Streit in der PolitikGeistige Terroristen sind ausgestorben
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Streit suggeriert Wirtshauskeilerei

So sehr sie den medialen Kanal für eigene Angriffe nutzen, so sehr fürchten Politiker zugleich das veröffentlichte Wort. "Die Medien müssen sich fragen, ob sie Streit in der Politik nicht zu sehr abqualifizieren", sagt Baum. "Heute heißt es 'CDU ist total zerstritten über…' und schon hat das Publikum statt einer Sachdebatte eine wüste Wirtshauskeilerei vor Augen", sagt auch Bosbach, der sich gut daran erinnert, wie er und andere Abweichler von der Fraktionsführung wegen ihrer abweichenden Meinung in der Euro-Frage ermahnt wurden.

Nicht immer siegt der Stärkere

"Die deutschen Wähler mögen eben keine zerstrittenen Parteien", sagt Stiegler. Süssmuth würde das nicht so stehen lassen: "In der Politik und in den Parteien schätzen wir Loyalität, aber wir schätzen auch alternatives Denken und die abweichende Meinung." Das hört sich gut an, nur dachte offenbar selbst der leidenschaftliche Wehner anders. Abweichler seien von ihm in der Fraktion manchmal demonstrativ gesiezt worden, erinnert sich Stiegler. "Da wusste man genau, wie groß die Verdammnis ist."

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Wie sehr taugen der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende und sein Gegenspieler Strauß also zum Vorbild für heutige Politiker? Auf deren verbalen Injurien sollte gute Streitkultur jedenfalls nicht reduziert werden, sagt Süssmuth: "Sieger ist nicht unbedingt der, der am härtesten draufhaut." Um die politische Streitkultur zu fördern, müssten vor allem die Bundestagsdebatten wieder lebhafter werden. Süssmuth wünscht sich schon lange Formate, in denen Abgeordnete weit vor der Schlussabstimmung über ein Gesetz "in aller Öffentlichkeit um Problemlösungen ringen und in der Sache richtig streiten können".

Dass das möglich ist, hat Süssmuth selbst erlebt. Mitte der neunziger Jahre war das, als der Bundestag  über die Wehrmachtsausstellung stritt. "Sehr polemisch" habe dieser Schlagabtausch begonnen. Bis dann einige Abgeordnete "über die Kriegsgeschichte ihrer Eltern und die schwierige Aufarbeitung in der eigenen Familie sprachen. Da wurde es plötzlich mucksmäuschenstill, Abgeordnete kamen aus ihren Büros in den Plenarsaal zurück, weil sie merkten, hier geht es um etwas. Am Ende sagte unser damaliger Fraktionsvorsitzender Wolfgang Schäuble , der strikt gegen diese Ausstellung war: 'Ich habe heute Abend viel gelernt.' Genau so soll es sein."

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf spekulative Behauptungen. Danke, die Redaktion/jp

  2. Warum lese ich darüber nichts in diesem Artikel?

    Kommen Sie, doch nicht etwa weil es ihn "offiziell" gar nicht gibt...

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    Heute dominiert doch der Typus des Scheuklappen tragenden reinen Berufspolitikers (z.b. Lindner)der Politiker seien von klein auf geplant hat. Niemand von denen hat einen normalen Beruf ausgeübt und diese abgehobene Kaste hat auch keinen Schimmer von den Nöten der Bürger in diesem Land. Wenn die Wiederwahl so eng mit dem eigenen Lebensentwurf und dem eigenen finanziellen Überleben verknüpft ist, können gar keine kontroversen Meinungen mehr entstehen.
    Schön im Mainstream schwimmen und bloß keine Kante zeigen - dann klappt es auch mit der Wiederwahl und das eigene Einkommen ist gesichert. Meinung? - Egal. Hauptsache die eigenen Schäfchen sind im Trockenen.
    Eine Politikerlaufbahn darf einfach keine Erwerbsbiographie sein! Mein Vorschlag: Begrenzung der Bundestagsmandate auf zwei pro Person und mehrere Jahre Berufserfahrung als Grundvoraussetzung für ein Bundestagsmandat.

    Ich habe den Fraktionszwang indirekt gelesen aus Stieglers Aussage, dass die deutschen keine zerstrittenen Parteien mögen und dass Loyalität geschätzt sei.
    So kann man es natürlich auch umschreiben...

    Einerseits der Fraktionszwang, andererseits eine Medienlandschaft, die zum Sprachrohr der
    neoliberalen Koalition aus Schwarzrotgrüngelb verkommt
    und ebenso leidenschaftslos im Mainstream mitschwimmt.
    Wo sind die mutigen Journalisten,die den Volksvertetern
    auf die Finger klopfen ?

  3. heute nur noch Blockflöten! Wie armselig sich die Demokratie selbst abschafft.

    "Schon, nur sind sich im Gegensatz zu damals heute alle Parteien im Bundestag über das Ziel einig, Europa und den Euro schützen zu wollen."

    Es wird nicht funktionieren, den € mit Flötentönen zu retten! Da gehe ich jede Wette ein!

