GrüneÖzdemir wehrt den Angriff ab

Die baden-württembergischen Grünen ersparen ihrem Bundesvorsitzenden Özdemir eine neuerliche Niederlage. Nun ist ihm ein Bundestagsmandat sicher. von 

Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir

Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir  |  © Christian Charisius/dpa

Wie nervenaufreibend diese Minute gewesen sein muss, nachdem die 202 Grünen-Delegierten in der Böblinger Kongresshalle ihre elektronischen Stimmgeräte betätigt hatten, zeigte sich an der Ehefrau des Bundesvorsitzenden Cem Özdemir : Als das Ergebnis da war, sprang Pia Maria Castro von ihrem Sitz auf, fiel ihrem Mann um den Hals, jauchzte, hüpfte. Auch als Özdemir schon wieder vorne an der Bühne stand, um zusammen mit der Spitzenfrau Kerstin Andreae die offiziellen Glückwünsche entgegenzunehmen, konnte sich seine Frau noch nicht beruhigen. "Wer hätte das gedacht vor ein paar Jahren?", rief sie allen zu, die vor ihr standen.

Anlass der Freude: Bei einer Kampfabstimmung der baden-württembergischen Grünen hatte sich Özdemir gegen seinen Parteifreund Gerhard Schick durchgesetzt. Der Grünen-Chef errang so den zweiten Platz der Landesliste für die Bundestagswahl 2012. Nun gilt als sicher, dass er, anders als bei der vorigen Wahl, ein Abgeordnetenmandat erhalten wird. Im Moment ist er zwar Parteichef, hat aber kein Mandat im Bundestag, womit ihm eine gewisse Machtbasis fehlt.

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115 zu 86 Stimmen für Özdemir, das war deutlich. Etwas knapper hatte sich zuvor die Reala Kerstin Andreae gegen die Linke Sylvia Kottin-Uhl durchgesetzt (108 zu 93 Stimmen). Damit bekam sie den ersten Listenplatz, der einer Frau vorbehalten ist.

Vor ein paar Jahren noch, genauer im Oktober 2008, hatte Özdemir den Parteitag der Landesgrünen vorzeitig und gedemütigt verlassen. Die Mitglieder hatten ihn auf keinem der vorderen Listenplätze der Partei haben wollen, manche Beobachter wollten Tränen in Özdemirs Augen gesehen, andere ein "Shit happens" aus seinem Mund gehört haben. Später wurde der Stuttgarter trotzdem Bundesvorsitzender. Doch eine Wunde war geblieben, zumal er es ohne Bundestagsmandat sehr viel schwerer hatte, seine Machtbasis auszubauen.

Tadel und Missbilligung für den Konkurrenten

Um das in der nächsten Legislaturperiode zu ändern, musste sich Özdemir gegen einen Parteilinken durchsetzen: Gerhard Schick, 40 Jahre alt, bekennender Christ und Finanzexperte. Tadel und Missbilligung vieler Parteikollegen, vor allem aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann , fochten Schick nicht an. Ihm gehe es darum, im Bundestagswahlkampf nächstes Jahr den Fokus in Richtung sozialer Themen zu justieren.

In seiner Bewerbungsrede am Samstag sagte er auch gleich, was ihn von Özdemir unterscheidet: Er wolle, so der Herausforderer, "mit dem Fahrrad und der Bahn" auf Wahlkampftour gehen, "auch dahin, wo man keine 50 Teilnehmer garantieren kann. Da könnt ihr euch auf mich verlassen."

Vor Schick hatte Özdemir gesprochen, ohne Krawatte, in Jeans und Sakko. Er kreiste um die Ungerechtigkeiten der Europapolitik und streifte deutsche Bildungs- und Klimathemen. Der stärkste Moment seiner Rede war, als Özdemir über sich selber sprach. "Meine Eltern haben mir früher immer gesagt: Hart schaffen, dann wird irgendwann was aus dir." Nach einer kurzen Pause schob er nach und erntete dafür ein warmes Lachen: "Ob das stimmt, weiß ich nicht."

