Religion : Bundestag erlaubt Beschneidung von Jungen

Jungen dürfen in Deutschland weiter beschnitten werden. Die Ärzte müssen den Eingriff aber "nach den Regeln der ärztlichen Kunst" vornehmen.

Die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen soll in Deutschland erlaubt bleiben. Der Bundestag hat einen Gesetzentwurf der Bundesregierung beschlossen, wonach solche Eingriffe auch in Zukunft zulässig sind. Sie müssen jedoch "nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt" werden.

Das bedeutet unter anderem, dass ein Junge im Zweifel eine Betäubung oder Narkose erhält. In den ersten sechs Lebensmonaten des Säuglings dürfen religiöse Beschneider den Eingriff vornehmen, solange sie ausgebildet sind. Ist das Kind älter, darf die Beschneidung nur von Ärzten vorgenommen werden. Der Bundesrat entscheidet am Freitag über das Gesetz, eine Mehrheit gilt als sicher.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ( FDP ) sagte, das Gesetz bedeute eine Rückkehr zur Normalität. Es gebe auf der Welt kein Land, dass die religiöse Beschneidung von Jungen generell unter Strafe stelle.

Deutliche Mehrheit im Parlament

Auslöser der Debatte war ein Urteil des Kölner Landgerichts , das im Mai die rituelle Beschneidung eines minderjährigen Jungen als rechtswidrige Körperverletzung eingestuft hatte. Dies führte zu einer Protestwelle von Juden und Muslimen, die Beschneidung ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Religion.

Die Bundesregierung brachte daraufhin im Eiltempo einen Gesetzentwurf auf den Weg, um Rechtssicherheit zu schaffen. Dieser bekam nun eine deutliche Mehrheit im Parlament: 434 Parlamentarier votierten dafür, 100 dagegen, 46 enthielten sich. Auch Abgeordnete der Opposition trugen den Regierungsvorschlag mit.

Abgelehnt wurde ein alternativer Gesetzentwurf, den 66 Abgeordnete von SPD , Linken und Grünen eingebracht hatten. Sie wollten Beschneidungen erst ab einem Alter von 14 Jahren erlauben. Zudem sollte nach ihrem Willen nur ein Arzt beschneiden dürfen.

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Kommentare

320 Kommentare Seite 1 von 31
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Ausgewogene Volksvertreter vs. pauschale Volkes Stimmen

Bevor gleich der Sturm
der ach so entschiedenen,
aber auch ach so einseitig-selbstgewissen Entrüstung losbricht:

Gott sei Dank!
Wir haben noch Volksvertreter,
die - fraktionsübergreifend -
zu einer solch
ausgewogenen, differenzierten und besonnen Entscheidung fähig sind!

Und Gott sei Dank
haben wir eine repräsentative Demokratie,
die es verhindert,
dass Volkes Mehrheits(?)-Meinung
- ohne Rücksicht auf Minderheiten -
durchgesetzt wird!

Wobei es noch lange nicht ausgemacht ist,
dass die lautstarken Ablehner der Beschneidung
tatsächlich eine Mehrheit darstellen.

Zumindest wage ich es zu bezweifeln,
dass die eindeutigen Mehrheitsverhältnisse an Meinungen
in diesem Kommentarbereich
repräsentativ für die gesamte Gesellschaft sind ...

Mir ist es relativ egal, wie die Abgeordneten entschieden haben.

Meinetwegen soll die Beschneidung straffrei bleiben. Daß sich dafür eine Mehrheit gefunden hat - auch in Ordnung.

Was ich jedoch sehr bedenklich finde ist, daß anscheinend kaum ein Abgeordneter die Zivilcourage besaß, vom Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch zu machen und mal die strikte Position gegen Beschneidung und für das Kindswohl zu beziehen.

Es kann mir doch keiner erzählen, daß es diese Position einer strikten Ablehnung von Beschneidung nicht gibt, und sei es als Minderheitenposition. Die Abgeordneten sollen dem Papier nach "Volksvertreter" sein, aber die Meinung der strikten Beschneidungsgegner war offensichtlich im Bundestag nicht repräsentiert.

