Steinbrück-Auftritt"Sie brauchen häufig bei mir keinen Decoder"

Exorbitante Honorare? Streit im Team? Damit hält sich Steinbrück nicht auf. Lieber spricht er über rot-grüne Machtoptionen – und das Kurzzeitgedächtnis der Kanzlerin. von dpa und dapd

Steinbrück Ende September im Willy-Brandt-Haus in Berlin

Steinbrück Ende September im Willy-Brandt-Haus in Berlin  |  © Tobias Schwarz/Reuters

Peer Steinbrück ist ein Freund der klaren Worte – auch in eigener Sache. Bei einem Auftritt im Willy-Brandt-Haus bezieht der Sozialdemokrat Stellung zu den ersten acht Wochen seiner Kanzlerkandidatur – schwierige, ungemütliche Wochen für den früheren Finanzminister , der sich in Gestus und Gesinnung aber keine Vorwürfe macht.

"Wenn man antritt und dann auch schwierige Phasen durchmacht, kann man nicht einfach nach dem Motto verfahren: 'Wenn das so ist, Herr Förster, dann lege ich das Reh auf die Lichtung zurück'", sagte Steinbrück. "Sie können nicht lavieren und sagen, ich teste das mal." Nein, er habe nicht vor, eine politische Geschlechtsumwandlung vorzunehmen und wolle sich auch künftig nicht verstellen. "Sie brauchen häufig bei mir keinen Decoder."

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Kein gutes Haar lässt der Kandidat an den Journalisten. Er vermisst die inhaltliche Auseinandersetzung, kritisiert "psychologisierende Formen" in der Berichterstattung, berichtet von Gerüchten, die gestreut würden, über Nachforschungen, ob er ungenutzte Mietwohnungen habe und ob er bei Vorträgen Fahrtkosten kassiert habe, obwohl er die Bahncard 100 für Abgeordnete nutzte . "Es wird jetzt jeder Stein rumgedreht."

Lobende Worte hat der 65-Jährige für seine Parteigenossen. Einst hatte er sie als "Heulsusen" beschimpft, die sich in Detaildebatten verbeißen, die die Öffentlichkeit interessierten "wie ablaufendes Badewasser". Doch nun, freut sich Steinbrück, stehe diese Partei "solidarisch an meiner Seite". In der Parteizentrale würden sie zu ihm sagen: "Wir passen schon auf, dass Du nicht kaputt geschossen wirst."

Dass er an diesen Angriffen selbst nicht ganz unschuldig ist, mag Steinbrück an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus gern zugeben. Zum umstrittenen Redehonorar in Höhe von 25.000 Euro bei den Stadtwerken Bochum sagte er: "Mein Antennenapparat hätte mir früher sagen müssen, dass das nicht hinhaut." Und "Online-Berater" Roman Koidl, der Schweizer Autor und Unternehmer, der das Wahlkampfteam schon wieder verlassen hat, habe ja, so Steinbrück, ohnehin noch keinen Vertrag gehabt. Im Übrigen sei es für ihn "nicht entscheidend, ob jemand für Hedgefonds tätig war oder bei den St.Pauli-Nachrichten gearbeitet hat".

Nun also der Blick nach vorn: Das Team für die politische Wahlkampfführung mit Generalsekretärin Andrea Nahles an der Spitze arbeite "am Feinschliff". Man will Neues ausprobieren. "Das Großkundgebungsmodell 'Einmarsch – Klatschmarsch – Frontalunterricht' hat sich etwas überlebt." Stattdessen: Bürger dürfen am Wahlprogramm mitschreiben, die SPD will wie Frankreichs Sozialisten Millionen Menschen einen Hausbesuch abstatten.

Am Ende steht für Steinbrück die reale Machtoption für Rot-Grün – trotz stagnierender Umfragewerte für die SPD. Derzeit liege die SPD in den Umfragen bei 28 bis 30 Prozent, er sei aber überzeugt, dass es im Wahlkampf gelingen könne, da noch "drei bis vier Punkte draufzulegen", sagte er. " Wenn die Grünen ihr Niveau halten , dann haben wir eine Mehrheit."

