Die SPD hat Peer Steinbrück nahezu geschlossen zum Kanzlerkandidaten gewählt. Auf einem Sonderparteitag stimmten 93,45 Prozent der mehr als 600 Delegierten für den 65-Jährigen. Es gab 542 Ja-Stimmen, 31 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen.

Vor der Abstimmung hatte Steinbrück deutlich gemacht, dass er die Bundestagswahl im nächsten Jahr zur Richtungsentscheidung machen will. "Es geht wieder um ein neues Gleichgewicht. Es geht um die Renaissance der sozialen Marktwirtschaft", sagte er bei seiner Nominierungsrede auf dem SPD-Parteitag in Hannover . Insgesamt dauerte seine Ansprache eine Stunde und fünfzig Minuten. Anschließend applaudierten die Delegierten minutenlang im Stehen.

"Der soziale Wohlfahrtsstaat ist das große Projekt der deutschen Sozialdemokratie", sagte er. Dieser Wohlfahrtsstaat sei kein Luxus, er mache vielmehr Freiheit und Demokratie erst möglich.

Die SPD werde der Bevölkerung klare programmatische Alternativen zur schwarz-gelben Koalition anbieten, kündigte Steinbrück an. Die Wähler könnten darüber entscheiden, ob es einen flächendeckenden Mindestlohn, verbindliche Frauenquoten, eine bessere Bildung, eine armutsfeste Rente und erschwingliche Mietwohnungen geben solle.

Zudem machte er deutlich, dass er nach der Wahl weder mit der FDP noch mit der CDU koalieren wolle: "Wenn ich gelb sehe, sehe ich schwarz, wenn ich schwarz sehe, sehe ich rot!" Er wolle einen "ganzen Regierungswechsel" und keinen halben. "Die Antwort darauf, wie das funktioniert, ist ziemlich eindeutig: Rot-Grün." Zugleich bat er seine eigene Partei, sich an Spekulationen über andere Koalitionen nicht zu beteiligen.

"Popcornsätze, in denen sich viel Luft und kaum Substanz findet"

Schwarz-Gelb warf er in allen zentralen Zukunftsfragen politische Orientierungslosigkeit vor. Die Union blende die Realität aus und sei zu einer "bloßen Machtmaschine" geworden. "Das einzige programmatische Angebot ist: die Vorsitzende selber und sonst gar nichts", sagte Steinbrück.

Die Kanzlerschaft von Angela Merkel sei ihr einzig verbliebener "Markenkern". Politisch wisse aber niemand, wohin die Reise mit der Union überhaupt gehen solle – in Europa ebenso wie in der Gesellschaft. Überall bleibe Merkel im Ungefähren. "Wir hören Popcornsätze, in denen sich viel Luft und kaum Substanz findet."

Steinbrück erwähnt auch Vortragshonorare

Auch auf seine umstrittenen Nebeneinkünfte kam Steinbrück zu sprechen. "Meine Vortragshonorare waren Wackersteine, die ich in meinem Gepäck habe und Euch auf die Schultern gelegt habe." Er dankte der SPD, dass sie mit ihm "diese Last getragen und ertragen" habe. Steinbrück sagte, er habe dafür nicht nur Kritik, sondern auch viel Solidarität vor allem aus den eigenen Reihen bekommen. "Und zwar mehr als ich glaubte, erwarten zu dürfen. Das hat mich berührt. Das werde ich nicht vergessen."

Zuvor hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel seine Partei auf den Wahlkampf eingestimmt. Nach vier Jahren von "Anarchie" bei Schwarz-Gelb sei die Zeit für eine neue Politik reif, rief er. "Wir werden das Kernversprechen des Sozialstaats erneuern." So müsse jeder von seinem Lohn auch wieder leben können. Unverzichtbar sei dafür ein flächendeckender Mindestlohn. "Es geht um die Würde des arbeitenden Menschen."

Unser Politik-Redakteur Lenz Jacobsen twittert unter @zeitonline_pol von dem Parteitag.