Da war er auf einmal nicht mehr der oft kühl wirkende Bundesvorsitzende. Jene, die ihm wohl meinen, sehen darin eine gewisse Geschmeidigkeit; Parteilinke hingegen werfen ihm Beliebigkeit oder sogar Opportunismus vor.

Leserkommentare
  1. Am Samstag vor zwei Wochen wurde man hier mit Meldungen vom Bundesparteitag der Grünen überflutet. Gleichzeitig wurde bei der Südwest-FDP der Spitzenkandidat (Landesliste Baden-Württemberg) für die Bundestagswahl gewählt. Dieser Parteitag hatte insoweit Brisanz, weil der vorbestrafte und einst in politische Skandale verwickelte Walter Döring gegen die umstrittene Birgit Homburger antrat und letztendlich ein "Coup" mit dem nicht weniger umstrittenen Dirk Niebel gelang. Alle führenden Medien (u. a. Spiegel, FAZ, Welt, SZ) berichteten an jenem Samstag zeitnah und ausführlich darüber. Lediglich bei der Zeit fand am Samstag keinerlei Berichterstattung statt. Erst am Sonntag Vormittag gab es (nach meiner Erinnerung einen einzigen) Artikel über den Parteitag der Südwest-FDP.

    Kaum halten allerdings Baden Württembergs Grüne einen Parteitag ab und wählen ihren Spitzenkandidaten, wird hier wieder unmittelbar und zeitnah davon berichtet. Als neutraler(!) politischer Beobachter muss man sich schon fragen, wie das sein kann?

    Da wird dieser Tage auch bei der hiesigen Zeitung immer wieder die Qualität und Vielfältigkeit der Presse hervorgehoben; insbesondere auch die Unabhängigkeit und die Notwendigkeit der sog. "Vierten Gewalt" und dann findet so eine politisch gefärbte Berichterstattung statt?

    2 Leserempfehlungen
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    [...]
    Man stelle sich mal vor der bestechliche (http://www.focus.de/polit...) und betrügende Özdemir (Flugmeilen und PR Berater Affäre http://www.spiegel.de/pol..., ) der auch noch intolerant gegen Kurden (http://www.berliner-zeitu...) ist, würde nicht in den Bundestag kommen. Die ganze Arbeit wäre umsonst und man hätte aufs falsche Pferd gesetzt.

    Um der Nichtberichterstattung jedoch nicht Unrecht zu tun, warum über eine Partei berichten die nächstes Jahr eh nicht in den Bundestag einziehen wird, da sind Bericht über die NPD doch mehr auf der Linie.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jp

    Es wird nicht mehr über die FDP berichtet, weil sich niemand mehr für die FDP interessiert. Warum sollte man einer unglaubwürdigen, aussterbenden Partei noch Beachtung schenken?

    • am4875
    • 02. Dezember 2012 16:57 Uhr

    Nun ja, abseits der Meinungsmache erfährt man aber immerhin, wem die Grünen den Vorzug geben und kann damit schon sehr genau abschätzen, wo die Reise hingehen soll.
    Wenn ich mir das "grüne" Personal so anschaue, geht mir unweigerlich der Gedanke durch den Kopf: "dat wird nix". Egal, was offiziell an Themen vorgegeben wird, das präferierte "Personal" zeigt ganz klar, daß es letztlich wieder eine andere Richtung nehmen wird. Selbst wer mit den Ideen der Grünen sympathisiert, sollte hier hellhörig und vorsichtig werden.

  2. Die Frage nach Özdemirs Teilname am Bilderberger-Treffen - er hat nicht teilgenommen, wie sich herausstellte. Aber allein schon diese vorwurfsvolle Frage macht mal wieder die so typisch deutsche vorwurfsvolle Art, dieses Unerbittliche, dieses entweder oder, gut oder böse deutlich. Da ist keine Zwischenstufe möglich. Da ist es nicht weit zum, in der DDR sehr gepflegten und auch vom Nazi-Deutschland her wohl bekannten Anschwärzen missliebiger Personen. Der Denunziant, er lebt noch immer in diesem Land.

