Kirche und StaatFriedrich mahnt Kirchen zu Zurückhaltung in Politik-Fragen

Bundesinnenminister Friedrich hat an die Kirchen appelliert, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu besinnen. Ihre politischen Botschaften seien bisweilen "zu einfach". von afp und dpa

Hans-Peter Friedrich, Innenminister, Kirche

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU ) hat die Kirchen zu Zurückhaltung in politischen Fragen aufgefordert. Es sei zwar hilfreich, wenn die Kirche politische Entscheidungsprozesse begleite und dabei Wertmaßstäbe formuliere. Er sei allerdings "nicht immer glücklich damit", wenn Kirchenvertreter "einseitige und als letztgültige Wahrheit proklamierte politische Botschaften" von der Kanzel verkündeten, sagte Friedrich der Berliner Morgenpost .

Die Politik müsse mit einer Vielzahl von immer neuen Konflikten umgehen, deren Lösungen nicht immer klar seien. In den Kirchen machten es sich "manche zu einfach, zum Beispiel bei Fragen um Krieg und Frieden", bemängelte der Innenminister. So seien etwa die Forderungen aus der Kirche, sich aus dem Afghanistan-Konflikt herauszuhalten, "völlig falsch" gewesen.

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Stattdessen wünsche er sich für die Zukunft von der Kirche, dass sie "die Botschaft Gottes in die Herzen der jungen Leute bringt, weil das sie davon abhält, extremistisch und fanatisch zu werden", sagte Friedrich. Die Kirchen müssten den Menschen "immer wieder klarmachen, welche grundsätzlichen Maßstäbe für ihr Handeln sich aus dem Wort Jesu Christi ergeben".

Seinen eigenen Glauben beschrieb der fränkische Protestant Friedrich in dem Interview so: "Ich habe ein grundsätzliches Gottvertrauen. Ich glaube, dass am Ende alles so sein wird, wie Gott es vorsieht."

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Leserkommentare
  1. Warum Kirchen Experten für ethische Fragen stellen sollten, ist mir nicht klar. Jeder Mensch ist ein Experte für ethische Fragen, wenn er bereit ist, seinen Verstand in einen fairen argumentativen Diskurs einzubringen. Richtig ist allenfalls, dass bestimmte Kirchen zu bestimmten Fragen einen sehr voraussehbaren Standpunkt haben. Das macht sie aber keinesfalls zu "Experten".

    Zweitens betrachte ich Friedrichs Äußerung nicht als Maulkorb. In dem Interview scheint Friedrichs eigener Glaube der Kontext seiner Äußerung zu sein, d.h. er appelliert auch als Kirchenmitglied an die Kirche. Von einem Minister zu verlangen, er solle seine Religionszugehörigkeit an der Garderobe abgeben, hieße, den Begriff Volksvertreter misszuverstehen.

    Im übrigen glaube ich, dass sich die Kirche keinen Gefallen damit tut, wenn sie versucht, der bessere Politiker zu sein. Erstens ist sie das wahrscheinlich sowieso nicht und zweitens fehlt dann genau die Aufgabe der Kirche - nämlich eine religiöse Orientierung zu geben. Wenn die Kirchen diese Rolle weiter aufgeben, werden Andere die religiöse Nachfrage bedienen - möglicherweise Radikale.