Bleibt noch: Angela Merkel . Eine Wechselstimmung gegen die Bundeskanzlerin kann zwar auch Steinbrück nicht ausmachen – "möglicherweise gibt es da keine" –, aber ihre schwarz-gelbe Koalition habe "keine Perspektive". Zudem müsse man die "Volten" der Bundeskanzlerin im Wahlkampf offen legen. "Sie sagt den Menschen gerade bei der Euro-Rettung nicht die Wahrheit ." Manchmal sei das Kurzzeitgedächtnis der größte Freund dieser Regierung, sagt der Herausforderer, der ansonsten nur ein vergiftetes Lob für die Kanzlerin übrig hat: So habe sie die "glänzende Eigenschaft", so lange abzuwarten, bis klar ist, wohin der Wind weht. Man fühle sich mit ihr als Pilotin im Flugzeug sehr sicher. "Nur wo man landet, das weiß man nicht."

Und wie will er sie packen? Mit einer Geschichte, die den Leuten klarmache, warum sie SPD wählen sollen. Diese Geschichte muss Steinbrück nun noch suchen. Die angekündigte Initiative gegen Wohnungsnot und steigende Mieten ist vielleicht ein Anfang.

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Leserkommentare
  1. Peer Steinbrück kann machen was er will, es wird ihm und der SPD nicht nützen - wenn er was für die SPD tun will, dann sollte er dafür sorgen, dass sich die SPD-Spitze endlich komplett erneuert und er sollte die Kanzlerkandidatur aufgeben; Er ist schlicht für die potenziellen SPD-Wähler der falsche Mann zur falschen Zeit mit der falschen Botschaft und der falschen Mentalität für Kanzler. Finanztechnisch ausgedrückt hat er für die SPD als Kanzlerkandidat einen negativen Marktwert. Es ist sehr angebracht dem aktuell übrig gebliebenen Kanzlerkandidaten Steinbrück, und natürlich der aktuellen SPD-Führung insgesamt mit großem Misstrauen zu begegnen, denn: Wer hat's gemacht? Die SPD hat's gemacht! Die Agenda 2010, unter anderem mit Harz4, Rentenkürzung auf 43% und Riesterrente, bedeutet erst einmal recht einseitig noch mehr Profit und Wachstum für Reiche und Ihre Vermögen und jede Menge Belastungen und Zumutungen wie massenhaft Leiharbeit, Lohndumping und Teilzeitjobs für Normalbürger und ganz besonders für Arme und sowieso schon Benachteiligte. Keine Partei hat seit langem die Interessen seines Wählerklientel so heuchlerisch und skrupellos verraten wie die SPD unter Schröder, Müntefering, Clement, Müller, Steinmeier, Steinbrück, Gabriel, Nahles u. a. Die SPD ist mit dem alten Personal und ihrem weiter so gegen die Interessen des eigenen Wählerklientel einfach nicht wählbar und leider keine glaubhafte und ernst zu nehmende Alternative zur CDU/CSU!

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    Wer so denkt und das auch noch öffentlich verbrämt kund tut, als sei er an einem Machtwechsel in Richtung Rot-Grün interessiert, scheint keinen blassen Schimmer von Parteistrukturen, realistischen Machbarkeiten und pragmatischer Wahrnehmung zu haben. Was soll der Unsinn vom Austausch der Führungsspitze, was soll das Gezeter über Vergangenes und leider nicht mehr rückgängig zu Machendes. So betreibt man Demontage an einer noch nicht einmal ausgereiften Option gegen die Verkrustungen einer Merkel-Politik, die nichts bewegt hat, die von ihrem Wurmfortsatz FDP stetig blockiert wird und die nur deshalb scheinbar so gut da steht, weil vorher Rot-Grün und danach Schwarz-Rot die Geschicke des Landes gelenkt haben. Die Frage ist doch nicht, was einem gefällt, sondern was ist realistisch in Zukunft zu verändern und da eine parlamentarische Demokratie wie die unsrige keine großen Spielräume zulässt, soll Steinbrück und seine Mannschaft gegen die Gurkentruppe zwischen Crazy Hort und dem Weinbrüderchen mit Verve antreten und vor allem mit Hilfe der Grünen unserer Politik einen anderen Anstrich geben. Dass der Wendebereich sehr klein ist, wissen wir doch alle, aber sozial gesehen, sind schon 10% eine ganze Menge.

