Alkoholverbot: Kretschmanns einsamer Kampf gegen Saufgelage
Der grüne Ministerpräsident will ein gesetzliches Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen. Doch die eigene Partei verweigert ihm die Gefolgschaft.
Es gibt sie tatsächlich: Politische Erbschaften der schwarz-gelben Koalition, die der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht zum Teufel wünscht. In Sicherheitsfragen jedenfalls präsentiert er sich schwer konservativ. Es gilt, weiter den durch Zahlen aus der Kriminalstatistik belegten Ruf zu untermauern: Baden-Württemberg zählt zu den sichersten Regionen der Republik.
"Straßen voller Scherben"
Dazu passt nicht, dass die Landespolizei sich zunehmend beklagt: Streifenbeamte würden immer häufiger von betrunkenen Schlägern belästigt, vor allem in den Innenstädten. Vergangenen September präsentierte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Zahlen aus dem Jahr 2011. Damals hätten 284.000 Verdächtige Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen. Zu 32 Prozent aller Gewaltdelikte sei es unter Alkoholeinfluss gekommen. Von "Beleidigungen und Anpöbelungen, die sich Polizisten gefallen lassen müssen", wolle er dabei gar nicht reden, klagte der GdP-Landesvorsitzende Rüdiger Seidenspinner. Es müsse endlich, forderte er, das Polizeigesetz so geändert werden, dass der Konsum von Alkohol auf öffentlichen Plätzen verboten werden könne.
Kretschmann hat sich ebenfalls für ein solches Verbot ausgesprochen, Innenminister Reinhold Gall (SPD) pflichtet ihm bei. Jeden Tag, so auch der für die Polizei zuständige Sprecher der Stuttgarter SPD-Fraktion, Nikolaos Sakellariou, würden neun Polizisten im Land im Dienst verletzt – Tendenz steigend.
Doch mit der Gesetzesänderung will es einfach nichts werden. Schon zu Regierungszeiten von Schwarz-Gelb hatte es im Landesparlament einen Vorstoß gegeben, Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen zu verbieten. Die Initiative scheiterte am Veto der FDP. Die Liberalen sehen die Gefahr einer Kriminalisierung breiter Bevölkerungsschichten. Auch die SPD-Abgeordneten, die Jusos und Kretschmanns Partei sind gegen ein Alkoholverbot. Die Grünen finden, die Regierung solle lieber am gesellschaftlichen Problem des zunehmenden Alkoholkonsums von Jugendlichen arbeiten.
Für den Regierungschef ist das alles sehr unangenehm. Denn nicht nur die Polizei, auch die Riege der grünen Großstadt-Oberbürgermeister macht ihm Druck. Von der Studentenstadt Tübingen aus beklagt Boris Palmer angewidert "Straßen voller Scherben", es würden bei nächtlichen Saufgelagen "Vorgärten verwüstet und vollgekotzt".
Nur ein Landesgesetz kann das Alkoholverbot aussprechen
Sein Parteifreund, der Freiburger Rathauschef Dieter Salomon, hat immer noch an einer Niederlage vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim zu kauen. Die Stadt im Breisgau hatte im November 2007 ein Alkoholverbot über das Kneipen- und Discoviertel Bermudadreieck verhängt, in dem es immer wieder zu Schlägereien kommt. Auf den Straßen durfte nachts an den Wochenenden Alkohol weder mitgeführt noch getrunken werden. Ein Jura-Doktorand klagte gegen die Verordnung – und bekam im Juli 2009 Recht. Die Richter erklärten, ein solches pauschales Verbot sei nur über die Gesetzgebung des Landes zu regeln, nicht aufgrund einzelner städtischer Verordnungen.





...schon erschreckend, wie der Puritanismus um sich greift. Um 22 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt, so wäre es allen anscheinend am Liebsten.
Die Großstädte leben doch davon, dass man sich im öffentlichen Raum trifft. Zum Glück hat Deutschland hier im Vergleich zu anderen Ländern schon einiges nachgeholt. Was gibt es schöneres als ein Weinfest im Sommer? Dann muss man aber auch anderen Bevölkerungsschichten mit weniger Geld, z.B. Studenten, erlauben, den öffentlichen Raum entsprechend zu nutzen.
Schade, dass sich Kretschmann in dieser Frage nicht durchsetzen kann. Ein Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen scheint vor allem aus drei Gründen sehr sinnvoll zu sein:
1.) Sauberkeit. Keine rumfliegenden Bierdosen mehr und keine Glassplitter mehr von Bierflaschen oder von Schnapsflaschen.
2.) Kriminalität. Alkohol enthemmt. Wenn Menschen nicht mehr im Park trinken dürfen, wird die Kriminalität automatisch sinken.
3.) Image. Was denken eigentlich Touristen, wenn sie nach Deutschland kommen? Überall Alkis, die sich hemmungslos zulaufen lassen. Das muss nicht sein. Deutschland sollte nicht auf das Niveau Großbritanniens absinken.
Übrigens kann jeder gerne so viel er will zu Hause oder in der Kneipe trinken. Das sei jedem selbst überlassen.
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