Antisemitismus-VorwurfBroder zieht "Stürmer"-Vergleich gegen Augstein zurück

"Vollends daneben" findet Henryk M. Broder seinen Vergleich zwischen Jakob Augstein und dem Nazi-Hetzer Julius Streicher. Doch er reitet schon wieder neue Attacken.

Henryk M. Broder

Henryk M. Broder  |  ©Arno Burgi/dpa

Der Journalist und Freitag-Herausgeber Jakob Augstein will die Auseinandersetzung mit Henryk M. Broder derzeit nicht weiter fortsetzen – ungeachtet einer Entschuldigung und neuer Angriffe des Welt-Kolumnisten. "Ich bin gar nicht so traurig, wenn das Thema nun bald da landet, wo es hingehört: im Orkus ...", wird Augstein von der in Baden-Württemberg erscheinenden Zeitung Sonntag Aktuell zitiert. Die Nachrichtenagentur dpa hatte dieses Zitat verbreitet. Gegenüber ZEIT ONLINE machte Augstein aber deutlich, dass er damit nicht die Entschuldigung Broders akzeptiert habe.

Broder hatte am Samstag seinen Vergleich zwischen Augstein und Julius Streicher, dem Herausgeber des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer, in der Welt zurückgenommen. "Das war vollends daneben", schrieb Broder. Er hatte Augstein als "der kleine Streicher von nebenan" bezeichnet, der nur dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen sei, "im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen".

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"Dafür entschuldige ich mich. Und nur dafür", schrieb Broder. "Auch ich schieße im Eifer des Gefechts schon mal über das Ziel hinaus." Jakob Augstein sei weder ein kleiner noch ein großer Streicher, "er verlegt nicht den Stürmer, sondern den Freitag". Er habe solche Dramatisierungen bei anderen immer kritisiert "und nun bin ich selbst in die Falle getappt".

Broder beließ es aber nicht bei der Entschuldigung, sondern startete gleich erneute Attacken auf Augstein, der seiner Meinung nach "fortgesetzt Unsinn produziert, bei dem er alle klassischen antisemitischen Klischees und Ressentiments auf Israel projiziert". Augstein sei zwar weder willens noch in der Lage, eine "zweite Endlösung der Judenfrage" zu organisieren, aber indem er Israel zum Aggressor und den Iran zum potenziellen Opfer erkläre, liefere er "die Begleitmusik zu Ahmadinedschads Vernichtungsphantasien".

Der Welt-Kolumnist klagte darüber, dass "das ganze juste milieu der Republik" zugunsten von Jakob Augstein mobil gemacht habe, nachdem er den Freitag-Herausgeber einen "lupenreinen Antisemiten" genannt hatte. Es scheine ihm, als gäbe es im öffentlichen Diskurs eine Art Haager Landkriegsordnung, "die den Gebrauch so menschenverachtender Waffen wie Häme und Polemik verbietet".

Augstein will "als Journalist ehrlich sein"

Das amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte am Neujahrstag einzelne Äußerungen von Jakob Augstein auf eine Liste der zehn schlimmsten antisemitischen Verunglimpfungen 2012 gesetzt – auch unter Hinweis auf die Bewertung des Welt-Kolumnisten Broder. Das Zentrum differenzierte seine Bewertung inzwischen: Dass Augstein sich kritisch über Israel äußere, heiße nicht, dass er Juden hasse. Er bleibe dennoch auf der Liste.

Augstein wies die Vorwürfe in einem Gespräch mit Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Spiegel zurück. "Da geraten mehrere Themen durcheinander. Das eine ist: Kann ein deutscher Journalist über die Besetzungspolitik Netanjahus so schreiben wie ein Schweizer oder ein Spanier? Das andere ist das deutsch-jüdische Thema, etwas, das nicht heilbar ist, nie sein wird." Er sehe sich in einem Rollenkonflikt: "Als Deutscher möchte ich behutsam sein. Als Journalist will ich aber ehrlich sein."

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Leserkommentare
    • vonDü
    • 14. Januar 2013 4:41 Uhr

    Ist ein Stück, in dem der letzte Vorhang noch nicht gefallen ist. Fortsetzungen sind schon angekündigt.

    Broder entschuldigt sich für die "highlights" seiner stilistischen Entgleisungen, nur um das zum Anlass zu nehmen, die Richtigkeit seiner Inhalte, und seine Bewertung von Augstein noch einmal zu betonen.

    Selbst wenn Augstein "Frieden" wollte, er würde ihn nicht bekommen, so lange er bei seiner Meinung bleibt. Und dabei bleibt er, genau wie Broder.

    Beide haben eine Botschaft (Mission), beider Markenzeichen ist das zugespitzte Formulieren und beide verkaufen sich damit gut. Ich denke, dieses "odd couple" wird uns noch eine Weile erhalten bleiben.

  1. Also Ich glaube das man, wer auch Immer Herrn Broder klar gemacht hat ( natürlich durch Die Blume ) sollte Er sich weiter wie Die Axt im Walde benehmen sieht es mit Geld Verdienen schlecht aus. Und Rabbi Cooper wird bei dem Namen H. M. Broder wahrscheinlich auch nicht vor Begeisterung Jubeln. Wie auch immer Die Deutsch-Israelische Freundschaft muß das abkönnen.Denn Gute Freunde müßen sich auch mal richtig zoffen können !

