Gehörlose Piratin Probst"Wenn mich jemand online runtermacht, geht mir das nahe"

Bundestagskandidatin der Piraten, beliebte Bloggerin, gehörlos: Julia Probst spricht im Interview über ihren Umgang mit dem Shitstorm nach einem harmlosen TV-Auftritt. von 

ZEIT ONLINE: Frau Probst, Sie sind als Mitglied der Piratenpartei vergangene Woche in einer Sendung auf ZDFinfo aufgetreten. Thema: "Pöbelpiraten: Ist die Schwärmerei vorbei?" Kurz darauf haben Sie Ihren Twitter-Account geschlossen und angekündigt, sich aus der Politik zurückzuziehen . Was war passiert?

Julia Probst: Ich habe bei der Sendung " log in " Fragen zur Piratenpartei beantwortet. Es war kein einfacher Auftritt: Ich war sehr nervös, und die Dolmetscherin stand nicht optimal. Aber es hat mir Spaß gemacht, ich habe mich wohlgefühlt. Am nächsten Morgen las ich dann auf Twitter, dass meine Stimme nicht gut klang. Einige User schrieben, ich hätte nur die Gebärdensprache benutzen sollen.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Was für User waren das?

Probst: Viele waren ebenfalls gehörlos. Sie meinten: Wenn ich über Inklusion rede, dann muss ich das auch in Gebärdensprache tun. Andere, nicht behinderte User schrieben, die Stimme sei das wichtigste Werkzeug eines Politikers. Aber die Gebärdensprache ist nun mal nicht meine Muttersprache. Und ich möchte sprechen!

ZEIT ONLINE: Hat Sie diese Kritik getroffen?

Probst: Ja, sehr. Ich kämpfe seit Jahren für mehr Barrierefreiheit, und ich gehe offen mit meiner Behinderung um. Bevor ich bekannt wurde, kamen gehörlose Menschen in den Medien kaum vor. Und nun gibt es Diskussionen darüber, ob ich überhaupt sprechen darf. Das hat mich traurig gemacht.

ZEIT ONLINE: Daraufhin haben Sie Ihren Twitter-Account vorübergehend gelöscht.

Probst: Ja. Der Regierungssprecher Steffen Seibert , der auch auf Twitter aktiv ist, hat einmal gesagt, dass es nützlich sei, Twitter manchmal zuzumachen, wenn es einem zu viel wird. Ich bin kein langjähriger Medienprofi – wenn mich jemand online runtermacht, geht mir das nahe.

ZEIT ONLINE: Sie stehen auf Platz drei der Landesliste in Baden-Württemberg und könnten 2013 für die Piraten in den Bundestag einziehen . Müssen sie als angehende Politikerin solche Kritik nicht aushalten können?

Probst: Natürlich muss man viel einstecken. Aber es ist ein Unterschied, ob man mich konstruktiv kritisiert oder für meine Stimme und dass ich in manchen Situationen ungern in Gebärdensprache spreche. Denn dafür kann ich nichts. In diesem Fall finde ich, dass ich das Recht habe, ein Stoppschild aufzustellen. Ich konnte diese Tweets nicht einfach weglächeln.

Leserkommentare
    • edgar
    • 04. Dezember 2012 17:32 Uhr

    lassen Sie sich nicht von Neidern, Assozialen, Schubladendenkern , Menschen mit Vorurteilen und ewig Gestrigen irritieren !

    Sie stehen - im Gegensatz zu jenen - für eine offene Gesellschaft. Weiter so!

    35 Leserempfehlungen
  1. muß damit rechnen, daß (immer) ein Anteil der Menschen den entsprechenden Auftritt negativ empfindet. Wer das nicht will, muß auf öffentliche Auftritte verzichten.

    Abgesehen davon ist es schade, daß diese Partei, in die ich zugegebenermaßen eine gewisse Hoffnung gesetzt habe, nur noch durch solche Dinge hervortut (und der Parteitag war sicher keine Hilfe). Die Protagonisten tun sich kein gefallen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit nur um sich selbst drehen.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Klar müssen Menschen in der Öffentlichkeit mit mehr Kritik rechnen und Leben. Trotzdem ist der Umgangston mit Personen der Öffentlichkeit manchmal jenseits des guten Anstands. Vor allem, wenn man auf persönlichen Defiziten herumhackt, die mit der Sache bzw. dem Problem nichts zu tun hat. Als beispiel sei auch die Jahrelang kritisierte Frisur von Frau Merkel erwähnt. Wenn dies ihr einziger Makel gewesen wäre hätte sich Deutschland glücklich schätzen können.
    Die Umgangsformen in den Netzen sind meines erachtens noch deutlich weiter vom sollzustand eines normalen Miteinanders entfernt als im realen Leben.
    Dies mag an der Anonymität liegen - eventuell gibt es auch Menschen, die sich in ihren vier Wänden sicherer fühlen und ihren wahren Charakter besser zeigen.

