Eine moderne Haltung der CDU zur Homosexualität ist ausgeblieben: Die steuerliche Gleichstellung von Homo-Ehen fiel auf dem Parteitag durch . Von Enttäuschung wollten die Befürworter aber nichts wissen. Für Jan-Marco Luczak ist allein die Abstimmung ein "wichtiges Signal". Er trägt das Votum seiner Parteikollegen gut gelaunt und mit Fassung. "Die Entscheidung ist ungefähr 60 zu 40 ausgegangen", sagte er ZEIT ONLINE. "Obwohl wir in der Minderheit waren, hat mich das positiv überrascht."

Der 37-jährige Bundestagsabgeordnete tröstet sich mit diesem "eher indifferenten Votum" und der vorherigen "offenen Diskussion", die heute auf einem Parteitag der CDU möglich sei. "Früher hätte sich kaum ein konservativer Schwuler zu outen gewagt." Insofern sei alles gut, ein weiterer sei Schritt getan, sagt Luczak und lächelt.

Der Berliner gehört zu den 13 CDU-Abgeordneten, die seit Sommer von ihrer Partei eine steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe gefordert hatten. Kurz vor dem Delegiertentreffen hatte die Debatte einen neuen Schub bekommen , aber die von Luczak und seinen Mitstreitern erhoffte kleine Revolution blieb am Ende aus.

"Es gilt, das Volk am Leben zu halten"

Durchgesetzt hat sich dagegen ein Antrag des erzkonservativen CDU-Kreisverbandes Fulda: Eine konservative Partei muss die Mann-Frau-Ehe und -Familie schützen. Steuerliche Vorteile dürfen daher nicht auf homosexuelle Partnerschaften übertragen werden. Die Antragskommission unter CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe hatte den Fuldaer Antrag übernommen – allerdings mit mäßigendem Zusatz: Es gehe nicht darum, irgendeine andere Lebensform zu diskriminieren. Es soll ja niemand denken, hier agiere eine homophobe Partei .

Aus der kontroversen Debatte am Dienstagabend hielt sich die CDU-Führung weitgehend heraus. Es ist ein schwieriges Thema für die Partei, die Stimmen pro und kontra Gleichstellung gingen vor dem Parteitag durcheinander. Und die Vorsitzende tat, was sie immer tut: Sie ließ die Debatte laufen und äußerte sich erst spät: "Persönlich" befürworte sie die steuerliche Besserstellung der Mann-Frau-Ehe, sagte Angela Merkel schließlich in einem Interview. In der Parteiführung wird bestätigt, dies sei vor allem ein Wohlfühl-Geschenk an die enttäuschten Konservativen in ihrer Partei gewesen.

So waren es auch konservative CDU-Vertreter, Angehörige des Berliner Kreises zum Beispiel, die den Antrag gegen eine Gleichstellung der Homo-Ehe auf der Parteitagsbühne mit Verve verteidigten. Bemüht um Sachlichkeit, legten sie ihre Vorbehalte offen dar. "Gott hat uns Menschen geschaffen als Frau und Mann, ich glaube, dass er sich dabei was gedacht hat", sagte zum Beispiel der sächsische Fraktionsvorsitzende Steffen Flath. Für ihn als gläubigen Christ sei die Ehe ein Sakrament, "der Fortbestand der Menschheit etwas ganz Besonderes." Als ob es das Ehegattensplitting wäre, das Schwule und Lesben vom Kinderkriegen abhält. Ein anderer Redner vermerkte gar, es gelte "das Volk am Leben zu halten".

Am Ende entscheidet Karlsruhe über die Modernisierung der CDU

Über solche Argumente kann Antragssteller Lukcak nur den Kopf schütteln: "Kein Ehepaar wird schlechter gestellt, kein einziges Kind wird weniger geboren", sagte er in der Debatte. Mit Blick auf seinen Wahlkreis, den bei Schwulen beliebten Berliner Bezirk Schöneberg, mahnte er: "Gerade bei Menschen in großen Städten" führe die verhaltene Haltung der CDU dazu, "dass kein Verständnis für unsere Politik da ist."

Deutlicher wurde der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn, ebenfalls Mitglied der Wilden 13. Ihn störten die Begrifflichkeiten in der Debatte, sagte der bekennende Schwule: Homosexuelle Partnerschaften seien nicht  ein leichtfüßiger Lebensentwurf, sondern ein zutiefst konservatives Füreinander-Einstehen. Kein Homosexueller sehe die eingetragene Partnerschaft als bloße, womöglich vorübergehende Selbstverwirklichung, wie in der Partei immer mal suggeriert werde:  "Ich bin ich", schloss Spahn seine Ausführungen und bekam respektvollen Applaus. Zuspruch erhielt der Abgeordnete von der früheren Wirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen , Christa Thoben . Niemand suche sich seine sexuelle Orientierung aus, betonte die 71-Jährige. Jeder habe ein Recht auf Gleichbehandlung.

CDU-Spitze fürchtet Dominoeffekt

Doch alle Argumente halfen nichts. Die Parteiführung um ihre unangefochtene Vorsitzende hat sich vorgenommen, in dieser Frage passiv zu bleiben – mit Verweis auf die Richter in Karlsruhe . Freimütig verweisen die CDU-Spitzen darauf, dass es bald ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ehegattensplitting geben wird. Das wolle man in Ruhe abwarten, erst dann, so ihre Lesart, bestehe Handlungsbedarf.

Dabei liegt ein Kompromiss nahe: Viele befürworten ein Familien- statt ein Ehegattensplitting, also Steuererleichterungen für Haushalte mit Kindern, womit sich auch die Wilde 13 problemlos anfreunden könnte. Einige Politiker aus der CDU-Führung fürchten aber einen Dominoeffekt: nach der Gleichstellung das volle Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare beispielsweise. Das ist in der CDU im Gegensatz zur Homo-Ehe richtig umstritten. "Wir wissen gar nicht, was für ein Fass wir aufmachen würden", sagt ein weibliches Präsidiumsmitglied dazu.

Also duckt sich die CDU weg – und bringt Merkel in eine komfortable Situation. Spricht das Verfassungsgericht ein Urteil für die Gleichstellung, kann die Parteichefin gegenüber den Konservativen auf rechtliche Zwänge verweisen. Und die Partei weiter modernisieren .