Ole von Beust"Die CDU würde keinen schwulen Bundeskanzler akzeptieren"

Wie frei sind Politiker? Wie sehr sind sie den Zwängen der Gesellschaft, der Medien, ihrer Partei unterworfen? Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Ole von Beust im Interview. von Gregor Landwehr und Rena Föhr

Frage: Herr von Beust, Sie haben ihr gesamtes Leben in Hamburg verbracht. In der Stadt sind Sie wahrscheinlich so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund?

Ole von Beust: Mindestens. In meiner aktiven Zeit hatte ich einen Bekanntheitsgrad von 98 Prozent. Das schaffen nicht mal bunte Hunde.

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Frage: Das heißt, Sie konnten sich in Hamburg nie unbeobachtet bewegen, mussten immer befürchten, dass auch eigentlich Privates öffentlich wird?

von Beust: Wenn ich zum Beispiel eine Flasche Wodka kaufen wollte, dann musste ich vorher überlegen: Will ich riskieren, dass es davon morgen ein Foto in der Zeitung gibt, verbunden mit der Frage, ob ich trinke?

Frage: Heute kann jeder sein Smartphone zücken und die Inhalte dann gleich über die Sozialen Netzwerke verbreiten. Haben die neuen Medien den Druck verstärkt?

von Beust: Nicht unbedingt, denn je mehr da kommt, desto schneller versendet es sich auch. Früher hatte ein Bericht in der Zeitung ein viel stärkeres Gewicht. Heute, bei der Vielfalt der Medien, ist es fast egal, was eine einzelne Zeitung, ein einzelner Sender oder das Internet bringt. Das ist wie ein Medikament, das sich im Meer in eine homöopathische Dosis auflöst. An mir geht das sowieso vorbei. Ich habe mich zum Beispiel noch nie gegoogelt oder bei Wikipedia meinen Namen aufgerufen.

"Die gehetzte Politik"

Dieses Gespräch ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.). Studenten der Uni Tübingen haben dafür unter anderem Politiker, Journalisten, Lobbyisten und Netzaktivisten interviewt. Das Buch erscheint im Februar im Herbert von Halem Verlag und kostet 19,80 Euro.

Frage: Diese Abstinenz mögen wir Ihnen kaum glauben …

von Beust: Das können Sie aber! Wenn man im Fluss schwimmt, muss man, entschuldigen Sie, nicht jedes Stück Sch... anfassen, das an einem vorbeitreibt. Das ist eine gute Maxime, wenn man im öffentlichen Leben steht.

Frage: Wenn Sie die Resonanz des Internets und der Medien ignorieren, wie haben Sie sich als Bürgermeister über die Stimmung in der Bevölkerung informiert?

von Beust: Man muss mit gesundem Menschenverstand ein richtiges Gefühl dafür entwickeln, was die breite Masse denkt, und sich dann auf seine Intuition verlassen. Denn von den Mitarbeitern im engeren Umfeld habe ich nicht immer eine offene, kritische Rückmeldung bekommen können – verständlicherweise, denn sie haben ja gewissermaßen von mir gelebt und instinktiv versucht, mich bei Laune zu halten. Und das Bild, das die Medien zeichnen, entspricht häufig auch nicht dem, was die Mehrheit denkt.

Leserkommentare
  1. "Ich wüsste aber gerne woher sie die Information haben, das Westerwelle "nicht für voll genommen wird" bzw. an welchen Reaktionen des Auslands Sie das festmachen."

    Ich glaube, es handelt sich hier bei dem Kommentator um Wunschdenken. Der Kommentator, so sehr er auch versucht, uns glauben zu machen, ihn stören homosexuelle Amtsträger nicht, hat sich von Anfang an eben dies gewünscht. Und nun, da es nicht eingetreten ist, redet er eben so, als wäre es eingetreten.

    Aber was der Mann unterschätzt ist, dass man mit dem Geld und der wirtschaftlichen und politischen Macht Deutschlands im Rücken auch schwule deutsche Außenminister ernst nimmt; ernst nehmen muss. Und ich kann mir vorstellen, dass man auf politischer Ebene wichtigeres zu tun hat, als die Sexualität eines Außenministers zu thematisieren.

