Wolfgang Bosbach (CDU), Euro-Rettungsschirmskeptiker, seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages

Es mag ja sein, dass die politischen Debatten heute nicht mehr so leidenschaftlich geführt werden wie zur Zeit der Bonner Republik, aber müssen wir darüber wirklich traurig sein? Damals gab es hoch strittige Themen, die nicht nur die Parteien trennten, sondern auch tiefe Gräben in der Bevölkerung zogen. Sozialismus oder soziale Marktwirtschaft? Pro und contra Wiederbewaffnung und Nato-Mitgliedschaft, die Debatten über den Paragraphen 218, die neue Ost-Politik und den Nato-Doppelbeschluss. Heute sind dafür Lösungen gefunden worden und Reden in der Art, wie Wehner oder Strauß sie hielten, würden eher als unnötige Polarisierung wahrgenommen. Der Nachwuchs setzt mehr auf Sachlichkeit als auf Emotionen.

Bei der Euro-Rettung würde uns etwas mehr Streitkultur gut tun. Bis zum Spätsommer 2011 war es möglich, strittig, aber sachlich über Daten und Fakten zu debattieren. Es gab Argument und Gegenargument, es wurde über den richtigen Weg zur Lösung der Krise wirklich gerungen. Nicht nur, aber gerade beim Thema Griechenland . Das änderte sich schlagartig, als eine Sitzung der Fraktion mit dem Hinweis eröffnet wurde, dass sich 70 Prozent der Unionswähler mehr Einigkeit wünschen. Man lege allergrößten Wert auf Geschlossenheit. Von jetzt an war klar: Wer sich nicht der Mehrheit anschließt, gefährdet die Geschlossenheit und tritt damit gegen die Erwartungshaltung der Unionswähler an.

Offensichtlich haben jedenfalls die beiden großen Volksparteien immer mehr Angst davor, dass unterschiedliche Auffassungen in den eigenen Reihen publik werden könnten. Doch lebt eine Volkspartei nicht gerade davon, dass sie verschiedene Interessen zusammenbringt? Wichtig ist, dass man fair und offen miteinander umgeht. Nur der ehrliche Austausch von Argumenten führt zu guten Ergebnissen. Ein Problem ist, dass Journalisten heute viel eher und heftiger zuspitzen als früher. Überschriften wie " CDU diskutiert über…" gibt es gar nicht mehr. Heute heißt das "CDU streitet über…" oder "CDU ist total zerstritten über…" und schon sieht das Publikum statt einer Sachdebatte eine wüste Wirtshauskeilerei. Auch deshalb sind Partei- und Fraktionsführung so auf Einigkeit bedacht.