    und eben damit müssen Menschen in anonymen Foren nicht rechnen.

    in diesem zusammenhang ist es für mich auch nciht nachvollziehbar, welche bedeutung ein "plapperkanal" wie twitter erlangt hat.

    ich bezweifle, dass die meinungen, die dort geäußert werden, gut reflektiert sind, einfach weil dort schnell was gepostet werden kann.

    es ist ein nettes spielzeug, doch als politiker oder sonstige profession würde ich mir das nicht geben.

    • GDH
    • 05. Dezember 2012 14:57 Uhr

    Sie meinen
    "Abgesehen davon ist es schade, daß diese Partei, in die ich zugegebenermaßen eine gewisse Hoffnung gesetzt habe, nur noch durch solche Dinge hervortut (und der Parteitag war sicher keine Hilfe)."

    Naja, das hängt auch davon ab, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit richten. Bei Millionen Menschen, die ihre Meinung irgendwo ins Netz kippen und zigtausenden Parteimitgliedern können Sie sich natürlich den ganzen Tag mit Pöbeleien beschäftigen. Sie müssen aber nicht, weil es eben auch Unmengen sinnvolle Inhalte gibt.

    Was das mit dem Parteitag zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Immerhin verlief der sehr friedlich und die meiste Zeit wurde inhaltlich gearbeitet. Dass Meinungsbildung ein zäher und oft frustrierender Prozess ist, ist nicht neu. Bloß kann man bei den Piraten besonders gut zuschauen (und auch mitmachen).

    @Julia Probst: Unkonstruktives Gepolter muss man ausblenden. Ist schwer aber der einzige Weg.
    Wenn jemand Schwierigkeiten mit dem Verstehen Ihrer Sprache hat und dies konstruktiv äußert (im Sinne von "auf diese und jene Weise könnte ich besser folgen"), sollten Sie das ernstnehmen (und ggf. halt erklären, warum Sie es trotzdem anders machen - tun Sie ja auch).

  2. Kritik, die sich nicht auf eine Meinungsäusserung bezieht, sondern auf das Sein, nicht zu Herzen nehmen...

    Trotzdem:

    Verstecken Sie sich nicht!

    Gebärdensprache ist die natürliche Sprache des Menschen!

    aus: Peter Brooks the melodramatic imagination

    3 Leserempfehlungen
  3. Liebe Frau Probst,

    bleiben Sie dabei. Überlegen Sie, ob Sie nicht mal dauerhaft einen Feedback-Kanal abschalten oder die Kommentarfunktion im Blog beschränken. Das ist legitim. Sie werden über Freunde und normales Surfen im Internet noch immer genügend Rückmeldungen erhalten. Zermürben Sie sich nicht dadurch zu meinen, Sie müssten jedem/ jeder Gelangweilten einen Zugang zu Ihnen ermöglichen. Jeder öffentliche Mensch muss sich eine "kontrollierte Ignoranz" gegenüber Feedback aneignen, sonst landet man in der Depression- Piraten-Grundsätze hin oder her.

    Viel Glück weiterhin,

    7 Leserempfehlungen
  4. Jeder Mensch wird ständig über Äußerlichkeiten kritisiert. Die Einen sind zu dick, die Anderen zu blond und Manche haben O-Beine oder lispeln oder lachen immer ganz albern. Selbst PolitikerInnen beschimpfen sich öffentlich im AGH oder BT wegen ihrer Kleidung, ihrer Wortwahl, ihrer Haarfarbe, ihres Geschlechts.
    Warum sollte das bei Menschen mit Behinderungen anders sein?
    Die Aussagen der Frau Probst lassen mich vermuten, dass sie eine kuschelige Sonderbehandlung doch ganz gut findet.
    Das ist aber leider keine Realität.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • SonoIo
    • 04. Dezember 2012 22:19 Uhr

    Diese "Beschwer-dich-nicht" Haltung empfinde ich höchst albern und haltungslos. Weil etwas Realität ist - das heißt, gängige Praxis - darf sich derjenige nicht angegriffen fühlen? Insbesondere, wenn es auf so unsachlicher, infantiler Ebene geschieht? Ist das für Sie der Ruf nach Kuschelbehandlung?