    Ich habe dergleichen jedenfalls nicht bemerkt und würde ebenfalls gerne über Gegenteiliges aufgeklärt werden, so es denn existiert.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Tottolerieren?"
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    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:16 Uhr

    Für sie ist also dass einzig positive an Hr. Westerwelle, dessen sexuelle Orientierung?
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kritik immer etwas weniger scharf ausfällt, wenn die zu kritisierende Person einer sexuellen oder ethnischen Minderheit angehört.

  2. Dass müsste ja ihr Alptraum sein, dass sich Schwule, Lesben, Transsexuelle, Transgender und alle Menschen, die an anderen Menschen Eigenschaften erkennen, die wichtiger sind als Sexualität, sich zusammentun und eine Partei wählen, die bereit ist einen Homosexuellen zum Bundeskanzler zu nominieren, einfach nur weil dieser durch Leistung überzeugt hat.

    Wo kämen wir denn da hin, wenn man nur noch auf Leistung guckt und nicht mehr auf die Sexualität.

    Obwohl, wenn ich an die "Leistungen" Herrn Westerwelles denke, waren es wohl eher seine Leistungen für die FDP, die ihm den Posten als Außenminister beschwerten, nicht seine Leistungen für das deutsche Volk.

    Antwort auf "....solange...."
  3. 35. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "In Belgien kein Thema"
  4. Lesen Sie sich doch nur mal die Forumsbeiträge durch.

    Goede Middag

    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:09 Uhr

    Die politisch korrekte Selbstkontrolle hört bei Politikern meistens dann auf, wenn die politische Karriere beendet ist, erst dann wird sich getraut,provokative oder unpopuläre Themen und Positionen aufzugreifen und zu vertreten. Ausnahmen bestätigen die Regel, diese Ausnahmen haben dann allerdings oft eine mediale Demontage zur Folge, die die politische Karriere abrupt beenden lässt.

    Eine Leserempfehlung
  5. wurde provoziert durch die Frage am Rande des Interviews
    auf Seite 2:

    "Frage: Sie haben gesagt, mehr als ein Ministerpräsidentenamt sei für einen Homosexuellen in der CDU jedoch nicht drin.

    von Beust: Ich glaube nicht, dass die CDU einen schwulen Präsidenten oder Bundeskanzler akzeptieren würde. Die Sorge vor der Reaktion der eigenen Kern-Klientel und vor dem Verlust von Stammwählern ist dabei – wie ich meine, unberechtigt – groß."

    Daraus wurde der Titelaufmacher:
    "Die CDU würde keinen schwulen Bundeskanzler akzeptieren"
    wie eine wörtliche Tatsachenbehauptung formuliert!

    Qualitätsjournalismus?

    Ob der von mir sehr wertgeschätzte, falsch zitierte Ole von Beust das so sieht, wage ich zu bezweifeln...

    2 Leserempfehlungen
    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:16 Uhr

    Für sie ist also dass einzig positive an Hr. Westerwelle, dessen sexuelle Orientierung?
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kritik immer etwas weniger scharf ausfällt, wenn die zu kritisierende Person einer sexuellen oder ethnischen Minderheit angehört.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Für sie ist also dass einzig positive an Hr. Westerwelle, dessen sexuelle Orientierung?"

    Nein. Und ich habe auch keine Ahnung, wie Sie darauf kommen. Für mich ist Herrn Westerwelles sexuelle Identität ein neutrales Faktum. Weder positiv noch negativ.

    "Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kritik immer etwas weniger scharf ausfällt, wenn die zu kritisierende Person einer sexuellen oder ethnischen Minderheit angehört."

    Sie wissen, dass Eindrücke trügen können, oder?

  6. Liebe Lucy Meineke,
    die Frage stand keineswegs "am Rande des Interviews", auch wenn das Thema natürlich nicht der Hauptinhalt des Gespräches war.

    Die Überschrift ergibt sich aus der Antwort, allerdings kann man natürlich über die Anführungsstriche geteilter Meinung sein.

    Eine Leserempfehlung

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