Niedersachsen-Wahl : Merkels Kronprinz stürzt

Was für ein Wahlabend: Stundenlang ist unklar, wer die Wahl gewonnen hat. Am Ende zeigt sich: McAllister hat sich verzockt. Rot-Grün jubelt.

Stephan Weil ist der erste, der sich an diesem langen Wahlabend vor seine Anhänger traut. Es ist 18:25 Uhr im Landtag Hannover, die ersten Prognosen lassen schon erahnen, dass es ein langes Zittern wird. Zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün zeichnet sich ein Patt ab. Die Wahlkämpfer der großen Parteien schauen auf ihren Fraktionswahlpartys reichlich betreten und ratlos drein. Vor allem die CDU hat im Vergleich zu ihrem 42-Prozent-Ergebnis vom letzten Mal deutlich an Stimmen verloren, aber auch für die SPD ist es ein eher maues Wahlergebnis, gemessen an den Umfragen.

Das Lächeln des SPD-Spitzenkandidaten ist daher bemüht, als er – begleitet von einem Tross Kameras – in den Saal einzieht. Doch auf der Bühne hat er sich schnell gefangen. "Das ist nun wirklich mal ein spannender Abend, den die Niedersachsen uns und der Bundespolitik beschert haben", sagt er ins Mikrofon und fügt aufmunternd hinzu: "Die niedersächsische SPD hat zugelegt – unter nicht ganz einfachen Vorzeichen." Da Weil diesen Satz auch noch in zahlreichen weiteren Fernsehinterviews wiederholt, kann man das durchaus als leise Kritik am Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück verstehen. Der gibt ja inzwischen sogar selbst zu, dem Niedersachsen-Wahlkampf durch die Negativschlagzeilen der vergangenen Wochen nicht gerade geholfen zu haben.

Weil fährt eine zugleich mutige wie kluge Strategie an diesem schwierigen Abend. Er weicht keiner Kamera aus, gibt sich aber keinesfalls siegesgewiss. In seiner kurzen Ansprache zu den Anhängern sagt er, wenn die Wähler die SPD am Ende in die Opposition verbannten, so wolle er auch dort gute Politik fürs Land machen.

Lob vom Altkanzler Schröder

Die Anhänger beklatschen ihn dafür, zwei SPD-Wahlkämpferinnen umarmen sich tröstend. "Abwarten" und "wird schon werden", sagen sie, ihre Augen richten sich schnell wieder gebannt auf die neuesten Hochrechnungen. Im Fernsehen lobt Altkanzler Gerhard Schröder den Hannoveraner Spitzenkandidaten über alle Maßen: "Er ist ein erstklassiger Spitzenkandidat."

In der CDU-Fraktion hingegen, einen Gang von den Sozialdemokraten entfernt, ist die Laune gedämpfter. 40 Prozent, die sollten doch mindestens drin sein, so waren alle Voraussagen gewesen. Und jetzt ein Wert um die 36 Prozent und die FDP bei zehn Prozent. Einige junge Wahlkämpfer geben sich alle Mühe, Stimmung zu machen. "Wir woll’n den David sehen", gröhlen sie. Doch David McAllister lässt auf sich warten, er hat sich mit seinen Beratern zurückgezogen. TV-Journalisten telefonieren hektisch, denn der CDU-Ministerpräsident lässt auch mehrere eigentlich fest zugesagte Fernsehschalten verstreichen.

"Schlau" sei das, findet ein älterer CDU-Anhänger, der schon etwas bierselig ist. Erstmal abwarten, ob Schwarz-Gelb nicht doch am Ende noch vorne liegt. Er selbst habe zweimal CDU gewählt. Aber die Leihstimmen-Kampagne zugunsten der FDP sei wohl nötig gewesen: "Deutschland braucht eine liberale Partei." Mit Philipp Rösler habe dieses Bomben-Ergebnis der FDP nicht viel zu tun, analysiert der Christdemokrat. Keiner habe geahnt, dass das so enden würde. Ein weiterer Christdemokrat, jung und gut gelaunt, scherzt: Er möchte sich gar nicht vorstellen, was die Liberalen so alles an Ministerposten verlangen würden, sollte es am Ende auf eine Fortsetzung der Koalition hinauslaufen. Doch dies ist ungewiss. Im selben Moment kommt eine neue Hochrechnung. Beide Lager haben nun gleich viele Sitze. Verzweifeltes Raunen in der CDU-Fraktion.

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