    Antwort auf "Argumente"
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    Das „Irgendwie“ in Ihrer Überschrift scheint zugleich Programm Ihrer Argumentation zu sein: Ich stimme Ihnen zu, dass jeder Mensch Ethik betreibt und sich in entsprechende Diskurse einbringen sollte. Daraus folgt aber eben genau nicht, dass es sich in der Ethik um ein Bereich völliger Beliebigkeit handelt, in dem es nicht so etwas wie Expertise gibt. Hat der Mensch einen freien Willen oder nicht? Was ist Menschenwürde und wie kann diese als absoluter Wert überhaupt begründet werden bzw. können überhaupt absolute Werte begründet werden? Was folgt daraus, wenn dies nicht möglich ist? Was ist der Unterschied zwischen Regelutilitarismus und Handlungsutilitarismus? Wie viele Menschen und ihre Angehörigen haben Sie in den Tod oder in schwerer Krankheit begleitet…? Die Kirche hat in diesen Bereichen gewichtiges Wissen und Erfahrungen genauso, wie es Gewerkschaften im Bereich des Arbeitsrechts o.ä. haben. Das heißt nicht, dass der Kirche ein Meinungsmonopol zuzuschreiben wäre, aber sie aus Diskursen auszuschließen ist ein großer Fehler, denn es gibt keinen Bereich des menschlichen Lebens – eben schon gar nicht der politische – der nicht ethische Implikationen enthielte. Dass die Kirche eine „vorhersehbare Position“ zu vielen Fragen hat sagt aber auch rein gar nichts über die Qualität dieser Positionen aus. Im Gegenteil: Ihre klare Haltung kann gegenüber der Politik, die Ihre Haltungen an Wählergunst und anderen Faktoren anpasst, tatsächlich eine Art Korrektiv darstellen.

    Friedrichs Religionsverständnis in allen Ehren, aber jemanden das Recht oder die Kompetenz abzusprechen sich zu politischen Fragen zu äußern ist – zugegeben etwas bildlich gesprochen – der Versuch einer bestimmten Interessengruppe ein Maulkorb zu verpassen. Ich verstehe Ihr Argument an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise.

    Völlig abstrus ist Ihr und Friedrichs Versuch der Kirche einen Aufgabenbereich außerhalb der Politik zuzuweisen, um Ihr anschließend jegliches Mitspracherecht in der Politik abzusprechen. Politisches Engagement und das Geben einer religiösen Orientierung schließen sich nicht aus. Bei Ihnen klingt es fast so, als sollte die Kirche eine Art Ideologiefunktion ausführen: Die Kirche soll dafür sorgen, dass die Menschen nicht den „Radikalen“ in die Hände fallen. Wie wäre es damit, ethisch reflektierte (Sozial-)Politik zu betreiben und somit den sozialen Boden für radikale Strömungen präventiv erst gar nicht entstehen zu lassen? Dann kann Religion auch mehr sein als geistige Vernebelung zur Überdeckung von durch verfehlte Politik hervorgebrachten Missständen. Ein Grund mehr für die Kirche sich in die Politik einzumischen.

  2. "Stattdessen wünsche er sich für die Zukunft von der Kirche, dass sie "die Botschaft Gottes in die Herzen der jungen Leute bringt, weil das sie davon abhält, extremistisch und fanatisch zu werden", sagte Friedrich. Die Kirchen müssten den Menschen "immer wieder klarmachen, welche grundsätzlichen Maßstäbe für ihr Handeln sich aus dem Wort Jesu Christi ergeben"."

    Vielen Dank für diese Worte, Herr Friedrich. Es versteht sich von selbst, dass Organisationen, die für sich in Anspruch nehmen - ausgehend von ihrer letztendlich willkürlichen Interpretation der Existenz imaginärer Entitäten - allgemeingültige moralische Regeln aufzustellen, Brutstätten von Toleranz und Pluralismus sind.
    Es ist kein Zufall, dass die ersten totalitären politischen Systeme dieser Welt Gottestaaten waren (siehe zum Beispiel Calvins Genf oder das Münster der Anabaptisten) - sind doch alle abrahamitischen Religionen inhärent totalitär.

    Davon abgesehen haben die Kirchen haben natürlich das Recht - wie jeder andere Bürger und jede andere Organisation auch - am politischen Diskurs in diesem Lande teilzunehmen. Die Diskurshoheit in ethischen Fragen, die die Kirchen anscheinend immer noch als ihr Naturrecht ansehen, ist jedoch nicht gerechtfertigt und 200 Jahre nach Kant eine Beleidigung für die menschliche Intelligenz.

