Es sind nur noch zehn Monate bis zur Bundestagswahl, aber die Christdemokraten regen sich nicht. In einem seltsam schläfrig-selbstgefälligen Zustand präsentierten sich Delegierte, Abgeordnete und die Parteiführung beim CDU-Parteitag in Hannover . Gilt es nicht, langsam einen Gang hochzuschalten?

Klar, bequemer ist es so: Was die Kanzlerin vorgibt, wird gemacht. Was nicht so gut läuft, wird mit einer Entschuldigung abgetan. Merkel hält eine wenig mitreißende Rede? Die Zeiten sind hart, da kann sie doch nicht draufhauen, da muss sie beruhigen. Wie sähe das sonst aus?

Merkel positioniert sich nicht wirklich zu strittigen Themen wie Homo-Ehe und Frauenquote? Ach, sie muss eben die verschiedenen Positionen in der Volkspartei bedienen. Selbst die übergangenen Gleichstellungsbefürworter haben sich sofort damit abgefunden .

Von der Leyen wird abgestraft

Kritik an der Vorsitzenden und ihrem engsten Mitstreiterkreis lässt kaum ein CDU-ler gelten im Moment. Was wäre die Partei auch ohne die Kanzlerin? Sie führt so angenehm unprätentiös, sie ist bei den Wählern beliebt und nebenbei ist sie noch die mächtigste Frau der Welt. Voraussehbar also das "kubanisch anmutende"( Horst Seehofer ) Wiederwahlergebnis von fast 98 Prozent.

Wer die Harmonieshow der CDU stört – zum Beispiel durch eigenwillige Vorstöße – wird abgestraft: Das ist Ursula von der Leyen passiert. Ein Drittel der Delegierten versagte ihr bei der Wahl zur stellvertretenden Parteivorsitzenden die Stimme. Dass die Arbeitsministerin darauf gedrängt hat, noch in dieser Legislaturperiode ein Renten-Konzept vorzulegen: In der CDU hat man ihr das nicht verziehen. Ist die Bekämpfung der Altersarmut doch kompliziert und teuer noch dazu. Das bringt nur Probleme!

Die Partei grummelt, aber folgt Merkel

Nein, die CDU möchte gerne weiterschlafen. Herausforderer Peer Steinbrück ? Der demontiert sich doch selbst, so das Kalkül der Partei. Die Kanzlerin gewinnt die Bundestagswahl, solange es in Europa weiterhin turbulent zugeht und sie bei den Deutschen punkten kann, indem sie sie in Sicherheit wiegt.

Hauptsache, Merkel bleibt wach. Das ist die Devise. An diesem Mittwoch trifft sie noch den Israelischen Premier Benjamin Netanjahu , und bald kommt mit Sicherheit der nächste Euro-Rettungsgipfel, bei dem sie und ihr inzwischen treu ergebener Finanzminister Wolfgang Schäuble Ruhe suggerieren müssen.

Nach der Bundestagswahl wird die Kanzlerin dann entscheiden, mit wem sie koaliert. Die CDU wird vielleicht grummeln, aber ihr folgen. So wie sie es schon bei der Energiewende, bei der Bundeswehr-Reform und bei der Lohnuntergrenze gemacht hat.

Landesregierungen gehen verloren, Oberbürgermeisterposten auch, die Mitgliederzahlen sinken. Die CDU wäre eigentlich gut beraten, jetzt zu reagieren. Irgendwie. Eine Profildebatte zu wagen. Aber das wäre unbequem. Im Wahlkampf 2013 muss die Kanzlerin so ganz allein punkten, sie ist der einzige und sicherste Trumpf der Partei. Sollte dieser Trumpf aber irgendwann nicht mehr stechen, sollte Merkel allein keine Wahlen mehr gewinnen können, wird das bittere Erwachen kommen. Das mag vielleicht noch Jahre dauern. Vielleicht aber auch nur zehn Monate.