LandtagswahlNicht Steinbrücks Sieg

Der Wahlsieg in Niedersachsen hilft der SPD im Bundestagswahlkampf. Der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück weiß, bei wem er sich zu bedanken hat. Von Lenz Jacobsen von 

Spät an diesem aufregenden Abend, als die Landtagswahl in Niedersachsen noch immer nicht entschieden ist, kommt Peer Steinbrück noch einmal hinunter in das Foyer der Berliner SPD-Zentrale. Die verbliebenen Genossen applaudieren spontan – wohl auch, weil die Hochrechnungen zu diesem Zeitpunkt erstmals eine rot-grüne Mehrheit prognostizieren. Steinbrück gibt ein letztes Interview, dann sagt er zu dem verbliebenen Häuflein: "Wenn Ihr morgen aufwacht, haben wir gewonnen." So kommt es dann tatsächlich. Rot-Grün darf in Niedersachsen regieren, das Bundestagswahljahr beginnt für die SPD doch noch standesgemäß mit einem Sieg. Steinbrück hat Recht gehabt. Aber er weiß selbst: Ihm, dem Spitzenkandidaten, ist das nicht zu verdanken.

Unabhängig von ihrem knappen Wahlsieg führt die Landtagswahl der Bundes-SPD vor Augen, was sie aufgrund von Umfragen schon seit Wochen ahnt: Peer Steinbrück, der als großer Gegenspieler von Kanzlerin Merkel doch die Massen überzeugen soll, hilft ihr bisher kein bisschen – nicht im Bund und nicht in den Ländern.

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Kein "Rückenwind" aus Berlin

32,6 Prozent der Wählerstimmen hat die SPD in Niedersachsen erreicht. Allerdings mit landespolitischen Themen, wie die Genossen in Niedersachsen und auch in Berlin betonen. In der Tat waren ihre Umfragewerte dort über die vergangenen Wochen und Monate konstant, während sie auf Bundesebene immer weiter in den Keller rutschten. Immerhin, das muss man Peer Steinbrück lassen, weiß er was er seiner SPD jetzt schuldig ist. "Aus Berliner Perspektive gab es keinen Rückenwind“, sagt er. Und dann: "Es ist mir auch bewusst, dass ich dafür maßgeblich eine Mitverantwortung trage." Da applaudieren die Genossen in der Berliner Parteizentrale. So schwer sie es mit ihrem Kanzlerkandidaten auch haben: Dass er klare Worte findet, auch wenn es für ihn selbst schlecht aussieht, schätzen sie an Steinbrück.

Doch reicht das? Hätte er nicht mehr bewirken müssen? Eigentlich sollte ein neu nominierter Kanzlerkandidat doch die Wähler für seine Partei begeistern. Steinbrück hätte der Niedersachsen-SPD mehrere Prozentpunkte bringen sollen. Jetzt muss er sich bei Stephan Weil bedanken, weil dieser mit seinem starken Wahlergebnis verhindert hat, dass der Kanzlerkandidat in eine ernsthafte Personaldiskussion gezogen wird. Weil hat Steinbrück gerettet, nicht andersherum.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank, dass Sie mir die Arbeit abgenommen haben zum Ausdruck zu bringen, was ich denke. Besser als Sie kann man es nicht formulieren.
    Die Medien erzählen jeden Tag eine neue Geschichte über den "bösen Steinbrück", obwohl dieser offen mit den Vorwürfen umgeht und auch Fakten auf den Tisch legt, ohne dass diese zuvor von Journalisten aufgedeckt wurden.
    Während die vor allem auf Unfähigkeit beruhende Politik von Merkel und Konsorten unerwähnt bleibt und lediglich halbfertige Beschlüsse von dieser jedes Mal als Meilenstein bewertet werden.
    Ich bin überzeugt, dass unsere Medien Politik machen und auf Merkels Seite stehen. Denn wenn soviel Unfähigkeit (Europagewurstel, BusH Honig in den Hintern schmieren aus reiner Machtambition) unerwähnt bleibt und nicht negativ kommentiert wird kann man im besten Fall Voreingenommenheit attestieren, wenn nicht andere Dinge...

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sind sie sicher???"
    • wolfwal
    • 21. Januar 2013 11:16 Uhr

    Da warte ich auch drauf. Bisher kenne ich nur taktische Positionen von Frau Merkel.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wahlkampf hat begonnen"
    • Emwe
    • 21. Januar 2013 11:24 Uhr

    ... aber a u c h Steinbrück´s Sieg!
    Sie hatten im anderen Fall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ihren Artikel betitelt mit "Steinbrück´s Niederlage".
    Oder sollte ich mich irren?

    3 Leserempfehlungen
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    ... ich meinte natürlich Niedersachsen und nicht Nordrhein-Wesphalen.

