VerbotskulturDer Zwang, freiwillig vernünftig zu sein

Von einer Verbotskultur kann in Deutschland nicht die Rede sein. Beschränkungen erlegen wir uns im Streben nach Gesundheit und Leistung selbst auf.

Gibt es in Deutschland einen Hang zum Verbot? Darüber ist in den vergangenen Wochen allerlei geschrieben und diskutiert worden: Muss nach dem Rauchen in Kneipen auch der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verboten werden? Kennt der Deutsche auf Unvernunft stets nur eine Antwort – das Verbot?

Keineswegs. Denn mehr noch als eine Verbotskultur wirkt hierzulande eine Kultur der freiwilligen strengen Selbstkontrolle. Es gibt unzählige Vorsorgeuntersuchungen, Pässe, Scheine und Bonus-Heftchen, Körper und Geist stehen unter strenger Beobachtung. Doch geht es dabei nicht mehr wie früher um Sittenverfall und Zügellosigkeit, sondern um Gesundheit und Leistung. Überall stößt man auf Mahnungen und Warnungen, nicht nur auf Zigarettenpackungen. Dass Dinge wie Rauchen, Trinken, übermäßiger Zuckerkonsum oder schnelles Fahren gefährlich sind, weiß jeder. Muss man diese Binsenweisheiten erwachsenen Bürgern gegenüber ständig wiederholen?

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In Deutschland ist die Bevormundung längst von der Pädagogisierung abgelöst worden. Es geht nicht mehr um die autoritäre Durchsetzung von Zielen, sondern um die wohlmeinende Erziehung des Bürgers. Er soll verstehen und sich selbst bessern. Er soll nicht auf ärztlich-autoritäre Weisung hören, sondern aus tiefer eigener Erkenntnis seinen Lebenswandel korrigieren. Selbstoptimierung ist eines der Schlüsselwörter aus der modernen Manager- und Coach-Sprache. Dabei muss alles offengelegt werden, jeder sich selbst durchleuchten und am besten Listen führen: Wann habe ich wie viel getrunken? Wie viele ungesättigte Fettsäuren waren es heute schon? Habe ich schon die nötigen Obst- und Gemüseportionen erreicht? War ich schon 30 Minuten bei Tageslicht draußen? Und was trägt diese Portion Pommes zu meinem Säure-Basen-Haushalt bei?

Kein Genuss ohne Reue

Was geschieht, wenn die Intimsphäre unter dem Vorwand des Guten und Rechten öffentlich gemacht wird, damit hat sich der in Berlin lehrende Philosoph und Byung-Chul Han in seinem Buch Transparenzgesellschaft beschäftigt. Hans zentrale These ist: Die heutige Gesellschaft ist vom Dogma der Transparenz beherrscht, alles muss offenbart, erklärt, bewiesen werden. Die von Krebs zerfressene Lunge muss auch unbedingt für jeden sichtbar gemacht werden.

Dieses zwanghafte Offenlegen hat für den psychischen Zustand einer Gesellschaft eine große Bedeutung. Anstelle von Vertrauen und Vorstellungskraft setzt sie auf Information und Kontrolle. Genuss ohne Reue ist somit kaum mehr möglich, denn man weiß ja vorher, wie die Leber und die Lunge später aussehen werden. Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, "wo ihr Subjekt sich nicht aus äußerem Zwang, sondern aus selbstgeneriertem Bedürfnis heraus entblößt", schreibt Han.

Und es wirkt ja. Auch ohne Rauchverbot weiß jeder Raucher, dass er Schlimmes tut und damit aufhören sollte. Kein Verbot erzeugt ein solches Gefühl.

In manchen Kulturen sind der Genuss von Alkohol oder der Verzehr bestimmter Fleischsorten untersagt. Hierzulande wird lieber gekennzeichnet, benannt, vorgesorgt, nachgesorgt, bewertet, informiert, offengelegt, enttarnt, mit einem Siegel versehen, mit einem Negativ-Preis geehrt und so weiter.

