So sehr sie den medialen Kanal für eigene Angriffe nutzen, so sehr fürchten Politiker zugleich das veröffentlichte Wort. "Die Medien müssen sich fragen, ob sie Streit in der Politik nicht zu sehr abqualifizieren", sagt Baum. "Heute heißt es 'CDU ist total zerstritten über…' und schon hat das Publikum statt einer Sachdebatte eine wüste Wirtshauskeilerei vor Augen", sagt auch Bosbach, der sich gut daran erinnert, wie er und andere Abweichler von der Fraktionsführung wegen ihrer abweichenden Meinung in der Euro-Frage ermahnt wurden.

Nicht immer siegt der Stärkere

"Die deutschen Wähler mögen eben keine zerstrittenen Parteien", sagt Stiegler. Süssmuth würde das nicht so stehen lassen: "In der Politik und in den Parteien schätzen wir Loyalität, aber wir schätzen auch alternatives Denken und die abweichende Meinung." Das hört sich gut an, nur dachte offenbar selbst der leidenschaftliche Wehner anders. Abweichler seien von ihm in der Fraktion manchmal demonstrativ gesiezt worden, erinnert sich Stiegler. "Da wusste man genau, wie groß die Verdammnis ist."

Wie sehr taugen der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende und sein Gegenspieler Strauß also zum Vorbild für heutige Politiker? Auf deren verbalen Injurien sollte gute Streitkultur jedenfalls nicht reduziert werden, sagt Süssmuth: "Sieger ist nicht unbedingt der, der am härtesten draufhaut." Um die politische Streitkultur zu fördern, müssten vor allem die Bundestagsdebatten wieder lebhafter werden. Süssmuth wünscht sich schon lange Formate, in denen Abgeordnete weit vor der Schlussabstimmung über ein Gesetz "in aller Öffentlichkeit um Problemlösungen ringen und in der Sache richtig streiten können".

Dass das möglich ist, hat Süssmuth selbst erlebt. Mitte der neunziger Jahre war das, als der Bundestag  über die Wehrmachtsausstellung stritt. "Sehr polemisch" habe dieser Schlagabtausch begonnen. Bis dann einige Abgeordnete "über die Kriegsgeschichte ihrer Eltern und die schwierige Aufarbeitung in der eigenen Familie sprachen. Da wurde es plötzlich mucksmäuschenstill, Abgeordnete kamen aus ihren Büros in den Plenarsaal zurück, weil sie merkten, hier geht es um etwas. Am Ende sagte unser damaliger Fraktionsvorsitzender Wolfgang Schäuble , der strikt gegen diese Ausstellung war: 'Ich habe heute Abend viel gelernt.' Genau so soll es sein."