Gaucks Rede im Wortlaut"Wir brauchen engagierte Bürger"

Bundespräsident Joachim Gauck ruft die Menschen in seiner ersten Weihnachtsrede zu mehr Mut und Offenheit auf. Die Ansprache im Wortlaut. von dpa

Präsident Joachim Gauck, Weihnachtsbotschaft

Bundespräsident Joachim Gauck während seiner Weihnachtsrede im Schloss Bellevue in Berlin.  |  © Michael Kappeler/AFP/Getty Images


Liebe Bürgerinnen und Bürger hier im Land, liebe Landsleute in der Ferne!



Es ist Weihnachten. Viele von uns lesen und hören in diesen Tagen die Weihnachtsgeschichte. In dieser Geschichte um das Kind in der Krippe begegnen uns Botschaften, die nicht nur religiöse, sondern alle Menschen ansprechen. "Fürchtet Euch nicht!", und: "Friede auf Erden!"

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Wir sehnen uns nach Frieden, auch und gerade, weil in der Realität so viel Unfriede, so viel Krieg herrscht. 

Vor wenigen Tagen bin ich aus Afghanistan zurückgekehrt. Es hat mich beeindruckt, wie deutsche Soldatinnen und Soldaten unter Einsatz ihres Lebens Terror verhindern und die Zivilbevölkerung schützen. Mein Dank gilt ihnen - wie auch den zivilen Helfern dort.

Eine solche Reise führt dem Besucher vor Augen, wie kostbar der Frieden ist, der seit über 60 Jahren in Europa herrscht. Gesichert hat ihn die europäische Idee. Zu Recht hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten. Jetzt aber ist die Frage: Wird unser politischer Wille zusammenhalten können, was ökonomisch und kulturell so unterschiedlich ist?



Deutschland hat die Krise bisher gut gemeistert. Verglichen mit anderen Europäern geht es den meisten von uns wirtschaftlich gut, ja sogar sehr gut. Zudem ist Deutschland politisch stabil; radikale Parteien haben nicht davon profitiert, dass ein Teil der Menschen verunsichert ist. Sie sind verunsichert angesichts eines Lebens, das schneller, unübersichtlicher, instabiler geworden ist. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, der Klimawandel erfordert ebenso neue Antworten wie eine alternde Gesellschaft. Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben.



Angesichts all dessen brauchen wir nicht nur tatkräftige Politiker, sondern auch engagierte Bürger. 

Und manchmal brauchen wir eine Rückbesinnung, um immer wieder zu uns und zu neuer Kraft zu finden. 

Dazu verhilft Weihnachten. Für Christen ist es das Versprechen Gottes, dass wir Menschen aufgehoben sind in seiner Liebe. Aber auch für Muslime, Juden, Menschen anderen Glaubens und Atheisten ist es ein Fest des Innehaltens, ein Fest der Verwandten und Wahlverwandten, ein Fest, das verbindet, wenn Menschen sich besuchen und beschenken - mit schönen Dingen, vor allem jedoch mit Zuwendung. 



Wer keine Zuwendung erfährt und keine schenkt, kann nicht wachsen, nicht blühen.

In der Sprache der Politik heißt das: Solidarität; in der Sprache des Glaubens: Nächstenliebe; in den Gefühlen der Menschen: Liebe. Ja – wir wollen ein solidarisches Land. Ein Land, das den Jungen Wege in ein gutes Leben eröffnet und den Alten Raum in unserer Mitte belässt. Ein Land, das jene, die seit Generationen hier leben, mit jenen verbindet, die sich erst vor kurzem hier beheimatet haben. 



Kürzlich hat mir eine afrikanische Mutter in einem Flüchtlingswohnheim ihr Baby in den Arm gelegt. Zwar werden wir nie alle aufnehmen können, die kommen. Aber Verfolgten wollen wir mit offenem Herzen Asyl gewähren und wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht.



Bei meinen zahlreichen Begegnungen in den vergangenen Monaten durfte ich etwas sehr Beglückendes erfahren: dass die Zahl der Menschen, die unsere Gegenwart und Zukunft zum Besseren gestalten, weit größer ist als die Zahl der Gleichgültigen.

Mein Dank gilt deshalb den engagierten Frauen und Männern. Ihre Tatkraft bestärkt mich - besonders aber stärkt sie unser Land, weil sie es schöner, liebenswerter, menschlicher macht. 