Die Autonomie des Individuums mit seiner Einwilligung zu untergraben, ist im Vergleich zur autoritären Erteilung von Befehlen oder Verboten die überlegene Führungsstrategie. Wenn es so weitergeht, wird Deutschland ein einziger großer Weight-Watchers-Club, in dem sich jeder selbst dauernd bewertet und überprüft. Und das auch noch freiwillig.

 
Leserkommentare
  1. Nun, unter anderem deshalb, weil es dem Hotel- und Gaststättenverbund jahrelang nicht gelungen ist, freiwillig zumindest in größeren Speisegaststätten eine Mindestquote von NICHTraucherräumen durch zu setzen. Ergebnis war dann, dass der Staat Gestze erlassen hat. Darauf fingen die Wirte dann das Heulen an ...

    • Zeugma
    • 22.01.2013 um 18:46 Uhr
    242. Falsch!!!

    Sie schreiben: "...wir leben selbstverständlich in einer Verbotskultur! Rauchverbot, Trinkverbot in manchen Innenstädten, Egoshooterverbot (zumindest die brutalen), Fahrverbot in Innenstädten, Handyverbot am Steuer, Glühbirnenverbot, ... die Liste ist noch lange nicht fertig."

    Das ist die einseitige Sicht des Stärkeren, der sich auf Kosten seiner Mitmenschen rücksichtslos durchsetzen möchte. Denken Sie mal nach:

    1) Rauchverbot = Chance, Gesund zu leben für Angestellte

    2)Trinkverbot in manchen Innenstädten = eine Stadt unbelästigt von Prolls genießen zu können

    3) Egoshooterverbot (zumindest die brutalen) = Chance, dass mein Kind keinen Dachschaden bekommt

    4) Fahrverbot in Innenstädten = Leben frei von Lärm, Gestank und Gefahr, Straße als Begegnungsraum, wo man sich gerne aufhält

    5) Handyverbot am Steuer - erhöt die Wahrscheinlichkeit, dass ein paar Kinder weniger totgefahren werden
    ...

    Das sind unter'm Strich alles Freiheits- und Teilhaberechte, nur verstehen das viele Leute nicht.

  2. Unter dem Deckmäntelchen des Nichtraucherschutzes findet schon seit geraumer Zeit eine Volkserziehung statt, welche mit Gesundheit schon lange nichts mehr zu tun hat. Vielmehr geht es darum Menschen, die sich nicht erziehen lassen wollen, in eine gesellschaftliche Außenseiterposition ab zu drängen! Leider wird dies vom Gesetzgeber tatkräftig unterstützt, wie z. B. in Bayern und Norrdrhein-Westfalen. Ich frage mich, ob dies eines Rechtsstaates würdig ist? Würde man nämlich alles, was in irgend einer Weise die Gesundheit anderer gefährdet verbieten, müsste man theoretisch vieles verbieten. Auffällig ist allerdings, dass sich unsere Gesellschaft nur auf Racher konzentriert. Daher vertrete ich die Ansicht, dass in Wirklichkeit etwas ganz anderes dahinter steckt! Da diese Form der sozialen Ausgrenzung faschisstische Formen annimmt, habe ich mich beschwerdeführend an den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages gewendet. Dort befindet sich mein Anliegen laut Auskunft des Petitionsausschußes in der parlamentarischen Beratung und wird unter dem Aktenzeichen: Pet 2-17-15-21270-047267 bearbeitet. Ich denke, dass der sogenannte Nichtraucherschutz dem Zweck dient, den Frust und die Unzufriedenheit in dieser Gesellschaft auf bestimmte Personengruppen ab zu wälzen. Und diesem Trend muss dringend entgegen gewirkt werden!

    Kai Schwarzer
    Köln, den 10.05.2013

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