  2. "Wie in der Honoraraffäre ist Steinbrück unfähig, die Wirkung seiner Entscheidungen einigermaßen solide zu kalkulieren.

    Das ist eine Instinktlosigkeit, die keinem Mangel an Intelligenz, sondern einem allzu großformatigen Selbstbewusstsein geschuldet ist.

    Taugt so ein Ego-Shooter, dessen Lernfähigkeit offenbar enge Grenzen hat, als Kanzlerkandidat? Oder sogar als Kanzler? Die SPD hat zwei Probleme: Merkel und Steinbrück."
    http://taz.de/Kommentar-W...

    Die taz bringt es wiedermal auf den Punkt.

    Steinbrück ist arrogant und unbelehrbar.

    Inhaltlich? Steinbrück vertritt eine neoliberale SPD, die mühsam Kreide runter gewürgt hat.

    Unwählbar!

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    Zitat:
    Taugt so ein Ego-Shooter, dessen Lernfähigkeit offenbar enge Grenzen hat, als Kanzlerkandidat? Oder sogar als Kanzler?

    Auf jeden fall besser eine Frau Mutter der Nation die sich damals (noch nicht Kanzlerin) in den Bundestag hingestellt hat und gesagt hat wir sollen doch alle bitte G.W.Bush unterstützen bei seinen Vorbereitungen auf den kontraproduktiven Irak-Krieg !

    • Dr.No
    • 23. November 2012 9:10 Uhr

    Dieser Mann ist eine Nullnummer.
    Wirtschaftskompetenz? Der Mann hat noch nie in seinem Leben in der freien Wirtschaft gearbeitet. Sonst wüsste er, wie erbittert in der realen Wirtschaft um 25.000 € gekämpft wird. Stadtwerke Bochum. Da geht man als SPD-Mann natürlich umsonst hin, Landschaftspflege. So wie man als Unternehmen eine Messe veranstaltet, damit die Kunden auf den Stand kommen und guten Tag sagen, man kennt sich und ist nett zueinander. Es ist alles ein Geben und Nehmen. Diese Gier von Herrn Steinbrück stößt die Menschen ab - bis weit in den Mittelstand hinein. Die SPD kapiert es einfach nicht.

    Er wurde gefragt, warum er kandidiert und gab als Antwort: Eitelkeit. Sorry, so einen will ich nicht. "Ask not what the country can do for you, ask what you can do for your country". Kennedy, Antrittsrede 1961. Und damit hatte Kennedy die gemeint, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen, nicht die Verlierer.

    Nach Willy Brandt war jeder Kanzler schlechter als sein Vorgänger: Brandt - Schmidt - Kohl - Schröder - Merkel. Insofern wäre Steinbrück die logische Fortsetzung dieser Folge. Aber ich hoffe sehr, dass uns das erspart bleibt.

    Lieber Gott, lass diesen Peer an uns vorüber gehen.

  3. war die SPD ein echter Wahlkampfschreck. Nun ist sie ein Wahlkampfwitz. Zuerst der biedere Agenda-Mitbegründer Steinmeier, der von Anfang an auf den Posten des Vizekanzlers geschielt hat und nun Steinbrück, der Liebling der Finanzlobby (auch wenn er denen in seinen Vorträgen - aber mal echt jetzt - so richtig dolle die Leviten liest). Eine CDU light mit solchen Figuren an der Spitze wählt doch niemand - zurecht!!

