Streit in der Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben
Herbert Wehner und Franz Josef Strauß stritten sich im Bundestag, bis die Fetzen flogen. Heute fehlen leidenschaftliche Debatten. Wieso? L. Caspari sprach mit Zeitzeugen.
Herbert Wehner war stinksauer. An diesem 13. März 1975 wurde im Bundestag der RAF-Terrorismus debattiert, es ging um den bis dahin schärfsten Angriff auf die innere Sicherheit der Bundesrepublik. Die Fronten waren verhärtet. Die Union unterstelle allen Linken, zum "Dunstkreis" der RAF zu gehören, grollte der SPD-Fraktionsvorsitzende. Dann schleuderte er dem CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß einen Satz entgegen, der in die Parlamentsgeschichte eingehen sollte: "Das ist alles, was Sie am Kampf gegen den Terrorismus interessiert; denn Sie sind selber geistig Terrorist!"
- Endlich richtig streiten - die Themenwoche
Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.
- Die Folgen der Serie
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Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay
Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie
Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen
Schule: Ohne Streit kein Unterricht
Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte
Arbeit: Lass uns streiten, Chef
Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge
Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben

Lesen Sie hier das ausführliche Gesprächsprotokoll mit Gerhart Baum. (Klick auf das Bild)
37 Jahre später lacht Gerhart Baum, als er sich an diesen Vorfall erinnert. "Wenn man leidenschaftlich argumentiert, führt das auch mal zu Erregungszuständen", sagt der FDP-Politiker, der damals Abgeordneter und Staatsekretär im Bundesinnenministerium war. Von den Streithähnen Wehner und Strauß könnten die Nachfolger so einiges lernen, sagt der 80-Jährige: "Die Abgeordneten von heute funktionieren. Aber dass sie wirklich für etwas brennen, ist selten. Ich weiß nicht, ob junge Politiker heute überhaupt noch wissen, was Streitkultur ist."
Streiten Politiker heute wirklich weniger als früher? ZEIT ONLINE hat vier Zeitzeugen befragt, erfahrene Politiker, die jahrzehntelang das Geschehen im Parlament mitbestimmt haben: Gerhart Baum, den langjährigen SPD-Abgeordneten Ludwig Stiegler, CDU-Mitglied Wolfgang Bosbach und die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU). Alle kommen zum selben Ergebnis: Politiker haben kaum noch Lust auf Streit.
Politischer Streit war früher grundsätzlicher
Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass es früher leichter war, so richtig zu streiten. Denn in der "Bonner Republik", so sagen alle vier, wurden – anders als heute – sehr grundsätzliche Fragen verhandelt, bei denen eine klare Meinung gefragt war: Westbindung und Wiederbewaffnung, Nato-Mitgliedschaft und Notstandsgesetze, der Umgang mit dem Sozialismus. Tiefe Gräben hätten damals Politik und Bevölkerung durchzogen, sagt beispielsweise Bosbach, heute 60 Jahre alt und seit 1972 Parteimitglied. Um Differenzen deutlich zu machen, habe man gerne ein "Schreckensbild des politischen Gegners gemalt", erinnert sich Stiegler. "Früher war mehr Grundsatzstreit in der Politik, heute geht es um Details." Die Debatte über Fachthemen sei inzwischen "eher technischer Natur und oft leider nur für Spezialisten interessant".
Aber ist die Euro-Rettung nicht ein mindestens so grundsätzliches Thema wie die Nato-Mitgliedschaft? Schon, nur sind sich im Gegensatz zu damals heute alle Parteien im Bundestag über das Ziel einig, Europa und den Euro schützen zu wollen. Diskutiert wird lediglich über den richtigen Weg. Dennoch vermisst Baum Leidenschaft in dieser Debatte: "Politik lebt von Emotionen, nicht nur von der Ratio."