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    >> Der Denunziant, er lebt noch immer in diesem Land. <<

    ... zu fragen, wo und wie eine Person aktiv ist, der man da seine Stimme geben soll, ist definitiv kein Denunziantentum. Wir täten gut daran, unsere Politiker öfter mal zu fragen, wo sie stehen.

    >> Da ist es nicht weit zum, in der DDR sehr gepflegten und auch vom Nazi-Deutschland her wohl bekannten Anschwärzen missliebiger Personen. <<

    Dem Denunziantentum nahe kommt es aber, den Fragesteller in diesen Kontext zu rücken.

    sehe ich Ihren Einwurf erst jetzt. Und ich muss Ihnen eine interessante, geradezu rabulistische Argumentation zugestehen.
    Wobei ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass ein kluger Mensch diese typisch deutsche (wie mir englische Verwandte gerne sagen), vorwurfsvolle und auch etwas rechthaberische Art sympathisch finden kann.

    "Aber allein schon diese vorwurfsvolle Frage macht mal wieder die so typisch deutsche vorwurfsvolle Art, dieses Unerbittliche, dieses entweder oder, gut oder böse deutlich."
    ------------------
    Wie würden Sie diese Frage umformulieren, um die von Ihnen insinuierte Konnotation des Vorfurfs zu eleminieren und trotzdem die gewünschte Antwort zu erhalten?

    • jongman
    • 01. Dezember 2012 15:26 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

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    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    • Lunedi
    • 01. Dezember 2012 15:32 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Äußerungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/jp

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    "in unflätiger Weise" - geben Sie uns ein Beispiel ...
    "Über die Schminke fällt er her" - wie sah das denn aus?

    Was für ein schönes Stück Amusement am Samstag-Nachmittag bieten Sie uns hier.

    • Lunedi
    • 01. Dezember 2012 18:03 Uhr

    die Özdemir zusammen im Oktober hielt, würden sie sich vielleicht nicht so über meinen Beitrag lustig machen. Dort hat er sich über das Aussehen der Bundeskanzlerin in unmöglicher Weise geurteilt. Er machte die Schminkart der Kanzlerin madig, obwohl die Meisterin der Verschönerungskunst neben ihm stand. Das nenne ich Macho-Gehabe. So, wie das Löschen meines Beitrages gelaufen ist, sind sie lieber maxeisenreich, mit der Redaktion verbandelt. Ich empfehle ihnen die Sendungen auf "Phoenix" dann sind sie auch immer informiert. Übrigens habe ich diesen Herrn Özdemir auch pers. angeschrieben. Er weiss schon, was ich meine. Eine Antwort habe ich nie erhalten.

    • mapalo
    • 01. Dezember 2012 15:33 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Kein sachlicher Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

  3. Selbst wenn Herr Özdemir 0 Stimmen in seinem Wahlkreis bekommt; wenn die Grünen 5 Prozent schaffen, ist er im Bundestag. Tolles System.

    Özdemirs Kritikern muss ich auch recht geben: eine klare Kante hat er nicht unbedingt. Im Gegensatz zu Trittin oder auch Roth, fällt es mir schwer Özdemir einzuordnen. Aber Reden kann er allemal.

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    Und gutes System! Denn dann haben auch Kandidaten eine Chance, die in ihrem Wahlkreis keine hätten. Wahlkreise sind höchst unterschiedlich und repräsentieren ja nicht den Bund. Daher ist es nur richtig, dass bei den Bundesweiten Wahlen die Stimmabgabe für eine Partei ebenso Relevanz für die personale Ausstattung hat!

  4. 7. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "[...]"
  5. "in unflätiger Weise" - geben Sie uns ein Beispiel ...
    "Über die Schminke fällt er her" - wie sah das denn aus?

    Was für ein schönes Stück Amusement am Samstag-Nachmittag bieten Sie uns hier.

    Antwort auf "[...]"
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    • Lunedi
    • 01. Dezember 2012 15:47 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

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