Nach den Schlagzeilen um ihre Vorgängerin ist es nicht unverständlich, wenn sich die neue Spitzenfrau erst einmal in Schweigen hüllen will. Und so ist vorerst nur ihrem offiziellen Lebenslauf das Entscheidende zu entnehmen: dass nämlich Selmin Caliskan, die künftige Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, für ihr künftiges Amt die besten Voraussetzungen mitbringen dürfte.

Die 46-Jährige hat jahrelang praktische Erfahrungen in der Arbeit für Verfolgte in Afrika und Asien gesammelt und sie ist eine national wie europäisch erfahrene Lobbyistin und Öffentlichkeitsarbeiterin. Für die Frauenhilfsorganisation medica mondiale war Caliskan bis 2010 sieben Jahre lang in Afghanistan, baute deren Lobbyabteilung wesentlich mit auf und leitete sie.

Zuletzt arbeitete sie in Brüssel für European Women’s Lobby, einen europäischen Dachverband von Frauenorganisationen. Am 1. März soll sie Wolfgang Grenz ablösen. Der jetzt 65-Jährige, ein alter Fahrensmann der Organisation, war eingesprungen, als Amnesty sich mit Monika Lüke zerstritt, die nun Integrationsbeauftragte in Berlin ist.

Dass Caliskan, 1967 im nordrhein-westfälischen Düren geboren und Mutter einer Tochter, Kind türkischer Einwanderer ist, hat ihr Engagement offensichtlich früh befördert: Schon mit 16, heißt es in ihrer offiziellen Biografie, war sie in einem sozialen Brennpunkt aktiv, mit 20 gründete sie einen interkulturellen Mädchentreff in Bonn mit.

Ihr Aufrücken an die Spitze der deutschen Sektion von Amnesty International ist ein weiterer Hinweis auf einen Generationswechsel in den deutschen Führungsetagen, der die Kinder der ersten Migranten viel selbstverständlicher einbezieht, als die öffentliche Aufregung ums angebliche Scheitern der Integration vermuten lässt: Sie leiten Theater, haben Professuren inne, sitzen in Unternehmensvorständen, Landesregierungen und jetzt auch an der Spitze der bekanntesten Menschenrechtsorganisation.

Vielsprachig ist Caliskan sowieso: Türkisch und Deutsch sind ihr gleichermaßen Muttersprachen und sie ist studierte Übersetzerin für Englisch und Spanisch. Für deutliche Worte hat sie folglich ausreichend Ausdrucksmöglichkeiten. Und sie scheint bereit, sie zu nutzen: "Die These, dass Menschenrechte von Frauen durch militärische Interventionen geschützt würden", befand sie 2007 in einer Debatte über den Einsatz in Afghanistan, "ist für mich pure Heuchelei."

Erschienen im Tagesspiegel