  3. denn Herr Friedrich hat recht, wenn er die geistlichen Persönlichkeiten an ihre primäre Aufgabe erinnert, sich nicht zu jedem Geplänkel der Politik gemäß ihres eigenen Zeitgeistes zu äußern. Das Geplänkel ist sowieso pol.grün/rot. Wir brauchen Prediger die zuerst die Bibel lesen und diese Botschaft predigen und dann sollte die Politik reagieren und nicht umgekehrt.
    Frohe Weihnachten

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    Religionsvertreter sollen sich also darauf beschränken, die Betroffenen über die Folgen von Politik und neoliberalem Kapitalismus hinwegzutrösten.

    Gilt das auch für Russland, China und Kuba?

    Und über welchen Weg ist eigentlich der Großteil der ostdeutschen Politiker ins Amt gehoben worden? Ohne Verbindung zur Kirche lief doch 1990 fast nichts. War das falsch? Wie sieht das denn der ehemalige Pfarrer Gauck?

  4. Wenn Sie Beispiel an Sarajevo nehmen dann ist dieser Krieg die Folge der Lösung des kalten Krieges.

    Die wahren Kriegstreiber wollten diesen Krieg und haben die "Fundamentalpazifisten" in den Krieg geschickt. So ist es immer, die wahren Kriegstreiben führen keinen Krieg, sie kommandieren und walten aus sicheren Bunkern.

    Grundsätzlich hat sich bedauerlicherweise nach diesem unnötigen, richtungslosen Bürgerkrieg am Balkan die ganze Doktrin nachhinein geändert. Wenn dieser Krieg aus noch einem Grund kritisiert - analysiert werden sollte, dann weil eben den Kriegswille bei Politiker gestärkt hatte.

    Es geht allgemein um die Art der politischen Gestaltung der Beziehungen die den Krieg eher ausschließen würden als unzählige, wie Herr Friedrich behauptet komplex Umstände zu schaffen die den Krieg eigentlich erst möglich machen, übrigens auch in Sarajevo.

    mfg

    Ein Fundamentalpazifist mit Kriegserfahrung

    P.S.
    Und doch ist der Krieg nur das alle letzte Mittel und dürfte keinfalls die allmählige Gewohnheit der Politikführung werden!

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    Sie machen es sich doch etwas zu einfach. Der Staat Jugoslawien war ein, mit Feuer und Schwert geschmiedeter Staat mit einer sozialistischen Diktatur, indem die ehem. Kriegsgegner aus dem zweiten Weltkrieg gemeinsam regiert wurden. Der Staat wurde von den Serben dominiert. Die ehem. Hauptstadt Belgrad liegt im serbischen Siedlungsraum und stellte das größte industrielle Zentrum des Landes dar. Nach dem Fall des Sozialismus konnte man folgende Tendenzen beobachten: Sowohl die Slowenen, als auch die Kroaten begriffen recht schnell, dass sie durch ihre Lage (Küste/Tourismus bzw. Nähe zu Österreich) sich wirtschaftlich wesentlich schneller ohne den ungeliebten Reststaat von Jugoslawien entwickeln könnten. Auf der anderen Seite gab es folgende Entwicklung bei den Serben: Es bekam bei den Wahlen die Partei die meisten Stimmen, die sich aktiv für die „Belange der Serben“ einsetzen wollte. Die nicht mehr wettbewerbsfähige Wirtschaft im serbischen Teil brach mehr und mehr zusammen. Es entwickelte sich dieser ungesunde Nationalismus, der die wirtschaftlich prosperierende Regionen in Jugoslawien halten wollte.

    Die Protagonisten haben diese Stimmungen kanalisiert und genutzt, sind aber nicht ursächlich hierfür gewesen.

  5. Natürlich ist es durchsichtig, wenn Leute hier schreiben, die Kirche mischt sich nicht genug ein. Welche Kirche denn? Die verschweigen: Natürlich die evangelische mischt sich nicht genug ein. Was aber die katholische Kirche betrifft, von Grundwerten über Ehe und Ökumene bis hin zur Verhütung, dann darf das natürlich nicht mehr gelten. Diese Kirche darf sich nicht einmischen, weder politisch, gesellschaftlich noch sonst wie irgendwo vertreten sein.