Angriffe nur hinter verschlossenen Türen
Das Problem beginne, wenn man sich fragen müsse, wer da eigentlich spricht, der Abgeordnete oder die Partei, sagt Süssmuth. Oftmals gäben Politiker nur wieder, was offizielle Parteiposition sei. In einer Demokratie führe das aber nirgendwohin, sagt die 75-Jährige. "Politiker reden oft nur noch abstrakt, um möglichst keine Wählerschicht zu verschrecken", pflichtet ihr der Tübinger Rhetorik-Professor Joachim Knape bei. Was sich Regierungs- und Oppositionsfraktionen im Bundestag zu sagen hätten, sei inzwischen vorhersehbar.
Streiten sich tatsächlich einmal Politiker innerhalb einer Partei, findet das kaum Niederschlag im Parlament. "Die heftigen verbalen Angriffe passieren meist hinter verschlossenen Türen", sagt Knape. Und werden doch schnell öffentlich. "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen", herrschte Kanzleramtsminister Ronald Pofalla beispielsweise im Herbst 2011 den Euro-Rettungsschirmgegner Bosbach in einer internen Beratung an. Wenig später stand's in der Zeitung. Bosbach antwortete darauf ebenfalls mithilfe der Medien.
Das ist typisch: Die parlamentarische Debatte verödet, dafür werden politische Auseinandersetzungen über Distanz, nämlich via Interview, Talkshow oder Fernsehstatement ausgetragen. Während früher nur der rhetorisch herausragende Redner im Gedächtnis geblieben sei, reiche heute "ein dröger 30-Skunden-Aufsager im Fernsehen, um dem politischen Gegner Paroli zu bieten", sagt Knape.





Bundestagsabgeordnete laden Wähler und Bürger zu einer sogenannten spannenden Diskussion ein. In der Einladung heißt es, ein interessanter Gastredner hält einen Vortrag und dann wird diskutiert und jeder kann Fragen stellen.
Auf der Veranstaltung tritt zunächst der Abgeordnete ans Mikrofon, stellt den interessanten Gastredner vor und wünscht eine spannende anschließende Diskussion. Dann schaut er zu Schluss seiner Ansage mit ernster Miene auf seine Uhr und bemerkt, er müsse aber gleich leider schon wieder weg, da in Berlin wichtiges zu tun sei. Der Gastredner erzählt nun etwas unsinniges Zeug und gibt einige Anekdötchen preis. Nach seinem Vortrag stellt der Abgeordnete dem Gastredner noch ein paar langweilige Fragen und die Zeit geht dahin mit ermüdender Diskussion zwischen Abgeordnetem und Gastredner. Jetzt schaut der Abgeordnete wieder auf seine Uhr. „Vielleicht können wir kurz noch ein oder zwei Fragen aus dem Publikum mit rein nehmen, aber bitte kurz, die Zeit drängt, ich muss gleich weg.“
"Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass es früher leichter war, so richtig zu streiten. Denn in der "Bonner Republik", so sagen alle vier, wurden – anders als heute – sehr grundsätzliche Fragen verhandelt"
Ach komm, so ein Murks, das ist doch eine retrospektive Sicht der Dinge. Wir stehen heute auch vor grundsätzlichen Fragen, nur haben zu wenig Leute den Mumm, sie zu stellen. Die ehrliche Frage, ob Banken der Gesellschaft helfen, oder sie zerstören, ob der freie Markt die Antwort z.B. auf Nachhaltigkeit findet, oder nicht - dies sind Fragen, die grundsätzlich, unumgehbar und vor allem BALD zu beantworten sind.
im Titel noch breiter verwendet als bei Strauß - die nachgerückte historische Herleitung des Bgriffs nimmt seine verallgemeinerte Verwendung nicht zurück.
Also bitte, Sie werden die Überschrift doch hoffentlich so interpretieren können, wie sie offenkundig gemeint ist - geistige Terroristen nicht als moralische Charakterisierung, sondern als stilistischew Zuspitzung und Umschreibung der früheren flammenden Redner und der damaligen debattenkultur. Dem Autor des Artikels zu unterstellen, er wolle damit irgendwelche spezifischen Personen oder politische Standpunkte bezeichnen, ist ziemlich absurd und zeugt nicht gerade von Textverständnis.