  2. ... ohne die die FDP wahrscheinlich weg vom Fenster gewesen wäre in Nordrhein-Westphalen, kam aber zuerst von Trittin und nicht von der SPD. Nicht, dass es den Anschein hat, dass solche Feinheiten zu interessieren haben, wenn es um die Schnelligkeit im Internet geht.
    Im Zusammenhang mit Gabriels Äußerung "wer den Wechsel will, muss rot-grün wählen" verstehe folgenden Satz von Lenz Jacobsen nicht: "Aber es sagt einiges über die Situation der Sozialdemokraten, dass sie über die anderen Parteien spricht anstatt über eigene Stärken." Was - bitte schön - soll es denn aussagen? Das die SPD kein Programm hat. Ich bitte Sie: gesetzlicher Mindestlohn, die Tobinsteuer, die heute sprachlich verunglimpft als Finanztransaktionssteuer daherkommt, eine gerechtere Steuerpolitik - Was wollt *ihr Journalisten* denn noch?

    Wolf Niese; Berlin-Lankwitz; 46 Jahre; Stahlbauschlossergeselle

    5 Leserempfehlungen
  3. Ich verstehe nicht, wie Sie die FDP bemitleiden können. Das Presseecho ist doch mehr als berechtigt, vielmehr ist es vorteilhaft, wenn man sich einerseits die Aktivitäten ansieht und andererseits das Vorgehen ihres Ex Vorsitzenden: Zuerst werden, gegen jede politische Vernunft, für die eigene Klientel unsägliche Vergünstigungen geschaffen, dann erzählt der (heute Ex) Vorsitzenden, dass alle Arbeitslosen Faulenzer wären und dekadent wie die alten Römer kurz vor Zusammenbruch des Reiches.
    Da sprach derjenige, der selbst dekadent war, nur in seiner unglaublichen Ignoranz und seinem Bedürfnis auf sozial Schwache einzutreten hat er so einiges verwechselt.
    Mit liberal hat das überhaupt nichts zu tun sondern nur mit Lobbypolitik und Schmieren von Freunden mit Steuergeldern.
    Insofern hätte die FDP noch weit mehr Artikel verdient. Auch weil sie immer noch auf Stammtischniveau argumentiert und damit in Europa großen Schaden anrichtet (Beispiel Griechenland).

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wenn es..."
  4. Mir geht`s langsam auf den Nerv mit dem Gemeckere über Steinbrück. Der ist mitverantwortlich - auch für den kappen Sieg in Niedersachsen.

    Nach dem drohenden Untergang der CDU mit Exbundespräsident Wulff, hat sich im vergangennen Jahr von Monat zu Monat der Mac berappelt und ist am Ende an sich selbst gescheitert.

    Sein aalglattes Auftreten, sein für Politiker der alten Art typisches "wir sind die größten und besten Politiker" Gequatsche hat schon so viele Wähler zu Nichtwählern gemacht.

    Da ist das Gespann Gabriel, Steinbrück und Steinmeier, wohltuhend anders. Gerade eben Steinbrück ist der andere Typ Politiker. Ungeschminkt und, was noch viel wichtiger ist, der jenige der Merkel das Fürchten lehren wir.

    Mit ihm haben wir Chance die Demokratie zu neuem Glanz zu führen.

    7 Leserempfehlungen
    • dacapo
    • 21. Januar 2013 11:36 Uhr

    ...... die sich der Selbstkritik stellen sollten, müssen. Das fing an mit der Causa Ypslilanti und von Zeit zu Zeit kommt eine andere Person aus der Politik dran. Die Journalisten sind einfallslos und wollen aber auch von sich ablenken. Es betrifft ja nicht nur die Politik. Es fing im Fussball mit der immer wiederkehrenden Trainerfragé an, was sich dann so zuspitzte, dass nach zwei Niederlagen hintereinander die Trainerfrage gestellt wurde. Diesen Hans-Wurst-Stil wurde auf die Politik übertragen. Aber, es gibt den großen Unterschied, man neigt zum SPD-Bashing und für kurze Zeit konnte man die FDP nicht umgehen. Die Amigo-Union wird komischerweise diskret ausgespart. Merkel braucht nichts zu machen und sie bekommt Zuspruch. Was will man noch mehr. Die CSU hat sowieso Freilose, aber das ist ja auch in Bayern, wo man ohnehin keine Sozis und die Grünen braucht, laut Höneß (!).

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "So deutsch..."
  5. Denke auch jetzt, das Steinbrück auf die richtige Spur kommt.

    Ein Genuss: die Linke ist raus.
    Diese völlig zerstrittene Partei, die alles Verspricht und nichts halten kann.
    Solange die WASG Spinner das Sagen haben, ist die Partei eine Tote Hose.

    Zum Glück gibt es ja in den "neuen" Bundesländern
    sehr gute Realos.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Peer Steinbrück | SPD | Landtagswahl | FDP | Sigmar Gabriel | Bundestagswahl
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