    Die Grünen, die Partei der neuen Pfaffen, haben ja nun DIE WAHRE KIRCHE gepachtet, und da kann man dann nach eigener politischen Überzeugung auch mal Partei ergreifen hier im Forum.

    Was allerdings ein Pastor im Kaff über neuste Technik, Industrie, gesellschaftliche Zusammenhänge im Großen, die jungen Generationen, Landwirtschaft, Chemie, Biologie, Mathematik usw. weiß, ist wohl auch nicht mehr als das, was der islamistische Imam in Ägypten predigen kann.

  6. Christliche Moral und Ethik allgemein, die man auf Lebensbereiche anwenden kann, mag er vermitteln können. Das Fachwissen fehlt aber. Deshalb bewegen sich ReligionslehrerInnen ja gerne auch mit Fächerkombinationen wie Geschichte, Sprachen aber vor allem Politik. Dann haben sie ja gleich zwei Kompetenzen, die der Schüler schwer anfechten kann - weder politisch noch die religiöse Relevanz.

    Denn wer darf schon arglosen freiwilligen Menschen seine ganz persönliche politische Meinung predigen, die nicht mal aus Gruppenzwang abhauen können, ohne dass die Linie irgendwo innerhalb der Institution POLITISCH vorgegeben ist. Die Predigt ist ja eben göttliche Wahrheit und nicht "politisch". Das soll man dann mitnehmen ...

    • akomado
    • 23. Dezember 2012 23:28 Uhr

    (damals waren es Milosevic und Seinesgleichen), unter denen dann der "Einsatz militärischer Mittel" (= Krieg) als "alternativlos" erscheint. Gerade die Jugoslawienkriege sind ein gutes Beispiel für kriegfördernde Politik: Kriegfördernd war, daß Deutschland Kroatien und Slowenien viel zu früh anerkannt hat. Kriegfördernd war weiterhin, daß man nach wie vor auf die machthabenden Verbrecher fixiert war und nur mit ihnen verhandelte.
    Es gab damals interessante zivilgesellschaftliche Alternativen - etwa solche, die Deserteure der verschiedenen Seiten unterstützten. Denn viele junge Männer, ganz gleich, von welcher "Ethnie", kotzte es einfach bloß an, Kanonenfutter in einem Krieg zu sein, welcher einzig und allein im Interesse von Cliquen geführt wurde, welche Macht halten oder erst gewinnen wollten. Privatleute in ganz Europa haben diese Deserteure unterstützt, aber es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Können Sie sich hingegen vorstellen, daß Staaten Deserteure unterstützen? Nein? Kein Wunder, ich kann es mir auch nicht vorstellen.
    Denken wir weiter in der Staats- und Machtlogik, wird Krieg die "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" bleiben. Dagegen kommt jedoch alles darauf an, diese Art zerstörerischer "Politik" wirkungslos zu machen. Durch ein zivilgesellschaftliches Europa, welches die nationalen/transnationalen Regierungen entmachtet. Auf dieses Europa freue ich mich. Friedrichs CSU wäre dort eine bedeutungslose Splittergruppe ...

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    Mal ganz nüchtern betrachtet: Viele haben bei dem Konflikt mitgemacht, weil sie sich etwas davon versprochen haben. Die Anzahl der Deserteuere ist, wenn es nicht gerade um das Thema "Heldentod" geht, doch eher klein.

    Was Friedlichkeit und die Hoffnung auf Lösung durch die Politik der Staatengemeinschaft betrifft: Da kann man sich ja den Nahost-Konflikt mal anschauen. Was hat die Staatengemeinschaft trotz der ganzen Resolutionen dort bisher erreicht?

    Wenn nur das "Recht des Stärkeren" zählt, muss man halt dafür sorgen, dass man zu den Stärkeren zählt.

  7. Unser Bundesinnenminister möchte eine Zurückhaltung der Kirchen dort, wo deren Positionen ihm politisch missfallen. Ich habe ja noch keinen CSU-Minister sich darüber beschweren hören, wenn in Bayern CSU und katholische Kirche Hand in Hand gehen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Kirche | CSU | Jesus | Botschaft | Frieden | Glaube
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