Herbert Wehner war stinksauer. An diesem 13. März 1975 wurde im Bundestag der RAF-Terrorismus debattiert, es ging um den bis dahin schärfsten Angriff auf die innere Sicherheit der Bundesrepublik. Die Fronten waren verhärtet. Die Union unterstelle allen Linken, zum "Dunstkreis" der RAF zu gehören, grollte der SPD-Fraktionsvorsitzende. Dann schleuderte er dem CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß einen Satz entgegen, der in die Parlamentsgeschichte eingehen sollte: "Das ist alles, was Sie am Kampf gegen den Terrorismus interessiert; denn Sie sind selber geistig Terrorist!"

Lesen Sie hier das ausführliche Gesprächsprotokoll mit Gerhart Baum. (Klick auf das Bild) © Steffi Loos/dapd

37 Jahre später lacht Gerhart Baum , als er sich an diesen Vorfall erinnert. "Wenn man leidenschaftlich argumentiert, führt das auch mal zu Erregungszuständen", sagt der FDP-Politiker, der damals Abgeordneter und Staatsekretär im Bundesinnenministerium war. Von den Streithähnen Wehner und Strauß könnten die Nachfolger so einiges lernen, sagt der 80-Jährige: "Die Abgeordneten von heute funktionieren. Aber dass sie wirklich für etwas brennen, ist selten. Ich weiß nicht, ob junge Politiker heute überhaupt noch wissen, was Streitkultur ist."

Streiten Politiker heute wirklich weniger als früher? ZEIT ONLINE hat vier Zeitzeugen befragt, erfahrene Politiker, die jahrzehntelang das Geschehen im Parlament mitbestimmt haben: Gerhart Baum , den langjährigen SPD-Abgeordneten Ludwig Stiegler , CDU-Mitglied Wolfgang Bosbach und die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ( CDU ). Alle kommen zum selben Ergebnis: Politiker haben kaum noch Lust auf Streit.

Politischer Streit war früher grundsätzlicher

Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass es früher leichter war, so richtig zu streiten. Denn in der "Bonner Republik", so sagen alle vier, wurden – anders als heute – sehr grundsätzliche Fragen verhandelt, bei denen eine klare Meinung gefragt war: Westbindung und Wiederbewaffnung, Nato-Mitgliedschaft und Notstandsgesetze, der Umgang mit dem Sozialismus. Tiefe Gräben hätten damals Politik und Bevölkerung durchzogen, sagt beispielsweise Bosbach , heute 60 Jahre alt und seit 1972 Parteimitglied. Um Differenzen deutlich zu machen, habe man gerne ein "Schreckensbild des politischen Gegners gemalt", erinnert sich Stiegler. "Früher war mehr Grundsatzstreit in der Politik, heute geht es um Details." Die Debatte über Fachthemen sei inzwischen "eher technischer Natur und oft leider nur für Spezialisten interessant".

Aber ist die Euro-Rettung nicht ein mindestens so grundsätzliches Thema wie die Nato-Mitgliedschaft? Schon, nur sind sich im Gegensatz zu damals heute alle Parteien im Bundestag über das Ziel einig, Europa und den Euro schützen zu wollen. Diskutiert wird lediglich über den richtigen Weg. Dennoch vermisst Baum Leidenschaft in dieser Debatte: "Politik lebt von Emotionen, nicht nur von der Ratio."

Angriffe nur hinter verschlossenen Türen

Das Problem beginne, wenn man sich fragen müsse, wer da eigentlich spricht, der Abgeordnete oder die Partei, sagt Süssmuth. Oftmals gäben Politiker nur wieder, was offizielle Parteiposition sei. In einer Demokratie führe das aber nirgendwohin, sagt die 75-Jährige. "Politiker reden oft nur noch abstrakt, um möglichst keine Wählerschicht zu verschrecken", pflichtet ihr der Tübinger Rhetorik-Professor Joachim Knape bei. Was sich Regierungs- und Oppositionsfraktionen im Bundestag zu sagen hätten, sei inzwischen vorhersehbar.

