei ins Schwärmen geriet:

    http://www.youtube.com/wa...

    Ach, ich wünschte mir, unsere Spitzenpolitiker hätten auch nur halbsoviel Herzblut übrig für das Land, von dem sie leben. Wirklich schade, daß der Interviewer nicht so geistesgegenwärtig war, sie direkt im Anschluß über ihr Verhältnis zu Deutschland zu befragen. Vermutlich wäre ihr nur zähneknirschend etwas von „Buntheit“ über die Lippen gekommen.

    Das hätte gepasst: Bei der Türkei ist es die türkische Gastfreundschaft, die türkische Herzlichkeit, der türkische Überschwang, die türkische Küche, die türkischen Menschen, die türkische Kultur und Geschichte, die Landschaft etc., und bei Deutschland ist es die „Buntheit“, also all das, was nicht autochthon deutsch ist und erst von außen hineingekommen ist. Deutsch??? So was gibt es doch gar nicht! Definier das doch mal erstmal einer...

    Solche Politiker braucht unser Land!

    • Fachnir
    • 18. November 2012 18:04 Uhr

    Wir können sowieso immer nur vage ahnen, wer und wie eine Person nun sein könnte und keine der Spitzenpolitiker/Innen bei den Grünen steht für die gesamte Partei.

    Insofern knabber ich noch an der Wahl von Frau Göring-Eckhardt herum und frage, ob mich das abhalten würde, die Grünen zu wählen.

    Spontan würde ich sagen ja, aber dann wieder: Keiner steht für die gesamte Partei.

    Ich stimme - ebenso als wirklicher Sympathisant der ersten Stunde (Anf. der Achtziger) - absolut mit Ihnen überein. Ich habe die Dame eben gerade bei Frau Maischberger gesehen und muss einfach sagen, dass so ein egozentrischer, selbstgerechter Mensch für mich nicht wählbar ist - natürlich neben anderen Politikern auch (aller Parteien)

    • bond24
    • 17. November 2012 20:03 Uhr

    die Restlaufzeit für diese Frau ist einfach zu hoch und das Risiko von Fehlentscheidungen unverantwortlich. Daher sofort abschalten wäre besser. Rot Grün noch einmal mit diesem Personal wird zur Angleichung der Lebensverhältnisse mit den Südländern führen.

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    Wenn die GRÜNEN das schaffen, die Verhältnisse der Südländer (gemeint sind vermutlich südeuropäische Länder, oder nicht?) auch in D herbeizuführen, bekämen sie vermutlich eher 40 als 30 % der Stimmen.

    Das wäre doch was: Bars mit leckeren Croissants, tollem Espresso oder Cappuccino für 1,30€, Oliven, Zitronen, einen hervorragenden Käse für jeden Tag, phanatastische Märkte, viel Kultur, viel Sonne.

    Ich bräuchte nur noch einen schnellen, ökologisch korrekten Verkehrsträger, der die Fahrt zu unserem Meer (schon in der Antike sprachen wir vom mare nostrum) übernimmt.

    Frankfurt-Genua in vier Stunden wäre so ein grün-europäischer Traum von mir.

    Dolce Vita? Ich werde GRÜN wählen.

    Naturgemäß auch, weil ich gerne anders regiert würde als von Kristina Schröder und Dirk Niebel.

    Auf Trittin und KGE freue ich mich.

    z. B. Baden-Württemberg? - Es wäre toll, würde das auch auf Bayern überschwappen.

    • Socke9
    • 17. November 2012 20:04 Uhr

    Naja, was die Augen empfinden ist bei der Bewertung von PolitikerInnen völlig unerheblich.
    Auch sie würde mich nicht davon abahlten die Grünen zu wählen.
    Aber die Tatsache dass sie so viel Unterstützung erhält.

    Antwort auf "... nein, danke ..."
  2. Claudia Roth ist lediglich das linke Alibi der Partei, die kaschieren soll, dass die Partei da hin gekommen ist, wo sie nach Gründung eigentlich nie hin wollte.

