Aber: Steinbrück geht dafür sehenden Auges in eine Gefahr. Insofern, als er qua Person das SPD-Potenzial verbreitern soll, der mit ihm verbundene Plan vor diesem Hintergrund allerdings gewagt ist. Denn nach Berechnungen der FU würden gut verdienende leitende Angestellte und Inhaber mittlerer Unternehmen prozentual den höchsten Anstieg der Steuerlast tragen müssen, zwischen elf und zwölf Prozent. Steinbrück wendet sich also zunächst und vor allem an die eigene Klientel, die er zur Wahl mobilisieren will, und dann an die, die ansprechbar ist, will sagen: sozialdemokratisch affin. Er macht ihnen mit dem Hinweis auf den Grundgedanken der Solidarität – Stärkere tragen mehr – ein latent schlechtes Gewissen. Die Philip Rosenthals der Unternehmer kann er so noch bekommen. Sie reichen nur wohl nicht für die Mehrheit. Aber den Versuch ist es wert.

Und ehrlich, er hätte es auch anders machen können. Er könnte den Spitzensteuersatz sogar auf 60 Prozent anheben, wenn dafür die Sozialabgaben vom festgesetzten Steuerbetrag abgezogen werden könnten und die Sozialversicherten negative Beträge per negativer Einkommensteuer zurückbekommen. Bloß würde so, wie neulich ein kluger, anonymer User im Internet schrieb, offensichtlich, dass die demografische Katastrophe keine ist, sondern eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit des Steuer- und Abgabensystems. Übersetzt heißt das: Mit jedem Prozentpunkt Wachstum wird unser Land reicher, nicht ärmer, egal, wie viele Ältere es gibt. Diese Debatte wollte sich Steinbrück aber sicher nicht auch noch aufhalsen. Dann wäre er nämlich bestimmt nicht mehr der Kandidat, aus dem die SPD zusätzliches Kapital schlagen kann.

Erschhienen im Tagesspiegel