Peer Steinbrück ist ein Freund der klaren Worte – auch in eigener Sache. Bei einem Auftritt im Willy-Brandt-Haus bezieht der Sozialdemokrat Stellung zu den ersten acht Wochen seiner Kanzlerkandidatur – schwierige, ungemütliche Wochen für den früheren Finanzminister , der sich in Gestus und Gesinnung aber keine Vorwürfe macht.

"Wenn man antritt und dann auch schwierige Phasen durchmacht, kann man nicht einfach nach dem Motto verfahren: 'Wenn das so ist, Herr Förster, dann lege ich das Reh auf die Lichtung zurück'", sagte Steinbrück. "Sie können nicht lavieren und sagen, ich teste das mal." Nein, er habe nicht vor, eine politische Geschlechtsumwandlung vorzunehmen und wolle sich auch künftig nicht verstellen. "Sie brauchen häufig bei mir keinen Decoder."

Kein gutes Haar lässt der Kandidat an den Journalisten. Er vermisst die inhaltliche Auseinandersetzung, kritisiert "psychologisierende Formen" in der Berichterstattung, berichtet von Gerüchten, die gestreut würden, über Nachforschungen, ob er ungenutzte Mietwohnungen habe und ob er bei Vorträgen Fahrtkosten kassiert habe, obwohl er die Bahncard 100 für Abgeordnete nutzte . "Es wird jetzt jeder Stein rumgedreht."

Lobende Worte hat der 65-Jährige für seine Parteigenossen. Einst hatte er sie als "Heulsusen" beschimpft, die sich in Detaildebatten verbeißen, die die Öffentlichkeit interessierten "wie ablaufendes Badewasser". Doch nun, freut sich Steinbrück, stehe diese Partei "solidarisch an meiner Seite". In der Parteizentrale würden sie zu ihm sagen: "Wir passen schon auf, dass Du nicht kaputt geschossen wirst."

Dass er an diesen Angriffen selbst nicht ganz unschuldig ist, mag Steinbrück an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus gern zugeben. Zum umstrittenen Redehonorar in Höhe von 25.000 Euro bei den Stadtwerken Bochum sagte er: "Mein Antennenapparat hätte mir früher sagen müssen, dass das nicht hinhaut." Und "Online-Berater" Roman Koidl, der Schweizer Autor und Unternehmer, der das Wahlkampfteam schon wieder verlassen hat, habe ja, so Steinbrück, ohnehin noch keinen Vertrag gehabt. Im Übrigen sei es für ihn "nicht entscheidend, ob jemand für Hedgefonds tätig war oder bei den St.Pauli-Nachrichten gearbeitet hat".

Nun also der Blick nach vorn: Das Team für die politische Wahlkampfführung mit Generalsekretärin Andrea Nahles an der Spitze arbeite "am Feinschliff". Man will Neues ausprobieren. "Das Großkundgebungsmodell 'Einmarsch – Klatschmarsch – Frontalunterricht' hat sich etwas überlebt." Stattdessen: Bürger dürfen am Wahlprogramm mitschreiben, die SPD will wie Frankreichs Sozialisten Millionen Menschen einen Hausbesuch abstatten.

Am Ende steht für Steinbrück die reale Machtoption für Rot-Grün – trotz stagnierender Umfragewerte für die SPD. Derzeit liege die SPD in den Umfragen bei 28 bis 30 Prozent, er sei aber überzeugt, dass es im Wahlkampf gelingen könne, da noch "drei bis vier Punkte draufzulegen", sagte er. " Wenn die Grünen ihr Niveau halten , dann haben wir eine Mehrheit."

Bleibt noch: Angela Merkel . Eine Wechselstimmung gegen die Bundeskanzlerin kann zwar auch Steinbrück nicht ausmachen – "möglicherweise gibt es da keine" –, aber ihre schwarz-gelbe Koalition habe "keine Perspektive". Zudem müsse man die "Volten" der Bundeskanzlerin im Wahlkampf offen legen. "Sie sagt den Menschen gerade bei der Euro-Rettung nicht die Wahrheit ." Manchmal sei das Kurzzeitgedächtnis der größte Freund dieser Regierung, sagt der Herausforderer, der ansonsten nur ein vergiftetes Lob für die Kanzlerin übrig hat: So habe sie die "glänzende Eigenschaft", so lange abzuwarten, bis klar ist, wohin der Wind weht. Man fühle sich mit ihr als Pilotin im Flugzeug sehr sicher. "Nur wo man landet, das weiß man nicht."

Und wie will er sie packen? Mit einer Geschichte, die den Leuten klarmache, warum sie SPD wählen sollen. Diese Geschichte muss Steinbrück nun noch suchen. Die angekündigte Initiative gegen Wohnungsnot und steigende Mieten ist vielleicht ein Anfang.