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  2. 139. Déjà vu

    Der Vorwurf von Antisemitismus ist oft nur Taktik.
    Wie auch in Deutschland zur Zeit, man neigt von Germanophobie zu sprechen sobald in irgendeinem europäischen Land gewagt wird das Sozialdumping, von Merkel den ärmeren Unionsländer diktiert, zu kritisieren.
    Eine Altbewährte Taktik, oder plumper Versuch sich von Beschuldigter zum Opfer zu verwandeln.

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  3. 140. broder

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellung und die Verwendung neo-nazistischer Begriffe. Danke, die Redaktion/fk.

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  4. 141. Herrlich!

    Ich lach mich tot, wenn ich hier - und ich meine damit nicht bloss die Zeit, sondern die ganze Mainstreampresse - so mitverfolge, wie es Henryk Broder immer wieder mit viel Getöse in die Schlagzeilen schafft und die selbsternannte politische Korrektheit zu Hunderten von Kommentaren provoziert.
    Wenn's Broder nicht gäbe, wär die deutsche Presslandschaft trockener als so manche Wüste.

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  5. Die Penetranz, mit der hier einige selbsternannte Freunde Israels in kritiklosem und blindem Eifer jede kritische Äußerung zur Politik der Regierung Israels zum Anlaß nehmen, jeden Kritiker ausnahmslos zu einem Antisemiten zu stempeln, lässt mich um Israel bangen. Wer solche Freunde hat, braucht eigentlich keine Feinde.

    Ich habe mich schon als Schüler gegen die damals noch verbreiteten „Judenwitze“ gewehrt und bin immer jeglichem Antisemitismus offen entgegen getreten. Das kann und darf aber nicht zu einem Denkverbot über die Politik des Staates Israel führen! Israel ist der einzige Staat im Nahen Osten, der demokratisch verfasst ist. Gerade deswegen lege ich an die Handlungen dieses Staates andere moralische Maßstäbe als an die Politik der Israel umgebenden Diktaturen, von denen man eben keine an Menschenrechten orientierte Politik erwarten kann.

    Israel hat ein legitimes Recht, sich zu verteidigen, doch darf dieses Recht nicht grenzenlos überdehnt werden. Es machte mich schon nach dem 7-Tage-Krieg traurig und fassungslos dass gerade Israel die Palästinenzer mehr oder weniger vertrieb und in Lagern wohnen ließ. Bin ich jetzt ein „Reihenhausantisemtit“? – Ein Kandidat für das Unwort des Jahres.

    Ich schätze Israel ebenso wie ich Frankreich, Polen oder Dänemark schätze. Mögen die oben erwähnten selbsternannten „Freunde“ Israels noch so schäumen, das bringt mich nicht aus der Ruhe

    5 Leserempfehlungen
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    ...geführt und knapp vorbei ist auch daneben, aber worauf es ankommt, ist die richtige Gesinnung, und dass nämlich dieser Forist an Israel andere Maßstäbe anlegt, welches dann bitte im Gegenzug sein Recht auf Verteidigung "nicht grenzenlos" ausdehnen möge. Kann mir das mal einer erklären? Oder ein Beispiel nennen? Dass ich vielleicht, wenn einer mit einem Messer töten will, auch nur mit einem Messer mich wehre und nicht mit einer Pistole? Wie auch immer: an Israel werden besondere Maßstäbe angelegt, denen es, so habe ich den Verdacht, nie wird genügen können.
    In diesem Zusammenhang freut es mich natürlich, dass meine Schöpfung "Reihenhausantisemit" Ihr Missfallen gefunden hat.

    • mc6206
    • 14. Januar 2013 7:46 Uhr

    daß er klar ausgesagt hat was gesagt warden mußte. Die Augsteinsche Einseitigkeit ist unerträglich und gefährlich, den er ist ja nicht ein Student, der im Hinterzimmer ungelesene Pamphlete produziert. Augstein hat ein großes Publikum, allein durch seinen Namen, und kann vielen Schaden anrichten.

    Auf Augstein trifft das Wort "geistiger Brandstifter" durchaus zu, allerdings, und da ist Broder zu kritisieren, nicht auf Stürmer-Niveau, sondern als intellektueller Wegbereiter und Rechtfertiger des Antisemitismus.

    Ich persönlich bin weder Jude not Araber, sondern Ethno-deutsch, und bin betroffen, wenn ich lese, daß ein Deutscher den Israelis abspricht, sich angemessen zu verteidigen. Schließlich sind die Hamasraketen keine Wattebäuschchen, und wenn sie könnten dann wären die auch zielgenauer und mächtiger. An dem Mordwillen der Hamas kann ja wohl kein Zweifel sein.

    Wenn wir Deutschen nicht von Antisemitismus besessen gewesen wären, dann ware Israel wohl noch immer ein Traum und die "Juden" wären dann immer noch unsere Nachbarn.

    Deshalb, kurzfristiges geschichtliches Denken hilft nicht weiter, und es ist traurig, daß Augstein eine so grosse Platform hat, um seine Dummeheiten zu verbreiten.
    Aber so ist nun mal die Realität, damit müssen wir uns abfinden, so wie die Palästinenser sich mit dem Staat Israel abfinden müssen.Sie warden es niemals tun, und so lange das so gilt warden die Israelis Sicherheit vorziehen. Und wir können einfach Augstein wegklicken. Geht auch.

    2 Leserempfehlungen
  6. verhaelt sich bei einer anderen Religion genau so, nur die haben halt kaum eine Lobby

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, sc
  • Schlagworte Jakob Augstein | Julius Streicher | Israel | Klischee | Nachrichtenagentur | Geburt
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