Frage: Herr Riexinger , sind Sie ein guter Zuhörer?

Bernd Riexinger:  Ja, auf alle Fälle.

Frage: Kurz nach Ihrer Wahl zum Linken-Vorsitzenden haben Sie eine "Kunst des Zuhörens" angekündigt. Nun hat sich die Linke nach Dauerstreit und dem turbulenten Parteitag im Juni in Göttingen zwar beruhigt, aber sie verschafft sich auch kaum noch Gehör. Woran liegt das?

Riexinger:  Das sehe ich etwas anders. Wir haben uns in der Euro-Krise als wirklich einzige Oppositionspartei profiliert. Wir haben Themen gesetzt, Millionärssteuer, Renteneinheit, Kampf gegen Steuerflucht. Die Linke geht nach den stürmischen Gründungsjahren in eine neue Phase. Wir sind auf dem Weg von der Protestlinken zur Veränderungslinken. 2005 und 2009 haben uns viele wegen unseres Neins zu einer falschen Politik gewählt. Heute wollen sie zu Recht wissen, was wir konkret bewegen. Wir positionieren uns neu als Ideenwerkstatt für den sozialen Fortschritt und als Motor für einen Politikwechsel. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber der Weg stimmt.

Frage: Lässt sich mit der Euro-Krise Wahlkampf machen? Ist das Thema beim Bürger nicht viel zu angstbesetzt?

Riexinger:  Es kommt darauf an, die Erfahrungen der Bürger mit der Krise zu verbinden. Lohndumping, Mietwucher, prekäre Beschäftigung, das alles hat ja auf die eine oder andere Weise mit der Spekulation an den Finanzmärkten zu tun. Wir führen keinen Angstwahlkampf, sondern einen Gerechtigkeitswahlkampf.

Frage: Müsste es in Deutschland mehr soziale Unruhen geben, so wie etwa in Griechenland oder in Spanien ?

Riexinger:  Mehr Unruhe wäre definitiv gut. Aber in Deutschland kommt die Krise anders an, schleichender. Anderswo steigen Armut und Massenarbeitslosigkeit rasant. Hier wird alles scheibchenweise dosiert, Lohnabbau, Rentenkürzung, Prekarisierung. Das macht den organisierten Widerstand schwerer. Ich habe aber vor allem die Befürchtung, dass die sozialen Unruhen in den anderen Ländern eine antideutsche Richtung bekommen. Die Tendenz ist da. Ich habe in Athen gesehen, wie verzweifelt die Leute sind. Das ist beunruhigend, weil dann eine destruktive Dynamik entsteht.

Frage: Bei der Bundestagswahl 2009 kam die Linke auf 11,9 Prozent. Warum steht sie noch immer so schlecht da?

Riexinger:  Unmittelbar nach Göttingen lagen wir in den Umfragen zwischen vier und sechs Prozent. Mancher schrieb, die Partei müsse um den Einzug in den Bundestag bangen…

Frage: …viele Ihrer Abgeordneten haben das befürchtet…

Riexinger:  Sagen wir: einige. Aber es geht aufwärts, wenn auch nach meinem Geschmack zu langsam. In den Umfragen werden wir inzwischen durchgängig zwischen sieben und acht Prozent taxiert.