SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bekommt in der Debatte um das Gehalt des Bundeskanzlers Unterstützung aus der eigenen Partei. "Steinbrück hat in der Sache natürlich recht: In Anbetracht der Größe des Landes ist das Gehalt der Kanzlerin zu gering", sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach der Rheinischen Post . Es könne nicht sein, dass das reichste Land Europas seinem Regierungschef eines der geringsten Gehälter zahlt. Lauterbach bezeichnete die Diskussion um Steinbrücks Äußerungen als "Heuchelei": "Die Debatte wird Steinbrück nicht schaden, weil jeder weiß, dass die Kanzler verglichen mit den Top-Managern zu wenig verdienen."

Der wegen hoher Vortragshonorare ohnehin in der Kritik stehende SPD-Kanzlerkandidat hatte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt, gemessen an der Leistung und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weniger Verantwortung verdiene der Kanzler oder die Kanzlerin in Deutschland nicht genug . Das hatte ihm auch innerhalb der eigenen Partei viel Kritik eingebracht. Im gleichen Interview hatte Steinbrück gesagt, Merkel habe bei der anstehenden Bundestagswahl einen "Frauenbonus" .

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles pflichtete Steinbrück beim Thema Kanzler-Gehalt bei. " Peer Steinbrück hat etwas ausgesprochen, das schlicht stimmt. Die Aufregung darüber kann ich nicht nachvollziehen", sagte sie der Bild . Der hessische SPD-Generalsekretär Michael Roth sagte der Welt : "Er hat schlicht – wie andere auch – darauf hingewiesen, dass die Maßstäbe der Dotierung von Leitungsfunktionen verloren gegangen sind."

Unterstützung für Steinbrück kam auch vom Sprecher der Parlamentarischen Linken der SPD im Bundestag, Ernst Dieter Rossmann. "Peer Steinbrück hat vollkommen recht: Spitzenvertreter in der Wirtschaft werden viel zu hoch bezahlt. Manche Gehälter sind obszön", sagte er der Rheinischen Post . In der Berliner Zeitung fügte Rossmann allerdings kritisch hinzu: "Ökonomische Markt-Wahrheiten sind ein schlechter Maßstab für politische Werte." Auch der Vorsitzende der SPD in Bayern , Florian Pronold, pflichtete dem Kanzlerkandidaten bei: Wenn der Sparkassenpräsident ein Vielfaches des Gehalts der Kanzlerin verdiene, sei das keine leistungsgerechte Bezahlung.

New York Times über Steinbrücks Ausrutscher

Steinbrücks sachliche Einschätzung werde von allen in der Politik geteilt, sagte der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Landesgruppe in der SPD-Bundestagsfraktion, Axel Schäfer, der Rheinischen Post . "Doch wir diskutieren das Kanzlergehalt jetzt nicht. Die Diskussion hört auf, bevor sie angefangen hat." Die Vizevorsitzende der Südwest-SPD, Leni Breymaier, warf Steinbrück mangelnde Sensibilität vor. In der Sache habe Steinbrück zwar recht. "Aber er hat kein Fingerspitzengefühl für den richtigen Zeitpunkt." Auch die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth zeigte kein Verständnis für die von Steinbrück angestoßene Debatte: "Unser Land hat drängende Probleme, die es anzupacken gilt. Die Frage des Gehalts der Kanzlerin gehört sicher nicht dazu", sagte sie der Süddeutschen Zeitung .

Auch international finden Steinbrücks umstrittene Aussagen Beachtung. Steinbrück stolpere von einem Fettnäpfchen ins nächste, schreibt die New York Times . Die "Frauenbonus"-Aussage bezeichnete die Zeitung als Steinbrücks eigenen binders full of women -Moment – mit Anspielung auf eine Aussage des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney , der im US-Wahlkampf gesagt hatte, ihm seien auf der Suche nach weiblichen Abgeordneten "Aktenordner voller Frauen" gebracht worden . Der SPD-Kanzlerkandidat müsse angesichts der Popularität der Kanzlerin zwar Wirbel machen, heißt es in der NYT . "Aber vielleicht nicht so, wie Steinbrück das gemacht hat."

Der Parteienforscher Jürgen W. Falter nannte Steinbrücks Vorgehen "grauenvoll ungeschickt". "Es wirkt, als wolle er mehr Geld haben und verhandele bereits im Vorfeld darüber", sagte Falter der Passauer Neuen Presse . Zuvor hatten bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) sowie ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder (SPD) deutlich gemacht, dass sie das Kanzlergehalt für ausreichend halten. "Wem die Bezahlung als Politiker zu gering ist, der kann sich ja um einen anderen Beruf bemühen", sagte Schröder.

Noch ist im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl nach Einschätzung der Meinungsforscherin Renate Köcher aber alles offen. Zwar gebe es keine Wechselstimmung, doch müssten SPD und Grüne nach den aktuellen Umfragewerten "nur zwei bis drei Prozentpunkte dazu gewinnen, um eine eigene Mehrheit zu erzielen", sagte die Chefin des Instituts Allensbach der Saarbrücker Zeitung . Köcher äußerte sich erstaunt darüber, dass viele in Deutschland eine große Koalition von Union und SPD nach der Wahl bereits für eine ausgemachte Sache halten. "Das ist ein mögliches Szenario, ein anderes Rot-Grün, aber auch eine schwarz-grüne Konstellation", sagte sie. Selbst eine Neuauflage der derzeitigen schwarz-gelben Koalition sei nicht völlig ausgeschlossen.