    Roth dient lediglich dazu, der Partei ein linkes Mäntelchen zu verpassen, hinter dem sich "Schwarz-Grün" sehr gut aushandeln lässt.

  3. Claudia Roth ist einmalig. Zwei von der Sorte in einer Partei wären auch nicht auszuhalten. Doch sie wäre gut beraten, sich jetzt mal ein paar Gedanken über ein Leben jenseits des Politzirkus zu machen, von dessen Applaus sie so abhängig zu sein scheint. Und falls die Grünen doch am Ende zu Merkel umschwenken - wird Claudia nicht dabei sein. Denn sie hat etwas, was nicht alle Grünen haben: Prinzipientreue.

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    Wenn Frau Roth tatsächlich Prinzipien hätte, dann hätte sie die Partei schon längst verlassen, wie so viele andere auch bisher.
    Die Grünen sind ja schließlich nicht als Kriegspartei und Partei des Establishments angetreten.
    Hörens- oder sehenswert und dieses Interview hier:
    http://www.dradio.de/dlf/...

    Natürlich hat sie die. Sie bleibt SICH stets SELBER treu. Ich nenne das konsequent ausgelebten Narzissmus.

  4. Wenn Frau Roth tatsächlich Prinzipien hätte, dann hätte sie die Partei schon längst verlassen, wie so viele andere auch bisher.
    Die Grünen sind ja schließlich nicht als Kriegspartei und Partei des Establishments angetreten.
    Hörens- oder sehenswert und dieses Interview hier:
    http://www.dradio.de/dlf/...

    Antwort auf "Einmalig"
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    • Moika
    • 18. November 2012 9:25 Uhr

    Das erste Prinzip dieser Partei ist wohl: Funktionäre untereinander halten sich gegenseitig im Boot, egal welches Wetter draußen herrscht.

    Dieses Prinzip u.a. hat aus der grünen Protestbewegung in den letzten Jahrzehnten eben auch eine Allerweltspartei - mit allerdings linkem Touch, gemacht.

    Die Chuzpe dieses Wahlergebnisses ist doch die reine Trotzreaktion auf das Ergebnis der kürzlichen Mitgliederbefragung. Rund Dreiviertel der Abstimmenden schlossen dabei Frau Roth bewußt von der Wahlkampfspitze aus. Aber für die Parteispitze selbst gilt das nicht? Da die Grünen wohl kaum in die Verdrückung kommen werden, die Kanzlerin oder den Kanzler stellen zu müssen, ist und bleibt die Parteispitze der wesentliche und wichtigste Teil dieser Partei.

    Ob die Abstimmenden das so wollten, wage ich zu bezweifeln.

  5. 7. [...]

    Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/fk.

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema und richten Sie Kritik an der Moderation direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

  6. Dies Frau hat Prinzipien...basta. Sie ist PRIMA. Sie ist der Rettungsanker...wenn was ich denke die Spd mit Mer kel geht......

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    Ob Claudia Roth Prinzipien hat oder nicht, da werde ich wohl mit keinem auf einen Nenner kommen. Muss ja auch nicht.

    Nur als ich gestern Göring-Eckhardts Rede mit dem Ausschließen von Schwarz-Grün gesehen habe, dachte ich mir nur folgendes:
    Sowohl Grüne (Göring-Eckhardt, Özdemir), als auch Sozialdemokraten (Steinbrück) lehnen ein Bündins mit der Union ab. Einer von beiden muss ja wohl lügen.
    Ich persöhnlich glaube nicht, dass Rot-Grün zustande kommt. Da niemand Rot-Rot-Grün will, wird einer von den beiden Parteien (SPD oder Grüne) mit der Begründung "Wir brauchen eine stabile Regierung" ihre Prinzipien sehr schnell fallen lassen und die wichtigen Pöstchen verteilen.
    Positionen sind da sicherlich nebensächlich.

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  • Schlagworte Grüne | Cem Özdemir | Claudia Roth | Fritz Kuhn | Bundestag | Bundestagswahl
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