ZEIT ONLINE: Herr Knape, wurde früher mehr gestritten in der Politik als heute?

Joachim Knape: In der Politik gibt es immer konträre Positionen, also auch immer Streit. Bis Ende der 1970er Jahre ging es besonders massiv zur Sache. Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß zum Beispiel, das waren Menschen mit historisch vollkommen unterschiedlichen prägenden Erfahrungen. Sie haben wirklich noch den Kampf gegen den politischen Gegner geführt und sich gestritten bis hin zu schweren persönlichen Angriffen. So etwas haben wir heute kaum noch. Der letzte, der so etwas gewagt hat,  war Joschka Fischer, der den Bundestagspräsidenten öffentlich ein Arschloch nannte.

Gestritten wird in der aktuellen Politik natürlich immer noch. Die schwarz-gelbe Koalition ist sich bekanntlich wenig einig. Doch die heftigen verbalen Angriffe passieren meist hinter verschlossenen Türen. Zum Beispiel als Kanzleramtsminister Roland Pofalla dem Euro-Rettungsschirmgegner Wolfgang Bosbach sagte: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Das ist dann erst von interessierten Kreisen öffentlich gemacht worden.

ZEIT ONLINE: Was ist heute typisch für streitende Politiker?

Knape: Politiker streiten heutzutage viel über die Distanz, über Interviews und Fernsehstatements, aktuell gut zu beobachten bei der schwarz-gelben Koalition. Die Medienlandschaft ist viel entwickelter als früher, da ist viel mehr Platz für Politikerstatements. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren war die Parlamentsdebatte auch deswegen noch so leidenschaftlich, weil man rhetorisch herausragend reden musste, um im Gedächtnis zu bleiben. Heute reicht ein ruhiger und dröger 30-Sekunden-Aufsager im Fernsehen, um dem politischen Gegner Paroli zu bieten. 

ZEIT ONLINE: Dienen die aktuellen Bundestagsdebatten nur noch dem Austausch von weichgespülten Parteipositionen?

Knape: Es ist auch ein Zeichen von entwickelter Demokratie, wenn Politiker ruhiger miteinander umgehen. Doch mich stört diese Verdiplomatisierung der öffentlichen Rede. Politiker reden oft nur noch abstrakt, um möglichst keine Wähler zu verschrecken. Das Interesse an Bundestagsdebatten würde zunehmen, wenn die Abgeordneten offener und kantiger auftreten würden und nicht nur dröge daher analysieren. Rüpelei ist nicht nötig, aber deutlich sollte man sein und nicht verschwiemelt. Leute, die auch mal einen Knaller rauslassen, die sich von mir aus auch mal rhetorisch vergaloppieren, die werden vom Bürger geliebt. Deswegen wird der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von vielen für seinen gewitzten Sprachstil gelobt.

ZEIT ONLINE: Wie kann erreicht werden, dass Politiker im Parlament wieder mehr streiten?

Knape: Die deutsche Parlamentsdebattenkultur krankt an Überreglementierung. Die Fraktionsführung bestimmt das Rederecht, also gehen in den wichtigen Debatten nur die Großköpfe ans Mikrofon. Abweichler werden ausgeschlossen. Fast niemand redet mehr frei im Parlament, auch hier fehlt die Spontanität. Allein das wäre ein gewisser Unsicherheitsfaktor, der reichen würde, um die Debatte wieder zu beleben.