Rhetorik"Mich stört die Verdiplomatisierung der Rede"

Statt Schlagabtausch im Parlament lieber ein dröges Fernsehinterview: Politiker, die Knaller rauslassen, sind selten geworden, sagt Rhetorik-Experte Joachim Knape. von 

ZEIT ONLINE: Herr Knape, wurde früher mehr gestritten in der Politik als heute?

Joachim Knape
Joachim Knape

Joachim Knape, 62, ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen.

Joachim Knape: In der Politik gibt es immer konträre Positionen, also auch immer Streit. Bis Ende der 1970er Jahre ging es besonders massiv zur Sache. Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß zum Beispiel, das waren Menschen mit historisch vollkommen unterschiedlichen prägenden Erfahrungen. Sie haben wirklich noch den Kampf gegen den politischen Gegner geführt und sich gestritten bis hin zu schweren persönlichen Angriffen. So etwas haben wir heute kaum noch. Der letzte, der so etwas gewagt hat,  war Joschka Fischer, der den Bundestagspräsidenten öffentlich ein Arschloch nannte.

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Gestritten wird in der aktuellen Politik natürlich immer noch. Die schwarz-gelbe Koalition ist sich bekanntlich wenig einig. Doch die heftigen verbalen Angriffe passieren meist hinter verschlossenen Türen. Zum Beispiel als Kanzleramtsminister Roland Pofalla dem Euro-Rettungsschirmgegner Wolfgang Bosbach sagte: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Das ist dann erst von interessierten Kreisen öffentlich gemacht worden.

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ZEIT ONLINE: Was ist heute typisch für streitende Politiker?

Knape: Politiker streiten heutzutage viel über die Distanz, über Interviews und Fernsehstatements, aktuell gut zu beobachten bei der schwarz-gelben Koalition. Die Medienlandschaft ist viel entwickelter als früher, da ist viel mehr Platz für Politikerstatements. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren war die Parlamentsdebatte auch deswegen noch so leidenschaftlich, weil man rhetorisch herausragend reden musste, um im Gedächtnis zu bleiben. Heute reicht ein ruhiger und dröger 30-Sekunden-Aufsager im Fernsehen, um dem politischen Gegner Paroli zu bieten. 

ZEIT ONLINE: Dienen die aktuellen Bundestagsdebatten nur noch dem Austausch von weichgespülten Parteipositionen?

Knape: Es ist auch ein Zeichen von entwickelter Demokratie, wenn Politiker ruhiger miteinander umgehen. Doch mich stört diese Verdiplomatisierung der öffentlichen Rede. Politiker reden oft nur noch abstrakt, um möglichst keine Wähler zu verschrecken. Das Interesse an Bundestagsdebatten würde zunehmen, wenn die Abgeordneten offener und kantiger auftreten würden und nicht nur dröge daher analysieren. Rüpelei ist nicht nötig, aber deutlich sollte man sein und nicht verschwiemelt. Leute, die auch mal einen Knaller rauslassen, die sich von mir aus auch mal rhetorisch vergaloppieren, die werden vom Bürger geliebt. Deswegen wird der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von vielen für seinen gewitzten Sprachstil gelobt.

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

ZEIT ONLINE: Wie kann erreicht werden, dass Politiker im Parlament wieder mehr streiten?

Knape: Die deutsche Parlamentsdebattenkultur krankt an Überreglementierung. Die Fraktionsführung bestimmt das Rederecht, also gehen in den wichtigen Debatten nur die Großköpfe ans Mikrofon. Abweichler werden ausgeschlossen. Fast niemand redet mehr frei im Parlament, auch hier fehlt die Spontanität. Allein das wäre ein gewisser Unsicherheitsfaktor, der reichen würde, um die Debatte wieder zu beleben.

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Leserkommentare
    • falipus
    • 23. November 2012 14:18 Uhr

    zu Rechtspoulisten abqualifiziert werden und es nur einen Mainstream gibt, den man denken darf, sonst Meienpranger etc.., dann muss man sich nicht wundern, wenn nicht mehr "gestritten" wird.Es gibt inzwischen eine Menge Tabu-Themen, die sofort mit "rechts= böse etikettiert werden.....

  1. Den Bundestagspräsidenten öffentlich im Bundestag als Arschloch zu beschimpfen wie es Joschka Fischer fertig gebracht hat, auf solche "Bereicherungen" kann ich weiß Gott verzichten. Und ob der "gewitzte Strachstil" von Herrn Steinbrück wirklich überall so gut ankommt, Herr Knape, möchte ich auch deutlich bestreiten. Ab und zu mal eine solche Passage, ja, aber nicht dauernd. sonst wirkt es so übertrieben und künstlich, besser geeignet im Kabarett. Aber wahrscheinlich hält Steinbrück das weiterhin für eine seiner stärksten "Waffen". Hat jeder seine Masche. Ist ja auch gut so.