Also bitte, Sie werden die Überschrift doch hoffentlich so interpretieren können, wie sie offenkundig gemeint ist - geistige Terroristen nicht als moralische Charakterisierung, sondern als stilistischew Zuspitzung und Umschreibung der früheren flammenden Redner und der damaligen debattenkultur. Dem Autor des Artikels zu unterstellen, er wolle damit irgendwelche spezifischen Personen oder politische Standpunkte bezeichnen, ist ziemlich absurd und zeugt nicht gerade von Textverständnis.
Einerseits der Fraktionszwang, andererseits eine Medienlandschaft, die zum Sprachrohr der
neoliberalen Koalition aus Schwarzrotgrüngelb verkommt
und ebenso leidenschaftslos im Mainstream mitschwimmt.
Wo sind die mutigen Journalisten,die den Volksvertetern
auf die Finger klopfen ?
Entfernt. Wir bitten Sie, das konkrete Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jp
Die Herren von FDP, CDU, SPD und Grünen sind sich doch eh zumeist einig. Redebeiträge der Linken kann man dagegen schon als leidenschaftlich bezeichnen, schauen sie sich z.B. mal eine Rede von Gysi an.
Dazu sind die meisten Politiker heute solche Kommunikationsspezialisten, dass sie genau wissen, am meisten erreicht man, wenn man auf die Vorwürfe der Gegner garnicht eingeht. Einfach igonieren, deswegen hören die Abgeordneten dem Redner garnicht mehr zu. Da wird aneinander vorbeigeredet. Die subjektive Lebenswirklichkeit der Parteisoldaten unterschiedlicher Lager unterscheidet sich durch ihre ideologische Färbung so diametral voneinander, dass die Parlamentariar nicht mal mehr die gleiche Sprache sprechen. Redet der Linke von Neoliberalismus meint er etwas ganz anderes, als wenn ein FDPler darüber spricht, beide werfen sich am Ende gegenseitig vor, keine Ahnung zu haben. Aus individueller Sicht durchaus nachvollziehbar. Georg Schramm hatte Recht, das Wort geht unter Im Brackwasser der Bedeutungslosigkeit. Es verkommt zu einer Worthülse.
Die Realität geht verloren in der Perspektive. Jeder kann sich seine eigene Wirklichkeit basteln. Verschlimmert wird das ganze noch durch die intelligenz sozialer Systeme, die dafür sorgen, dass man nur das sieht, ließt und hört, was ins Weltbild passt.
Schauen sie nur mal ins Regal eines FDPlers, da finden sie höchstens Sarrazin, aber nichts von Wagenknecht. Entsprechend lehnt er ab, wenn er von anderen Ideen hört, wie beim Höhlengleichnis.
Selbstverständlich hat der Politiker keine Ahnung vom Leben. Ich lasse meinen Herzinfarkt auch nur von einem Kardiologen behandeln, der selbst mindestens einen Schrittmacher und fünf Stents hat...
Und ein paar Jahre Arbeit als Lehrer oder Gabelstablerfahrer qualifizieren zum Politiker weil?
Warum begreifen die Leute nicht, dass Politiker selbst nun mal ein Berufsbild ist? Nur weil es das als duale Ausbildung nicht gibt?
Und jedes Volk bekommt die Politiker die es wählt und verdient!
""Die deutschen Wähler mögen eben keine zerstrittenen Parteien", sagt Stiegler."
Das ist so falsch wie richtig.
Der mündige Wähler weiß sehr wohl zwischen inhaltlichem Diskurs einerseits und der Zerstrittenheit einer Partei andererseits zu unterscheiden. Die Gleichsetzung dieser beiden Begriffe ist m. E. unzulässig.
Ich glaube, daß viele Wähler das sichtbare Ringen um und Argumentieren für und gegen Inhalte innerhalb der Parteien schmerzlich vermissen. Diese Prozesse machen nämlich Politik transparent und verständlich.
Und dieser fehlende sichtbare parteiinterne Diskurs ist vermutlich ein ausschlaggebender Grund für die zunehmende Parteien- und Wahlverdrossenheit des Souveräns.
Politik als parteiinternes Ränkespiel schreckt ab.
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