Beim dritten Mal endlich fällt alles von Peer Steinbrück ab. All der Druck, all die Anspannung. Er läuft, ja stürmt jetzt an den Bühnenrand, auf seine Partei zu, schleudert seine Faust dabei nach vorne, mehrmals, ein breites Grinsen im Gesicht. Eine Geste irgendwo zwischen Becker-Faust und Luftgitarre. Bei den ersten beiden Gängen hatte Steinbrück den Applaus noch völlig erschöpft und eher still über sich ergehen lassen. Nun aber ist er angekommen, steht dort oben knapp zwei Meter über seiner Partei und doch vielleicht das erste Mal voll und ganz bei ihr.

Steinbrück, der angeschlagene Kandidat, brauchte so dringend einen Achtungserfolg. Die SPD , seine skeptische und in Umfragen dümpelnde Partei, brauchte unbedingt neuen Optimismus, neue Hoffnung. Sie haben beides geschafft an diesem Sonntag in Hannover , zumindest für wenige Stunden: Die Nominierung Steinbrücks zum Kanzlerkandidaten für die kommende Bundestagswahl war eine bis ins Detail inszenierte Krönungsmesse, eine Harmonieshow, die ihm so gut getan haben wird wie der Partei.

Die Regie hatte alle bis auf Steinbrück zu Statisten degradiert: Generalsekretärin Andrea Nahles , Ministerpräsidentin Kraft, der Gastgeber und Spitzenkandidat für Niedersachsen Stephan Weil – ja, selbst Parteichef Sigmar Gabriel : Ihre Auftritte gab es eigentlich nur, weil man schlecht einen Parteitag mit nur einer einzigen Rede bestreiten kann. Dabei wäre genau das konsequent gewesen.

Steinbrück packt in seine Rede alles, was wichtig war

Fast zwei Stunden spricht Steinbrück, und allein wegen der Länge ist es nun nicht ganz leicht, diese Rede zu beschreiben. Der Kandidat hat einfach alles reingepackt, was wichtig war, und noch einiges andere hinzu. Programmatisches (Mindestlohn, Abschaffung des Betreuungsgeldes) , Grundsätzliches (Freiheit und Solidarität), Historisches (Bismarck, Brandt) und Persönliches (seine Großväter, seine Schulzeit). Steinbrücks Hoffnung war wohl: Wenn ich über alles rede, ist auch für alle etwas dabei. Das ist ja seine neue Aufgabe. Weniger polarisieren, "die Menschen mehr mitnehmen", wie es im Polit-Strategen-Sprech heißt.

Die größte Herausforderung war für den Kandidaten, sich bei der Partei einzuschmeicheln und gleichzeitig seine Eigensinnigkeit und oft undiplomatische Rhetorik nicht zu verlieren. Endlich eins zu werden mit der deutschen Sozialdemokratie, ohne sich selbst zu verleugnen und zum Teddy-Peer zu schrumpfen.

Steinbrück gelingt das, indem er einfach selbst definiert, zu welcher Sozialdemokratie er gerne gehören möchte. Und das ist natürlich die edelste. Die SPD von Ferdinand Lasalle, Kurt Schumacher , Willy Brandt . Die SPD, die "Bismarck die Krankenversicherung abgetrotzt" hat und "die erste deutsche Republik gegründet" hat, die "das Frauenwahlrecht erstritten" hat und 1933 die Weimarer Republik gegen die Nazis verteidigt hat. In den ersten Minuten seiner Rede zitiert Steinbrück aus der damaligen berühmten und aufwühlenden Rede von Otto Wels: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, unsere Ehre nicht!" 

Der Saal ist jetzt völlig ergriffen von Pathos, davon, irgendwie auch in einer Reihe mit diesen großen Menschen und Errungenschaften zu stehen. Und für Steinbrück selbst ist es nun ein Leichtes zu sagen: "Ja, ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein!" Das ist das Bekenntnis, das die Partei von ihm verlangt hat, sie klatscht dankbar. Steinbrück hat die Differenz zu seiner Partei überbrückt, ohne überhaupt darauf eingehen zu müssen.

Zwei Dinge beweisen besonders deutlich, dass dies die bislang wichtigste Rede im Leben von Peer Steinbrück ist und die wohl wichtigste SPD-Veranstaltung in diesem Jahr. Zum einen das Prominenzaufgebot. Helmut Schmidt , der beliebte Altkanzler, ist gekommen, um seinen Schützling zu unterstützen, neben ihm sitzt mit Gerhard Schröder gleich noch der andere lebende Exkanzler, dann Franz Müntefering und die so einflussreichen wie altgedienten Außenpolitiker Erhard Eppler und Egon Bahr .