Kanzlerkandidat Steinbrück : Endlich ein echter Sozialdemokrat

Mit einer Marathon-Rede kommt Peer Steinbrück endgültig als Kanzlerkandidat bei den Sozialdemokraten an. Der Krönungsparteitag geriet zur erwarteten Harmonieshow.
Peer Steinbrück genießt den Applaus nach seiner Rede auf dem Bundesparteitag der SPD. Die Deligierten wählten ihn mit 93 Prozent zu ihrem Kanzlerkandidaten. © Carsten Koall/Getty Images

Beim dritten Mal endlich fällt alles von Peer Steinbrück ab. All der Druck, all die Anspannung. Er läuft, ja stürmt jetzt an den Bühnenrand, auf seine Partei zu, schleudert seine Faust dabei nach vorne, mehrmals, ein breites Grinsen im Gesicht. Eine Geste irgendwo zwischen Becker-Faust und Luftgitarre. Bei den ersten beiden Gängen hatte Steinbrück den Applaus noch völlig erschöpft und eher still über sich ergehen lassen. Nun aber ist er angekommen, steht dort oben knapp zwei Meter über seiner Partei und doch vielleicht das erste Mal voll und ganz bei ihr.

Steinbrück, der angeschlagene Kandidat, brauchte so dringend einen Achtungserfolg. Die SPD , seine skeptische und in Umfragen dümpelnde Partei, brauchte unbedingt neuen Optimismus, neue Hoffnung. Sie haben beides geschafft an diesem Sonntag in Hannover , zumindest für wenige Stunden: Die Nominierung Steinbrücks zum Kanzlerkandidaten für die kommende Bundestagswahl war eine bis ins Detail inszenierte Krönungsmesse, eine Harmonieshow, die ihm so gut getan haben wird wie der Partei.

Die Regie hatte alle bis auf Steinbrück zu Statisten degradiert: Generalsekretärin Andrea Nahles , Ministerpräsidentin Kraft, der Gastgeber und Spitzenkandidat für Niedersachsen Stephan Weil – ja, selbst Parteichef Sigmar Gabriel : Ihre Auftritte gab es eigentlich nur, weil man schlecht einen Parteitag mit nur einer einzigen Rede bestreiten kann. Dabei wäre genau das konsequent gewesen.

Steinbrück packt in seine Rede alles, was wichtig war

Fast zwei Stunden spricht Steinbrück, und allein wegen der Länge ist es nun nicht ganz leicht, diese Rede zu beschreiben. Der Kandidat hat einfach alles reingepackt, was wichtig war, und noch einiges andere hinzu. Programmatisches (Mindestlohn, Abschaffung des Betreuungsgeldes) , Grundsätzliches (Freiheit und Solidarität), Historisches (Bismarck, Brandt) und Persönliches (seine Großväter, seine Schulzeit). Steinbrücks Hoffnung war wohl: Wenn ich über alles rede, ist auch für alle etwas dabei. Das ist ja seine neue Aufgabe. Weniger polarisieren, "die Menschen mehr mitnehmen", wie es im Polit-Strategen-Sprech heißt.

Die größte Herausforderung war für den Kandidaten, sich bei der Partei einzuschmeicheln und gleichzeitig seine Eigensinnigkeit und oft undiplomatische Rhetorik nicht zu verlieren. Endlich eins zu werden mit der deutschen Sozialdemokratie, ohne sich selbst zu verleugnen und zum Teddy-Peer zu schrumpfen.

Lenz Jacobsen

Lenz Jacobsen ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Steinbrück gelingt das, indem er einfach selbst definiert, zu welcher Sozialdemokratie er gerne gehören möchte. Und das ist natürlich die edelste. Die SPD von Ferdinand Lasalle, Kurt Schumacher , Willy Brandt . Die SPD, die "Bismarck die Krankenversicherung abgetrotzt" hat und "die erste deutsche Republik gegründet" hat, die "das Frauenwahlrecht erstritten" hat und 1933 die Weimarer Republik gegen die Nazis verteidigt hat. In den ersten Minuten seiner Rede zitiert Steinbrück aus der damaligen berühmten und aufwühlenden Rede von Otto Wels: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, unsere Ehre nicht!" 