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    • kael
    • 27. November 2012 14:04 Uhr

    " Und ob der "gewitzte Strachstil" von Herrn Steinbrück wirklich überall so gut ankommt, Herr Knape, möchte ich auch deutlich bestreiten." (Zitat Ende)

    Darum geht es doch genau: Der Sprachstil eines Politikers soll eben nicht "überall gut ankommen". Was gäbe es denn langweiligeres als das?

    • travel
    • 23. November 2012 21:02 Uhr

    Mir fällt dazu nur ein, was der gegenwärtig amtierende bayerische Finanzminister zum Besten gab: man müsse an Griechenland ein Exempel statuieren.

    Von Diplomatie vermochte man da wenig erkennen, es sei denn, der Rhetor setzt jede seiner Reden als diplomatisches Mittel ein.
    Oder sollte Herr Söder einer mental deviant erscheinenden Intention von Diplomatie aufgesessen sein, als er dieses "diplomatisch rhetorische" Werkzeug in den Blätterwald hineingerufen hatte? Schwer vorstellbar.

    Eine Leserempfehlung
    • travel
    • 23. November 2012 21:11 Uhr

    ...an Griechenland ein Exempel (eines, das Finanzmärkte zu statuieren vermögen) statuiert zu werden scheint, das unterschlug der verdiplomaisierte Herr Söder, mit vermutlich ganz anderen Absichten als man zunächst annehmen könnte.

  2. sieht sich einem Shitstorm ausgesetzt.
    Das Ergebnis sind aalglatte Redner.

    Eine Leserempfehlung
  3. hier sieht man sehr gut, warum der Herr Rhetoriker Unrecht hat.
    Kaum fordert jemand, dass die Politiker direkter formulieren, kommen die Rechten aus ihren Löchern und schmollen, weil man ihnen den Rechtspopulismus nicht gönnt.

    Eine versachlichte Politik wäre ein Traum, und genau die gibt es aber nicht. Das Problem ist doch eher das Gegenteil.

    Wobei man die Aussage auch anders verstehen kann. Wenn ich an Hannelore Kraft denke oder an Angela Merkel, dann verstehe ich, warum der Rhetoriker von "Verdiplomatisierung" spricht. Es ist eine Form des Euphemismus, was solche Politiker von sich geben und wie sie ihre Politik betreiben. Da würde ich mir auch mehr KLARHEIT wünschen. Aber nicht mehr "Kante", mehr Einfachheit. Sondern einfach mehr Ehrlichkeit, unabhängig der Rheotrikfrage.

    Das wird es aber nicht geben. Dafür ist jeder zu sehr Einzelkämpfer und zu sehr von den Medien in Angst. und noch wichtiger: Die Wähler schlucken es ja.

    • falipus
    • 25. November 2012 11:07 Uhr

    "Kaum fordert jemand, dass die Politiker direkter formulieren, kommen die Rechten aus ihren Löchern und schmollen, weil man ihnen den Rechtspopulismus nicht gönnt.

    Eine versachlichte Politik wäre ein Traum, und genau die gibt es aber nicht. Das Problem ist doch eher das Gegenteil."

    Sie erfüllen genau Ihre Kritik, etikettieren die Diskussionsteilnehmer gleich als Rechtspopulisten, eine sehr "sachlicherer" Beitrag,nicht wahr?
    Gerade diese vorschnellen Aburteilungen machen eine Diskussion sinnlos, denn die Schubladen sind schon gezogen.

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    wenn man Leute nicht Populisten nennen darf, die sich winden, weil sie irgendwas nicht irgendwie nennen dürfen. Das ist doch absurd! Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn diese Leute etwas sagen. Mich nervt es aber, wenn sie mit purer Rhetorik (Das wird man ja noch mal sagen dürfen) ankommen und mit NULL Argumenten, und wenn man ihnen dann Rassismus bescheinigt, werden wieder einem nur Rhetorismen an den Kopf geworfen.

  4. wenn man Leute nicht Populisten nennen darf, die sich winden, weil sie irgendwas nicht irgendwie nennen dürfen. Das ist doch absurd! Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn diese Leute etwas sagen. Mich nervt es aber, wenn sie mit purer Rhetorik (Das wird man ja noch mal sagen dürfen) ankommen und mit NULL Argumenten, und wenn man ihnen dann Rassismus bescheinigt, werden wieder einem nur Rhetorismen an den Kopf geworfen.

    Antwort auf "Frida Kahlo"
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    • falipus
    • 25. November 2012 18:06 Uhr

    Sie beurteilen also, wer ein Rassist, Populist oder sonst etwas ist. Gerade diese Bewertungen zeugen von unsachlicher Diskussionskultur. Sie haben niemanden zu etikettieren, oder soll ich für Sie jetzt auch einen Begriff hier definieren?Statt mit Inhalten zu argumentieren, werden die Sprecher mit Begriffen diffamiert, so brauch man auf den Inhalt nicht mehr eingehen, nicht wahr?

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