    Selbst nach der 23% Ohrfeige hat man sich nicht erneuert. Vielleicht braucht es einen prächtigen Fausthieb, damit man sich von den unglaubwürdigen Altvorderen und Agenda-Befürwortern verabschiedet.

  4. Der Herr Steinbrück und die SPD, wird noch am Heutigen Tage, Deutschland Milliarden kosten.

  5. Was Herr Steinbrück an Nebeneinkünften hat, interessiert mich nicht. Der Name Steinbrück steht für die Politik der Regierung Schröder - und im Vergleich zu der war die Kohl-Regierung geradezu sozialistisch.
    Ich sehe mich politisch links, aber Frau Merkel ist mir immer noch lieber als dieser Mann. Ich hätte das nie für möglich gehalten.

    Bei dem Stichwort "Rot-Grün" wird es vielen Menschen angst und bange - und das sind diejenigen, die UNTEN stehen in der Gesellschaft.

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    Entfernt. Bitte formulieren Sie ihre Kritik sachlich. Danke, die Redaktion/jp

    Zitat:
    Der Name Steinbrück steht für die Politik der Regierung Schröder - und im Vergleich zu der war die Kohl-Regierung geradezu sozialistisch.

    Das was unter Schröder beschlossen wurde und noch viel mehr hatte die Kohl-Regierung auch schon vorgehabt.
    Ihr fehlt dazu nur die erforderliche Mehrheit im Bundesrat ;-)

    "Ich sehe mich politisch links, aber Frau Merkel ist mir immer noch lieber als dieser Mann. Ich hätte das nie für möglich gehalten" (@Paranoid Android)

    Leider - es geht mir haargenau so!

    Die flapsig-dümmliche Art, wie er sich verteidigt z.B. es sei für ihn "nicht entscheidend, ob jemand ( wie Koidl) für Hedgefonds tätig war oder bei den St.Pauli-Nachrichten gearbeitet hat",
    toppt ja noch Merkels schrägen Vergleich, als die sich öffentlich vor den entlarvten Plagiatsdoktor und Verteidigungsminister zu Guttenberg stellte, sie habe keinen "wissenschaftlichen Assistenten" angestellt.

    2010 gab musste der teure "Finanzexperte" Steinbrück in einer Beckmann-Sendung auf Nachfrage zugeben, über keinerlei Fachwissen hinsichtlich "Hedgefonds" zu verfügen, während er sich gleichzeitig markig auf internationaler Bühne für eine Regulierung derselben stark machte.

    Er ist ein "Blender" par excellance wie sein Nun-nicht-mehr-Onlineberater, der Autor u. ehem.Hedgefondsmanager Roman Maria Koidl diese Spezies in seinem gleichlautend getitelten Sachbuch 1:1 passend beschrieben hat.
    Steinbrück brauchte keinen Spiegel mehr, würde er da mal reinschauen, vorausgesetzt, er könnte sich darin wiedererkennen.
    Aber wie er nun bekannt gibt, sind vor allem die Journalisten an seinem "Fehlstart" schuld.

    Tipp:
    Das Buch ist wirklich klasse! Habe es mehrfach verschenkt.
    "Blender: Warum immer die Falschen Karriere machen"
    von Roman Maria Koidl, 2012 (aus Insiderperspektive)

  6. Entfernt. Bitte formulieren Sie ihre Kritik sachlich. Danke, die Redaktion/jp

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    "Das ist nicht nur paranoid. Das ist auch schizophren."

    Richtige Bewertung zu einem offensichtlichen "false flag"-Kommentar.

  7. links hinter dir (siehe Foto, Steinbrück Ende September im Willy-Brandt-Haus in Berlin) steht jemand, der sieht so aus bzw. nimmt eine Haltung ein, als würde er dich am liebsten gleich am Schlafittchen packen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, dapd, kg
  • Schlagworte SPD | Angela Merkel | Grüne | Andrea Nahles | Bahncard | Berichterstattung
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