Der Saal ist jetzt völlig ergriffen von Pathos, davon, irgendwie auch in einer Reihe mit diesen großen Menschen und Errungenschaften zu stehen. Und für Steinbrück selbst ist es nun ein Leichtes zu sagen: "Ja, ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein!" Das ist das Bekenntnis, das die Partei von ihm verlangt hat, sie klatscht dankbar. Steinbrück hat die Differenz zu seiner Partei überbrückt, ohne überhaupt darauf eingehen zu müssen.

Zwei Dinge beweisen besonders deutlich, dass dies die bislang wichtigste Rede im Leben von Peer Steinbrück ist und die wohl wichtigste SPD-Veranstaltung in diesem Jahr. Zum einen das Prominenzaufgebot. Helmut Schmidt , der beliebte Altkanzler, ist gekommen, um seinen Schützling zu unterstützen, neben ihm sitzt mit Gerhard Schröder gleich noch der andere lebende Exkanzler, dann Franz Müntefering und die so einflussreichen wie altgedienten Außenpolitiker Erhard Eppler und Egon Bahr .

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Kommentare

252 Kommentare Seite 1 von 33 Kommentieren

Diesem Mann kaufe ich seine soziale Maske nicht ab

Herr Steinbrück, ja dann lassen Sie uns doch mal über das ALG 2 reden. Oder eben über das Thema Rentenpolitik, welches sie wohl großzügig umschifft haben. Lassen Sie uns über die Deregulierung der Finanzmärkte reden und wie Sie diese "Märkte" wieder zu zügeln gedenken.

Stimmt.

Ich kann Steibrück überhaupt nicht leiden. Sowohl in persönlich als auch seine Politik. Im Gegensatz zu Merkel ist er aber wirklich der Himmel auf Erden.

Obwohl ich die SPD für die unwählbarste Partei, die derzeit Im BT vertretreten ist, halte, hoffe ich dennoch auf Rot-Grün.
Der größte ALbtraum ist immernoch die große Koalition. Die FDP mag zwar ein Lobbyclub sein, hat aber dennoch im Ringen mit der 5% Hürde viel Unsinn der Union verhindert (z.B. Vorratsdatenspeciherung). Wenn das nun wegfällt und die Abnicker von der SPD dazukommen....

Wir hatten schon Rot-Grün und Herrn Steinbrück auch

Ich glaube diesem Millionär seine Sprüche nicht.

Nicht an den Worten, sondern an den Taten sollt Ihr sie erkennen. Und da haben die Gralshüter des sozialen Zusammenlebens einfach zu viel auf dem Kerbholz.

Hartz IV, Rente mit 67, Abschaffung der Reichensteuer, Einführung der kalten Progression, Deregulierung der Banken, Ausweitung der Leiharbeit, Soldaten nach Afghanistan, regelrechter Öko-Wahn und dadurch Verteuerung der Lebenshaltungskosten. Und so weiter und so fort.

Was passiert, wenn DIE zusammen noch mal ans Ruder kommen?

Lachnummer als Sozi

Na, dann wollen wir mal sehen, falls Rot-Grün dran kommt, was uns dieser "Verein" beschert. Bisher haben die Ergebnisse mit einer Roten Regierung immer gezeigt, dass 4 Jahre nicht durchgehalten werden konnten und das mühsam verdiente Geld der CDU/CSU/FDP wieder in Null komma nichts verschleudert wurde.

Lachnummer Herr Steinbrück. Selbst Schmidt gesellt sich dazu. Ob der wirklich glaubt, was Steinbrück sagt???

Langweilig!

Wenn das Ergebins einer Wahl schon vor der Wahl feststeht, dann ist das keine Demokratie. Da sind mir wirklich die Grünen oder die Piraten, denen die Grünen nacheifern, lieber. Da hat der einzelne wenigstens noch ein klein wenig was zu sagen. Bei den beiden Volksparteien ist es doch immer der gleiche Klüngel, der durch Machtverschieberei die Pöstchen je nach Gemütslage vergibt.

Grausam sowas, wirklich. 93% in eine Demokratie?!
Und dann noch ne Siegerfaust weils ja so überraschen kam. "Damit habe ich gar nicht gerechnet, ich habe nicht einmal eine Rede vorbereitet" ;)

Und jetzt besinnt man sich auf Kernthemen, die dann nach der Wahl keine Rolle mehr spielen, weil dann plötzlich wieder Lobbyisten an der Tür klopfen. "Hallo, ich habe ein Gesetz mitgebracht!"

So, das war mein Aufregekommentar für heute. Ich hoffe der war nicht zu unsachlich, wenn auch etwas überspitzt.
Grüße.