Um das Besondere an Peter Struck zu beschreiben, könnte man einfach sagen: Er war ein Typ, wie es sie in der Politik heutzutage nicht mehr oft gibt: kantig, ehrlich, direkt, witzig, pflichtbewusst.

Man kann Struck aber auch einfach mit seinem Vorgänger und seinem Nachnachfolger als Verteidigungsminister vergleichen, um ihn zu erklären: Rudolf Scharping ( SPD ) und Karl-Theodor zu Guttenberg ( CSU ), die beiden zielstrebigen Ehrgeizlinge. Der eine, der Sozialdemokrat, hatte seine große Chance schon gehabt als Kanzlerkandidat, der andere, der Christsoziale, konnte die seine kaum erwarten.

Peter Struck war sehr anders. Der gelernte Jurist und Anwalt strebte nicht nach oben wie Scharping und zu Guttenberg. Erfolg bestand für ihn nicht als erstes darin, die Karriereleiter möglichst schnell und weit hinaufzuklettern. Sein Ehrgeiz war anderer Natur: Er wollte die Aufgaben, die ihm gestellt waren, erledigen. Probleme lösen. Schwierigkeiten überwinden. Im Ernstfall hieß das: Schaden vom Staat und von der Demokratie abwenden.

Strucks Leben auf der großen politischen Bühne begann im Bonn der 1980er Jahre. Dort war er eine der zentralen Figuren im Flick-Ausschuss. Dieses Bundestagsgremium untersuchte die skandalöse Parteispendenaffäre der alten Bundesrepublik. Seine gelegentlich etwas holzschnittartig direkte Art, den vorgeladenen, vorwiegend konservativen Stützen der Gesellschaft auf den Zahn zu fühlen, setzte Maßstäbe. Als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion in den dürren Jahren der Opposition gegen den unverrückbaren Kanzlerriesen Kohl war Struck der stille Netzwerker innerhalb einer frustrierten und daher schwer zu führenden SPD-Fraktion.

Und plötzlich ein Kärrner-Job

Danach, in der rot-grünen Zeit, wurde er für Kanzler Gerhard Schröder als Fraktionsvorsitzender zur unentbehrlichen Stütze: kein Konkurrent mit eigener Agenda, keiner, der auf seine eigene Chance zum Sprung an die Macht wartete, aber zugleich ein Politikmanager, der "den Laden" – also die Fraktion – unter schwierigen Bedingungen zusammen hielt. Vor allem in der Frage des Militäreinsatzes in Afghanistan .

Und dann der plötzliche Notfall, als es hieß: den gefeuerten Scharping ersetzen, das Verteidigungsressort in den Griff bekommen, der Truppe – vor allem den Soldaten, nicht nur den Generälen – moralisch den Rücken stärken, die Partei als Minister ruhig halten und die zunehmend skeptischen Wähler davon überzeugen, dass Deutschlands Sicherheit "auch am Hindukusch " verteidigt werde. Ein Kärrner-Job, wenig verlockend für einen, dem die Parlamentsarbeit zum Elixier geworden war. Der das damit verbundene politische Hintergrundspiel der Eingeweihten perfekt beherrschte und damit zu einer Symbolfigur für einen funktionierenden Parlamentarismus geworden war.

Ein Glücksfall für Fischer und Schröder

Aber Struck war dennoch der Beste für diesen Einsatz: ein Glücksfall für Schröder und Joschka Fischer , die Machtpolitiker. Solche wie diese beiden halten sich in der Politik nicht lange ohne loyale und kluge Helfer, wie Peter Struck einer war. Helfer, die sich voll auf die Aufgabe einlassen und an ihr abarbeiten, notfalls aufreiben.

Im Juli 2004 dann der erste gesundheitliche Rückschlag. Struck erlitt einen Schlaganfall, fiel einige Wochen aus, wollte aber unbedingt weitermachen. So eisern wie an seinen politischen Aufgaben arbeitete er jetzt an seiner gesundheitlichen Genesung.

Freundschaft der Strippenzieher

In der Großen Koalition fiel das Verteidigungsressort dann 2005 aber an die Union, Struck kehrte zurück in die Fraktion. Dass das Bündnis aus Union und SPD in den kommenden vier Jahren hielt und es keine größeren politischen Probleme innerhalb der Regierungskoalition gab, war nicht zuletzt dem Management durch Struck und dessen CDU-Kollegen Volker Kauder zu danken. Veteranen erinnerte das an die Zeit der beiden Fraktionschefs Rainer Barzel und Helmut Schmidt , die während der ersten Großen Koalition in Bonn ähnlich effizient geführt hatten. Kauder und Struck wurden über ihre Zusammenarbeit, soweit das in der Politik möglich ist, zu Freunden.

Am Ende der Wahlperiode aber wusste Struck, dass es nun genug war. 2009 trat er bei der Bundestagswahl nicht mehr an. 29 Jahre als Abgeordneter reichten. Auch die Warnung von 2004, den ersten Schlaganfall, hatte er nicht vergessen.

Er hatte noch viel vor

Fortan aber nur noch Motorradfahren, endlich Klavierspielen lernen und ein wenig Freizeit-Fußball? Dazu war Struck denn doch zu sehr Profipolitiker. Und im Umfeld der SPD gab es noch eine weitere Baustelle, die einen politischen Topingenieur wie ihn gut brauchen konnte: die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Im Dezember 2010 wurde er zum Vorsitzenden gewählt, unbeschadet eines Versuchs des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel , die FES stärker an die Partei zu binden.

Eine Denkfabrik der Sozialdemokratie im engeren Sinne hätte Struck aus der FES wohl nicht gemacht. Aber mehr politisches Profil und mehr Verantwortung sollte sie schon zeigen, wie er meinte. Demokratische und soziale Grundwerte und Zukunftsvorstellungen, national, europäisch und global, sollten das öffentliche Profil der Stiftung stärker prägen. Peter Struck hatte sich viel vorgenommen.

Heute, am 19. Dezember, vor wenigen Tagen für eine weitere Amtszeit als Vorsitzender der FES bestätigt, erlag er den Folgen eines schweren Herzinfarkts.