Streiten sich tatsächlich einmal Politiker innerhalb einer Partei, findet das kaum Niederschlag im Parlament. "Die heftigen verbalen Angriffe passieren meist hinter verschlossenen Türen", sagt Knape. Und werden doch schnell öffentlich. "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen", herrschte Kanzleramtsminister Ronald Pofalla beispielsweise im Herbst 2011 den Euro-Rettungsschirmgegner Bosbach in einer internen Beratung an. Wenig später stand's in der Zeitung. Bosbach antwortete darauf ebenfalls mithilfe der Medien.

Das ist typisch: Die parlamentarische Debatte verödet, dafür werden politische Auseinandersetzungen über Distanz, nämlich via Interview, Talkshow oder Fernsehstatement ausgetragen. Während früher nur der rhetorisch herausragende Redner im Gedächtnis geblieben sei, reiche heute "ein dröger 30-Skunden-Aufsager im Fernsehen, um dem politischen Gegner Paroli zu bieten", sagt Knape.

Streit suggeriert Wirtshauskeilerei

So sehr sie den medialen Kanal für eigene Angriffe nutzen, so sehr fürchten Politiker zugleich das veröffentlichte Wort. "Die Medien müssen sich fragen, ob sie Streit in der Politik nicht zu sehr abqualifizieren", sagt Baum. "Heute heißt es 'CDU ist total zerstritten über…' und schon hat das Publikum statt einer Sachdebatte eine wüste Wirtshauskeilerei vor Augen", sagt auch Bosbach, der sich gut daran erinnert, wie er und andere Abweichler von der Fraktionsführung wegen ihrer abweichenden Meinung in der Euro-Frage ermahnt wurden.

Nicht immer siegt der Stärkere

"Die deutschen Wähler mögen eben keine zerstrittenen Parteien", sagt Stiegler. Süssmuth würde das nicht so stehen lassen: "In der Politik und in den Parteien schätzen wir Loyalität, aber wir schätzen auch alternatives Denken und die abweichende Meinung." Das hört sich gut an, nur dachte offenbar selbst der leidenschaftliche Wehner anders. Abweichler seien von ihm in der Fraktion manchmal demonstrativ gesiezt worden, erinnert sich Stiegler. "Da wusste man genau, wie groß die Verdammnis ist."

Wie sehr taugen der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende und sein Gegenspieler Strauß also zum Vorbild für heutige Politiker? Auf deren verbalen Injurien sollte gute Streitkultur jedenfalls nicht reduziert werden, sagt Süssmuth: "Sieger ist nicht unbedingt der, der am härtesten draufhaut." Um die politische Streitkultur zu fördern, müssten vor allem die Bundestagsdebatten wieder lebhafter werden. Süssmuth wünscht sich schon lange Formate, in denen Abgeordnete weit vor der Schlussabstimmung über ein Gesetz "in aller Öffentlichkeit um Problemlösungen ringen und in der Sache richtig streiten können".

Dass das möglich ist, hat Süssmuth selbst erlebt. Mitte der neunziger Jahre war das, als der Bundestag  über die Wehrmachtsausstellung stritt. "Sehr polemisch" habe dieser Schlagabtausch begonnen. Bis dann einige Abgeordnete "über die Kriegsgeschichte ihrer Eltern und die schwierige Aufarbeitung in der eigenen Familie sprachen. Da wurde es plötzlich mucksmäuschenstill, Abgeordnete kamen aus ihren Büros in den Plenarsaal zurück, weil sie merkten, hier geht es um etwas. Am Ende sagte unser damaliger Fraktionsvorsitzender Wolfgang Schäuble , der strikt gegen diese Ausstellung war: 'Ich habe heute Abend viel gelernt.' Genau so soll es sein."