WeihnachtsanspracheGauck fordert mehr Solidarität

Der Bundespräsident hat in seiner Weihnachtsansprache wachsende soziale Ungleichheit, Gewalt und Rassismus kritisiert. Nötig seien Engagement und menschliche Zuwendung. von afp, dpa und reuters

Bundespräsident Joachim Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck  |  © Michael Kappeler/AFP/GettyImages

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen in seiner ersten Weihnachtsansprache zu einem solidarischen Miteinander aufgerufen. Ein Teil der Menschen in Deutschland sei "verunsichert angesichts eines Lebens, das schneller, unübersichtlicher, instabiler geworden ist", sagte er in der Ansprache, die am Dienstag im Fernsehen ausgestrahlt werden soll.

Zwar habe Deutschland die Krise bisher gut gemeistert, den meisten gehe es wirtschaftlich gut und radikale Parteien hätten von der Verunsicherung nicht profitiert. Doch gehe die Schere zwischen Arm und Reich auseinander, der Klimawandel erfordere ebenso neue Antworten wie eine alternde Gesellschaft. "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben."

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Gauck empfahl eine Besinnung auf die menschliche Zuwendung zueinander. "In der Sprache der Politik heißt das: Solidarität. In der Sprache des Glaubens: Nächstenliebe. In den Gefühlen der Menschen: Liebe."

Deutschland wolle ein Land sein, in dem Alte und Junge, Alteingesessene und Neuzugezogene miteinander leben können. "Ja, wir wollen ein solidarisches Land sein", sagte Gauck. Es brauche daher nicht nur tatkräftige Politiker, sondern auch engagierte Bürger. Er habe bei seinen zahlreichen Begegnungen in den vergangenen Monaten erfahren, dass es viel mehr Menschen gebe, die Gegenwart und Zukunft zum Besseren gestalten wollten, als Gleichgültige.

Ausdrücklich mahnte Gauck einen großzügigen Umgang mit politisch Verfolgten an. "Zwar werden wir nie alle Menschen aufnehmen können, die kommen", sagte er. "Aber: Verfolgten wollen wir mit offenem Herzen Asyl gewähren und wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht."

Lob für die europäische Idee

Gauck würdigte den Einsatz deutscher Soldaten und Zivilhelfer in Afghanistan . Seine Reise in das Land habe ihm vor Augen geführt, wie kostbar der Frieden sei, der seit über sechzig Jahren in Europa herrscht. "Gesichert hat ihn die europäische Idee." Zu Recht habe die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten. Jetzt gehe es aber in Europa um die Frage, ob der politische Wille alles das wird zusammenhalten können, "was ökonomisch und kulturell so unterschiedlich ist".

Der frühere Pfarrer Gauck nahm mehrfach Bezug auf die Bibel. Für Christen sei Weihnachten "das Versprechen Gottes, dass wir Menschen aufgehoben sind in seiner Liebe". Aber auch für Muslime, Juden, Menschen anderen Glaubens und Atheisten sei es "ein Fest des Innehaltens, ein Fest der Verwandten und Wahlverwandten, ein Fest, das verbindet, wenn Menschen sich besuchen und beschenken".

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Leserkommentare
  1. "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben."

    Zeigen Sie Mut und Zivilcourage, Herr Bundespräsident, und benennen Sie die Tatsachen, anstatt diese zu verdrehen. Inzwischen wird man als "Weißhäutiger" oder Jude angegriffen.

    Realitätsferne Ansprachen können wir uns sparen!

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    • big1953
    • 24. Dezember 2012 9:54 Uhr

    Zitat Gauck: "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben."

    Gewalt ist für mich Gewalt - und mir ist es dabei gleich, welche Hautfarbe, Haarfarbe oder Religion Opfer oder Täter haben.

    Bei Gewalt in U-Bahnen und Straßen sehe ich aber relativ wenig Gewalt, die gegen schwarze Haare und dunkle Haut gerichtet ist - und mir ist ein hellhäutiges und meinetwegen auch noch blondes Opfer auch nicht unwichtiger, als ein anderes.
    Das erwarte ich mir von einem Bundespräsidenten - eine klare Absage an Gewalt - gleich aus welchen Gruppierungen

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  2. "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben."

    Ist ja wohl angesichts der Realitäten auf deutschen Straßen ein Scherz, Herr Bundespräsident.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters, nf
  • Schlagworte Joachim Gauck | Europäische Union | Reise | Alte | Asyl | Bibel
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