Alle haben vor der bedrohlich kreisenden Antisemitismus-Keule gekuscht, kein Abgeordneter wollte ein Karriere-Aus riskieren. Die Position der Beschneidungsgegner wurde verraten.

Wenn sich selbst die Abgeordneten im Bundestag nicht trauen, offen ihre Meinung zu sagen, den Kopf unten halten und sich von mächtigen Verbänden einschüchtern lassen, hat Deutschland keine Demokratie verdient!

Sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ist das Eine. Aber daß sich Abgeordnete noch nicht einmal trauen, bei mächtigem Gegenwind den Mund aufzumachen und öffentlich eine gegenteilige Meinung zu vertreten, finde ich schlimm!

[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/au

Gott sei Dank

[...]

Gott sei Dank wird ignoriert, dass die Vorhaut Innenseitig das dichteste Nervengeflecht der männlichen Geschlechtsorgane besitzen. Geschlechtsverkehr mit / ohne verhält sich wie Orchester zu Kammermusik. Das weiss aber nur, wer eine hat. Die andren rufen im Chor: Gott sei Dank.

Und schneiden ihrem Nachwuchs das weg, was Gott geschaffen hat. Gott sei Dank.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

Kommentar zu Kommentar 1 - erster Teil

Vielen Dank für diesen Kommentar Nr. 1! Sie sprechen es mir aus der Seele. Ich finde das Niveau der meisten Kritiker dieser Entscheidung erschreckend!
Ich bin nicht praktizierender Katholik, habe eine liberale Grundeinstellung und verstoße gegen viele Gebote meiner Kirche (z.B. Verhütung), weil sie sinnlose, falsch verstandene, altmodische Vorschriften sind.
Aber mich erschreckt dieser hier geäußerte religionsfeindliche, militante Hedonismus.

Erstens: Es handelt sich um einen Eingriff, der nicht per se schädlich ist. Im Gegenteil es gibt viele ernstzunehmende Institutionen und Fachorganisationen, die die männliche Beschneidung in vielen Aspekten als positiv einschätzen.

Zweitens: Die Gegner sind (zum Glück) nicht in der großen Mehrheit wie sie glauben (schon garnicht in der Schärfe; falls sie nicht sogar in der Minderheit sind.

Drittens: Das BVG wird dieses Gesetz nicht als verfassungswidrig einstufen. Dass so ein Gesetz überhaupt schon aufgrund der Entscheidung eines rangniedrigen (Land-)Gerichtes nötig wurde, ist fast schon skandalös. 67 Jahre Rechtstradition und z.B. die Entscheidung der Vorinstanz sprechen der Auffassung dieses Gerichts entgegen.

Viertens: Mit der hier von Gegnern vertretenen Argumantation dürften Sie Kindern auch nicht das Fahrrad-fahren beibringen. Jedes Kind, das das lernt, holt sich Schrammen und körperliche Versehrungen, die man das ganze Leben lang sieht. Also wäre die einzig logische Schlussfolgerung: Fahrrad-fahren erst ab 16 zu erlauben.

Kommentar zu Kommentar 1 - zweiter Teil

Die Beschneidung ist für Muslime und speziell Juden essentiell für die Aufnahme in die religiöse Gemeinde. Es mag ein veraltetes Ritual sein, aber eine Änderung kann in diesen Gemeinschaften nur von innen kommen.

Leider haben es manche in diesem Forum nicht anders verdient, als dass "man ihnen mit der Nazikeule kommt."

Die Juden sind in Europa vor 70 Jahren nunmal nicht fast ausgestorben, weil sie einen Reproduktionsnachteil durch Genitalbeschneidung hatten.
Daran waren Entwicklungen schuld, wie man sie hier im Grundtenor in vielen Kommentaren in den Anfängen beobachten kann.
[...]

Ich weiß, dass es unter den Gegner auch viele gute Menschen mit hehren Absichten gibt, aber im Grundtenor den hier lese beschleicht mich doch eher das worst case Szenario.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/au

@ 96 (hastalavista): Scheinrationale Verbalitis !

Also das Niveau der anderen Diskutanten als "erschreckend" zu bezeichnen ist ein allzu wohlfeiler Topos. Das mal vorweg. Und: Ihre Abkanzelunge "religionsfeindliche(e), militante(r) Hedonismus" trifft schon mal voll ins Leere.
(Empfehlung: "Hedonismus" googeln!)