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    Schon wieder ein Zitat...
    denn jeder Versuch ein Zitat zu vermeiden endet in Ratlosigkeit.

    Darum...
    "Es wird nicht funktionieren, den € mit Flötentönen zu retten! Da gehe ich jede Wette ein!"

    Gewonnen, da die Beerdigung mit einem dezenten Streichquartett, fast lautlos in der Stille des Friedhofs ablaufen wird, ohne Anwesenheit der Verantwortlichen, aber im Beisein der tatsächlich Betroffenen.
    Mann, was für ein Gedrängel...
    nach der Musik.

    • snoek
    • 23. November 2012 10:51 Uhr
    4. .....

    Die Politiker werden gewählt und sehen zu, dass sie möglichst lange und skandalfrei im Amt bleiben oder möglicherweise noch aufsteigen. Sie versuchen keinen Wähler zu vergählen, erst recht keinen Lobbyisten. Danach geht’s ab in die Pension oder sie werden Mitglied eines Vorstands. Die Politiker sind austauschbar, die Parteiprogramme ähneln sich zunehmend. Meinungen sind nicht erwünscht, da sie dem Machterhalt schaden könnten. Die Wünsche des Wahlvolks sind sowieso nicht relevant. Wozu streiten? Es geht doch auch so.

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    • Obscuro
    • 23. November 2012 14:25 Uhr

    Im Grunde Teilt sich das Parlament in 2 Lager. Einmal die einen Lukrativen Job/Macht haben und die die ihn wollen.
    Viel mehr Reibungspunkte gibt es doch mittlerweile nicht.

    Gesetze werden entweder von Brüssler oder Berliner Lobbyisten geschrieben. Und wenn doch mal eine Entscheidung gegen die Lobbyisten Fällt dann nur aus Persönlichen Machtstreben oder deren Erhalt. (Atomausstieg)

    Wo ist der Politiker der zu seinen Fehlern Steht oder auch mal Konsequenzen zieht wenn er Mist Baut?

    Wulf ist sich genauso keiner Schuld Bewusst wie ein W.w. seiner Unfähigkeit.
    Ich bin mir sicher das es den einen oder anderen Ehrlichen gibt!
    Genauso wie ich mir sicher bin das er keine Chance hat als solcher gebrandmarkt in der Politik was zu werden.

  4. Die früheren Redner waren davon noch selbst überzeugt, was sie sagten. Nur dann kann man mit Verve in einer Debatte die Leidenschaft bis in den Grenzbereich erzeugen.

    Heute glaubt niemand mehr selbst, was er sagt und redet. Er hat sich dem Duktus der sogenannten politischen Korrektheit und dem sogenannten politischen Zwang unterzuordnen. Leute, die dazu nicht bereit sind, kommen heute erst gar nicht in ein Parlament.

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    ...leider, leider. Am bedingungslosen Willen zum Machterhalt der Politiker und der damit kausal verbundenen politischen Korrektheit könnten die Demokratien zu Grunde gehen.

    Heute leben die Politiker von der Politik.

    Eine Politik, die Leiden schafft, denn es sind häufig nur noch Mitmäuler.

    Man schaue sich Steinbrück an, der sich die Taschen voll stopft, wo es nur geht.

    Man schaue sich Merkel an, die keine Position hat, vollkommen wirbelfrei ist.

    Man höre sich diese Rede von Willy Brandt an (von 1969). 13:30 Minuten die Inhaltsschwer sind. Worte wie Donnerhall.

    http://www.youtube.com/wa...

    früher war alles besser....das ewige Madley von Kleinbürger.

    Früher waren die Poliker NOCH bescheuerter als heute. Sie stritten sich, anstatt Argumente auszutauschen. Sie holten Nazis in die Parlamente, sie hatten keinen Respekt vor inkludierender, politischer Korrektheit. Schlichtum: Sie waren noch primitiver als heute.

    Heute findet man viele, die all das vorgeben, die findet man dann vornehmlich in der SPD und rechts davon.

    Heute aber ermöglicht eine offenere Diskussionskultur und mehr Respekt voreinander eine Annäherung an das was wir noch nicht erreicht haben: Demokratie.

    Wir haben es nicht geschafft, weil Politiker immernoch zu wenig Respekt voreinander haben. Weil der Bundestag nur als Nebentätigkeit besucht wird, weil Redner ignoriert werden oder man sich gegenseitig auslacht.

    Es gibt keine Demokratie, solange es das Vernunftargument nicht in die Politik geschafft hat. Solange haben wir eine Diktatur der Mehrheit, einer meiner Meinung nach zu ungebildeten Mehrheit.

  5. Wort "Terroristen" für leidenschaftlich diskutierende Menschen macht überaus deutlich, wie Debatten in führenden Medien heute behandelt werden.

    Wundert sich da noch jemand?

    Einheitsbrei entsteht nicht einfach so, er ist gemacht.

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    • Suryo
    • 23. November 2012 11:13 Uhr

    Sie haben ja offenkundig nicht mal den ersten Absatz gelesen. "Geistige Terroristen" stammt aus dem Jahre 1975.

  6. ... Standpunkte leidenschaftlich vertreten, die man gar nicht hat?

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