Der Stern aus der Weihnachtsgeschichte führte Menschen einst von fernher zu einem ganz besonderen Ziel - zu einem Menschenkind. Einen solchen Stern wünsche ich jedem in unserem Land, einen Stern, der ihn zum Mitmenschen, der uns zueinander führt.



Mit diesem Wunsch also: Gesegnete Weihnachten!

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Leserkommentare
  1. Das ist die schlechteste Weihnachtsansprache eines Bundespräsidenten, die ich je gehört oder in den Annalen gelesen habe.

    In ihren kettenartig aufgereihten Allgemeinplätzen zu den ausgewählten Ereignissen mit dem christlichen Schlenker zeugt sie von politisch linientreuer Solidarität, aber nicht die Spur von Einfühlungsvermögen ("Liebe") für die realen Menschen des Landes, dessen Repräsentant Herr Gauck kraft seines Amtes ist.

    http://www.zeit.de/politi...

    21 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 24. Dezember 2012 12:51 Uhr

    Klasse die "Weihnachtsabsprache" und eine treffende Bechreibung des Inhalts. Frohes Fest.

    der die wahren Anliegen und Bedürfnisse des Volkes begreift, sie sehr ernst nimmt und sie dem politischen Alltag der Bundeskanzlerin den Regierenden für ihre verantworliche Bearbeitung vorlegt.

    Doch leider -er ist nicht einer von uns. Er repräsentiert alles Mögliche -nur nicht die realen Menschen.
    Gauck ist Gauck. Von der wirklichen vielschichtigen Lebenswirklickeiten, die täglich den ganzen Menschen abverlangen, scheint er NUll Ahnung zu haben

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
    • doch40
    • 24. Dezember 2012 12:27 Uhr

    Dass er das Weihnachtsfest zunächst mit Afghanistan und dem angeblichen Friedensauftrag dort in Verbindung bringt, zeigt eine falsche Akzentsetzung.
    Erst später kam er wohl auf den Trichter, dass die Weihnachtsgeschichte zunächst eine Geschichte um das Thema Asyl ist, eine Geschichte um verweigerte Gastfreudschaft gegenüber Fremden. Na immerhin.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 24. Dezember 2012 12:51 Uhr

    Klasse die "Weihnachtsabsprache" und eine treffende Bechreibung des Inhalts. Frohes Fest.

    7 Leserempfehlungen
  3. Ich kann die sich ewig wiederholenden Lügen und Heucheleien nicht mehr ertragen.

    2013 werde ich die Ränder wählen und aus der Kirche austreten.

    19 Leserempfehlungen
  4. "Es hat mich beeindruckt, wie deutsche Soldatinnen und Soldaten unter Einsatz ihres Lebens Terror verhindern und die Zivilbevölkerung schützen."

    Fakten zum Krieg in Afhganistan und seinen Ursachen:

    http://www.welt.de/politi...

    http://www.nytimes.com/20...

    http://www.spiegel.de/pol...

    http://www.fr-online.de/d...

    http://www.nytimes.com/20...

    http://articles.latimes.c...

    http://tribune.com.pk/sto...

    http://www.dradio.de/dkul...

    http://www.bradblog.com/?...

    http://www.newint.org/fea...

    13 Leserempfehlungen
  5. "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben.

"

    In der Realität geht es meistens in die andere Richtung. Dieses Land und seine Politiker sind nicht mehr ertragbar. Ich denke ernsthaft über Auswanderung nach.

    11 Leserempfehlungen
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    und somit schon einen Schritt weiter. Mittlerweile überlege ich, meinen deutschen Pass abzugeben.

    • khasar
    • 24. Dezember 2012 15:01 Uhr

    Er in ein paar Monaten kaputtgeredet hat, kann er mit so einer Heuchelei nicht mehr ungeschehen machen.
    Nur vorgegaukelt

    via ZEIT ONLINE plus App

    4 Leserempfehlungen
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    Anstatt solche Allgemeinplätze als Statements abzugeben, wäre es wohl sinnvoll Klartext zu reden!

    Oder spielen Sie hier auf die Aussage des unseeligen Herrn Wulff an, die der jetzige Bundespräsident direkt bei seinem Amtsantritt richtig gestellt hat?

    Was die "Meckerer" hier im Forum angeht, ist diese Ansprache authentisch und kommt von den hochtrabenden Ansprachen mancher Politiker weg. Sie ist eben "Gauck", klar und ohne Schnörkel. Kein Honig, kein Herumgeeiere, basierend auf seine Biografie.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Europäische Union | Joachim Gauck | Alte | Asyl | Baby | Botschaft
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