Frage: Sie kritisieren, dass die Politik pausenlos zum Gegenstand journalistischer Bewertungen, Beurteilungen und auch Verurteilungen gemacht wird.

von Beust: Zu Anfang ist es natürlich ein prickelndes Gefühl, sich andauernd in der Zeitung zu sehen. Aber obwohl ich von den Medien meistens fair behandelt wurde, hat mich diese ständige Bewertung mit der Zeit zunehmend gestört. Das ist so, als ob man täglich ein Schulzeugnis bekäme. Diese Situation fand ich selbst dann belastend, wenn das "Zeugnis" gut ausfiel.

Frage: Was ist denn an positiver Bewertung belastend?

von Beust: Die ständige mediale Beobachtung führte dazu, dass wir nicht frei waren, auch mal provokative oder unpopuläre Themen und Positionen in einer vertraulichen Runde offen zu diskutieren. Sie müssen nämlich immer damit rechnen, dass es jemanden gibt, der das an die Medien weitergibt.

Frage: Nun konnten Sie sich, wie Sie selbst sagen, über einen Mangel an positiver Berichterstattung nicht beklagen. Wie haben Sie das bewerkstelligt?

von Beust: Im politischen Alltag spielt die positive Vermarktung der eigenen Politik mindestens eine genau so große Rolle wie der Inhalt selbst. Zum einen wirke ich glücklicherweise auf viele Menschen offenbar sympathisch, zum anderen hatte ich professionelle, sehr erfahrene Pressesprecher, die mich durch die Klippen gelotst haben. Sie haben mich vor Tabuthemen gewarnt und mir gesagt, bei welchem Journalisten ich auf Ironie besser verzichten sollte.

Frage: Die Kehrseite dieser politisch korrekten Selbstkontrolle ist wahrscheinlich, dass am Ende nur noch Floskeln dabei herauskommen...

von Beust: Natürlich, man versucht, sprachlich keine Konflikte auszulösen, sich bloß nicht festzulegen und wenig Gefühl zu zeigen. Stattdessen spricht man ganz automatisch Politdeutsch. Die Alternative ist, möglichst wenig zu sagen. Diese Strategie verfolgt die Bundeskanzlerin, die auf Interviewfragen immer betont nüchtern und wortkarg antwortet.

Frage: Fühlten Sie sich den Medien gegenüber machtlos?

von Beust: Besonders problematisch finde ich, dass man in ein Klischee gepresst wird, von dem man erstens nicht wieder loskommt und das zweitens von den Journalisten ganz nach Gusto positiv oder negativ aufgeladen wird.

Frage: Sie selbst haben das Image des Sylt-Promis.

von Beust: Früher war das Sylt-Klischee positiv besetzt: 'Hamburger liebt Nordsee'. Mittlerweile ist es ins Gegenteil gekippt und wird mit Reichtum und Schicki-Micki assoziiert. Ich bin Sylt-Fan, aber Sie werden keinen Bericht über mich finden, wie ich in einer Promi-Bar Champagner schlürfe und Hummer esse. Aber das hilft nichts, das Stereotyp vom Luxus-Insel-Sunnyboy bleibt. Da bin ich wehrlos.

Frage: 2003 versuchte Ihr damaliger Koalitionspartner, der Innensenator Ronald Schill von der Partei Rechtsstaatlicher Offensive (PRO), Sie zu erpressen, indem er damit drohte, eine angebliche Affäre zwischen Ihnen und Ihrem Justizsenator Roger Kusch zu enthüllen. Sie handelten schnell, entließen Schill, lösten die Regierungskoalition auf und veranlassten dadurch Neuwahlen. Vom "Sunnyboy" wurden Sie binnen Kurzem zum "Drachentöter".

von Beust: Ich habe mich nicht bewusst so inszeniert. Mein Handeln in der damaligen Situation war völlig intuitiv. Ich musste innerhalb von wenigen Minuten auf Schills Drohung reagieren. Da macht man keine langwierigen Analysen. Meine Erfahrung ist sowieso: Ausgetüftelte Strategien funktionieren nur selten.

Frage: Schills Ausfälle und sein Erpressungsversuch haben Sie dazu gebracht, sich öffentlich zu Ihrer Homosexualität zu bekennen. War das nicht letztendlich ein Glücksfall für Sie?

von Beust: Im Nachhinein betrachtet war es mir wohl mehr nützlich als schädlich. Ich glaube aber nicht, dass mir das Schwulsein zusätzliche Stimmen gebracht hat. Die sexuelle Orientierung interessiert die Leute viel weniger, als man denkt und ein liberales Image hatte ich ohnehin. Ich glaube eher, dass die Wähler meinen Mut belohnt haben, Neuwahlen anzusetzen.

Frage: Sie haben gesagt, mehr als ein Ministerpräsidentenamt sei für einen Homosexuellen in der CDU jedoch nicht drin.

von Beust: Ich glaube nicht, dass die CDU einen schwulen Präsidenten oder Bundeskanzler akzeptieren würde. Die Sorge vor der Reaktion der eigenen Kern-Klientel und vor dem Verlust von Stammwählern ist dabei – wie ich meine, unberechtigt – groß.

Frage: 2008 gingen sie wieder eine Koalition ein, dieses Mal mit den Hamburger Grünen. Diese scheiterte am Volksentscheid zum längeren gemeinsamen Lernen. Sie traten daraufhin zurück. Woran sind Sie gescheitert?

von Beust: Die großbürgerliche Klientel wollte nicht, dass ihre Kinder sechs Jahre lang auch mit Kindern zur Schule gehen, die möglicherweise keinen so guten Einfluss auf sie haben. Dieses Experiment lehnten sie ab. Bei einer so emotionalen Angelegenheit wie der Kindesliebe ist es unglaublich schwer, Leute umzustimmen. Zum anderen gingen diejenigen, für die die Reform gedacht war, nicht zur Abstimmung, weil sie glaubten, auf diese Weise "denen da oben" eins auswischen zu können. So traurig das Ergebnis für die CDU war, inhaltlich stehe ich dazu.

Frage: Haben Sie in diesem Moment die direkte Demokratie verwünscht?

von Beust: Die Verstärkung der plebiszitären Elemente entspricht dem Zug der Zeit. Ob das allerdings alles immer so klug ist? Deutschland ist mit der repräsentativen Demokratie nicht schlecht gefahren. Man ist mit einem Vertrauensvorschuss gewählt, um das zu machen, was man in der Legislaturperiode für richtig hält. Die Bürgerbeteiligung führt nun aber manchmal zu Ergebnissen, die man als Politiker nicht mittragen kann.

Frage: Sie traten noch an dem Abend, an dem das Ergebnis des Volksentscheides bekanntgegeben wurde, zurück. Das sah doch sehr stark nach Flucht aus.

von Beust: Bleibt ein Politiker zu lange im Amt, dann heißt es wiederum, er klebte am Sessel. Ich finde, wenn ein Politiker nach einer gewissen Zeit aufhören möchte, ist das völlig in Ordnung. Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich und man lebt nur einmal.