Wie nervenaufreibend diese Minute gewesen sein muss, nachdem die 202 Grünen-Delegierten in der Böblinger Kongresshalle ihre elektronischen Stimmgeräte betätigt hatten, zeigte sich an der Ehefrau des Bundesvorsitzenden Cem Özdemir : Als das Ergebnis da war, sprang Pia Maria Castro von ihrem Sitz auf, fiel ihrem Mann um den Hals, jauchzte, hüpfte. Auch als Özdemir schon wieder vorne an der Bühne stand, um zusammen mit der Spitzenfrau Kerstin Andreae die offiziellen Glückwünsche entgegenzunehmen, konnte sich seine Frau noch nicht beruhigen. "Wer hätte das gedacht vor ein paar Jahren?", rief sie allen zu, die vor ihr standen.

Anlass der Freude: Bei einer Kampfabstimmung der baden-württembergischen Grünen hatte sich Özdemir gegen seinen Parteifreund Gerhard Schick durchgesetzt. Der Grünen-Chef errang so den zweiten Platz der Landesliste für die Bundestagswahl 2012. Nun gilt als sicher, dass er, anders als bei der vorigen Wahl, ein Abgeordnetenmandat erhalten wird. Im Moment ist er zwar Parteichef, hat aber kein Mandat im Bundestag, womit ihm eine gewisse Machtbasis fehlt.

115 zu 86 Stimmen für Özdemir, das war deutlich. Etwas knapper hatte sich zuvor die Reala Kerstin Andreae gegen die Linke Sylvia Kottin-Uhl durchgesetzt (108 zu 93 Stimmen). Damit bekam sie den ersten Listenplatz, der einer Frau vorbehalten ist.

Vor ein paar Jahren noch, genauer im Oktober 2008, hatte Özdemir den Parteitag der Landesgrünen vorzeitig und gedemütigt verlassen. Die Mitglieder hatten ihn auf keinem der vorderen Listenplätze der Partei haben wollen, manche Beobachter wollten Tränen in Özdemirs Augen gesehen, andere ein "Shit happens" aus seinem Mund gehört haben. Später wurde der Stuttgarter trotzdem Bundesvorsitzender. Doch eine Wunde war geblieben, zumal er es ohne Bundestagsmandat sehr viel schwerer hatte, seine Machtbasis auszubauen.

Tadel und Missbilligung für den Konkurrenten

Um das in der nächsten Legislaturperiode zu ändern, musste sich Özdemir gegen einen Parteilinken durchsetzen: Gerhard Schick, 40 Jahre alt, bekennender Christ und Finanzexperte. Tadel und Missbilligung vieler Parteikollegen, vor allem aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann , fochten Schick nicht an. Ihm gehe es darum, im Bundestagswahlkampf nächstes Jahr den Fokus in Richtung sozialer Themen zu justieren.

In seiner Bewerbungsrede am Samstag sagte er auch gleich, was ihn von Özdemir unterscheidet: Er wolle, so der Herausforderer, "mit dem Fahrrad und der Bahn" auf Wahlkampftour gehen, "auch dahin, wo man keine 50 Teilnehmer garantieren kann. Da könnt ihr euch auf mich verlassen."

Vor Schick hatte Özdemir gesprochen, ohne Krawatte, in Jeans und Sakko. Er kreiste um die Ungerechtigkeiten der Europapolitik und streifte deutsche Bildungs- und Klimathemen. Der stärkste Moment seiner Rede war, als Özdemir über sich selber sprach. "Meine Eltern haben mir früher immer gesagt: Hart schaffen, dann wird irgendwann was aus dir." Nach einer kurzen Pause schob er nach und erntete dafür ein warmes Lachen: "Ob das stimmt, weiß ich nicht."

Da war er auf einmal nicht mehr der oft kühl wirkende Bundesvorsitzende. Jene, die ihm wohl meinen, sehen darin eine gewisse Geschmeidigkeit; Parteilinke hingegen werfen ihm Beliebigkeit oder sogar Opportunismus vor.