    Wenn ich ihren Trigger wüsste, und diesen bei Ihnen antippte, wäre ich sicher, dass Sie nicht lächelnder Weise dies kommentarlos hinnähmen.. Zumal, hier handelt es ich um ein Interview. Sie hat sich nicht weinend hingestellt und gesagt "ihr seit alle doof, weil ihr mich kritisiert".
    Ich glaube nicht, dass ein Novize - es sei denn er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein - von vornherein das dicke Fell hat, was man in diesem Milieu braucht.

    Für mich wirft es jedenfalls ein erhellendes Licht auf das momentane Gesicht und die Struktur der Piratenpartei... und natürlich die kleingeistige Spießbürgerlichkeit, die anscheinend auch nicht vor meiner Generation halt macht. Die letzte HeuteShow hat das ganz gut karikiert.

    • J3ntz
    • 04. Dezember 2012 18:32 Uhr

    Ich finde es super, dass sich Frau Probst politisch engagiert - und sehe keinen Grund, warum sich Menschen mit Behinderung hier zurückhalten sollten.
    Im Gegenteil: Jede Bürgervertretung sollte einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen; Dass heisst: Es sollten (oder müssten, meiner Meinung nach notfalls per Quote) dort Menschen mit Behinderung vertreten sein - und zwar nicht (nur) durch "Beauftragte".
    Das Personen des öffentlichen Lebens schon mal "verrissen" werden, oder dass Personen aufgrund Ihres Verhaltens / Gebarens / Sprechweise / etc / ... "aufgezogen" werden ist in unserem Land leider nichts neues.
    Meiner Meinung nach ignoriert man solche Kommentare am besten und konzentriert sich auf das wesentliche.

    3 Leserempfehlungen
  5. "Da musste ich ihn einfach antwittern, dass ich ein Statement der Bundesregierung vermisse."

    Ich empfinde die Reaktionen auf das Interview jetzt nicht als zu hart für eine Person des öffentlichen Lebens, aber das darf man ja gerne anders sehen. Dass sich aber die Bundesregierung jetzt dazu auch noch äussern soll, weil irgendjemand meint, die Kritik an seiner Aussprache sei ungerechtfertig, ist wirklich lächerlich!

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • timonb
    • 04. Dezember 2012 20:21 Uhr

    Genau so hätte ich es auch geschrieben.
    Wenn jedes Mal, wenn jemand verletzend und nicht konstruktiv kritisiert wird, egal ob wegen einer Behinderung oder sonst einer Sache, irgendjemand eine Stellungnahme abgeben müsste, würden wir noch mehr unsinniges Zeug in den Medien zu lesen bekommen.
    Ich unterstütze damit nicht die Tweets, aber ich glaube, dass sich jeder gelegentlich beleidigt fühlt, weil andere herabsetzende Kommentare abgeben. Andere befinden sich in viel schlimmeren Lagen und verlangen keine Stellungnahme.

    Zur Klarstellung: Aus dem Interview geht deutlich hervor, dass Frau Probst ein Statement der Bundesregierung zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderung erwartet hatte und nicht, wie Sie andeuten, zu ihrer persönlichen Situation.

    geht es um den Tag der Behinderten, nicht um eine Reaktion auf die Kritik nach dem Interview.
    Bitte lesen Sie Interviews, nicht nur überfliegen...

    • 15thMD
    • 04. Dezember 2012 22:50 Uhr

    "Dass sich aber die Bundesregierung jetzt dazu auch noch äussern soll, weil irgendjemand meint, die Kritik an seiner Aussprache sei ungerechtfertig, ist wirklich lächerlich!"

    Es ging um den internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Dazu sollte sich die Bundesregierung äußern.
    Erst einmal richtig lesen, bitte. Und dann können Sie sich gerne ein Urteil bilden und andere Menschen/ihre Forderungen als lächerlich bezeichnen.

    wohl eher, wenn Sie voreilig etwas kritisieren, und offensichtlich gar nicht wissen, was das Thema war.
    Nun ja, lächerlich eben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service