Ihre scheinrationale Auflistung ( 1., 2., 3., 4.) erweist sich in jedem einzelnen Punkt als fragwürdig:

1.:
Es gibt außerordentlich viele Experten, die die Schädlichkeit der Beschneidung bestätigen oder zumindest für möglich erachten.

2.:
Die Spekulation über die numerische Stärke der Gegnerschaft richtet sich in ihrer Volatilität selbst.

3.:
Die Rechtssprechungstradition und die mögliche Entscheidung des BVB setzen Sie sehr willkürlich und parteiisch zueinander in Beziehung. Warten Sie's doch ab.

4.:
Das vierte "Argument" mit dem Radfahren würde ich als Pointe bei einem Auftritt von Urban Priol heftig beklatschen. Aber hier: indiskutabel.

ihr kommentar

lässt nicht gerade den schluss zu, dass sie die gegenargumente überhaupt zur kenntnis nehmen und auch mal drüber nachdenken möchten:

"Gott sei Dank!
Wir haben noch Volksvertreter,
die - fraktionsübergreifend -
zu einer solch
ausgewogenen, differenzierten und besonnen Entscheidung fähig sind!"

also alle anderen volksvertreter sind wohl zu einer ausgewogenen, differenzierten, und besonnenen entscheidung nicht fähig.

""Wobei es noch lange nicht ausgemacht ist,
dass die lautstarken Ablehner der Beschneidung
tatsächlich eine Mehrheit darstellen."

klar, die ablehnung der beschneidung ist nur lautstark, argumente fehlen da.

sie schießen hier ein gewaltiges eigentor.

Minderheiten

Und Gott sei Dank
haben wir eine repräsentative Demokratie,
die es verhindert,
dass Volkes Mehrheits(?)-Meinung
- ohne Rücksicht auf Minderheiten -
durchgesetzt wird!

Die größte Minderheit in unserem Lande sind unsere Kinder und davon haben die männlichen nun das Pech, dass sie gesetzl. in ihrem Rechten benachtetiligt werden.

Wie sagte L-S: Es gebe auf der Welt kein Land, dass die religiöse Beschneidung von Jungen generell unter Strafe stelle.
Da hat sie wohl recht, aber es gibt seit dem 12.12.12 ein Land mehr auf der Welt, welches religiöse oder auch nur traditionelle Rechte über die der Kinderrechte stellt.

@ Adresseverloren

"Wer sollte dagegen klagen?
Auf welcher Grundlage?"
---

Ein, von der Beschneidung als Kind, betroffener Bürger ?

Solange das nun beschlossene Gesetz fortbesteht, gibt es auch die Möglichkeit zur Klage für Betroffene.

Zudem, selbst wenn morgen das BVerfG dem Gesetz zustimmen würde, so kann das BVerfG selbst in Zukunft eine gegensätzliche Beurteilung vornehmen. Rechtsprechung unterliegt immer auch der Fortentwicklung, in beide Richtungen.

Dann passiert ...

... NICHTS

Verjährung nennt dass der Gesetzgeber - wie angenehm.

Übringends: Schaut Euch mal die Abstimmungszahlen an. Um den Gegenantrag abzulehnen sind extra nochmals 4 Abgeordnete erschienen, die vorher keine Zeit hatten.
http://www.bundestag.de/d...

Immerhin, 580 bzw. 584 Abgeordnete haben sich aus ihren sonstigen Nebentätigkeiten frei gemacht, um ein Thema im Bundestag zu behandel, dass das Volk wirklich polarisiert hat.

Warum sollte er das tun?

"... Was wäre ...
eigentlich wenn ein als Säugling beschnittener später seine Eltern verklagt?..."

Bzw.: was sollte denn bislang einen heute Erwachsenen daran hindern, seine Eltern zu verklagen? Dass es so was noch nie gegeben hat, ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass der Sturm der Entrüstung zwar mit allem möglichen zu tun hat, nicht aber mit der Beschneidung an sich, die - da können die Kritiker Purzelbäume schlagen, so lange sie lustig sind - ein relativ marginaler Eingriff ist.

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