WehrbeauftragterSchlechte Stimmung in der Bundeswehr

Der Wehrbeauftragte Königshaus zeichnet in seinem Bericht ein fatales Bild der deutschen Truppe: Die Soldaten sind verunsichert und überlastet, die Führung mangelhaft.

Soldaten des Logistikbataillons 171 in der Clausewitz-Kaserne in Burg

Soldaten des Logistikbataillons 171 in der Clausewitz-Kaserne in Burg  |  © Jens Wolf/dpa

Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hält die Bundeswehr angesichts zahlreicher Auslandseinsätze und weitreichender Umstrukturierungen für überlastet und tief verunsichert. "Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenze der Belastbarkeit erreicht, teilweise bereits überschritten", sagte der FDP-Politiker, als er seinen Jahresbericht vorstellte. "Eine Verbesserung der Stimmung in der Truppe zeichnet sich nicht ab."

Sorge bereitet ihm demnach auch die Häufigkeit der Einsätze. Das Ziel, die Soldaten maximal vier Monate in Auslandseinsätze zu schicken und ihnen danach eine mindestens 20 Monate dauernde Erholungszeit in der Heimat zu gewähren, sei nur begrenzt erreicht worden.

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Königshaus kritisierte im Zusammenhang mit der Bundeswehrreform Stationierungsentscheidungen, die "zu weiterer Pendelei und nochmals stärkerer Belastung der Soldatenfamilien führen". Auch die weiterhin bestehende Ungewissheit über die eigene Zukunft wegen der geplanten Veränderungen in der Bundeswehr bessere die Stimmung in der Truppe nicht. Auch würden in der Bundeswehr "viele Dinge für normal gehalten, die anderswo nicht normal sind", zum Beispiel die Pflicht, am Sonntagnachmittag auf dem Truppenübungsplatz anzureisen, auch wenn der Einsatz dort erst am Montag beginne.

Zudem beklagte er "gravierende Mängel" in der Führung der Truppe. Bei der Ahndung von Dienstvergehen werde in Einzelfällen zweierlei Maß angewandt. Das führe zu dem Eindruck, "dass – bildhaft gesprochen – die Kleinen gehenkt werden, und man die Großen laufen lasse".

Anstieg rechtsextremistischer Vorkommnisse

Ein Problem sieht er in der Kinderbetreuung bei der Bundeswehr. Königshaus sagte, trotz wiederholter Kritik in den vergangenen Jahren seien "Verbesserungen nur in geringem Umfang geplant". Und das meistens dort, wo – etwa im medizinischen Bereich – es größere Probleme gebe, Personal zu finden. Der Wehrbeauftragte drückte seinen Unmut darüber aus, dass die Bundeswehr vorhandene Förderprogramme der Bundesregierung für betriebliche Kita-Angebote nicht nutze.

Die Zahl rechtsextremistischer Vorkommnisse in der Bundeswehr ist nach Jahren des Rückgangs 2012 wieder leicht gestiegen. 67 Vorfälle mit Verdacht auf einen rechtsextremen Hintergrund wurden bekannt, im Jahr zuvor waren es 63 gewesen. Das war der niedrigste Stand seit Anfang der neunziger Jahre. Bis 2009 wurden Jahr für Jahr mehr als 100 rechtsextremistische Vorkommnisse bei der Bundeswehr registriert.

Sexuelle Übergriffe in der Bundeswehr

Königshaus listet auch 50 Vorkommnisse mit "sexuellem Bezug" auf, womit sich ein Bericht der Welt bestätigt. Darunter sind Fälle von verbaler sexueller Belästigung, exhibitionistische Handlungen und Besitz von Kinderpornographie. Vergewaltigungen seien wie auch in den vorangegangenen Berichtsjahren "glücklicherweise die absolute Ausnahme", sagte Königshaus.  

In seinem Bericht ging Königshaus erneut auf psychische Erkrankungen von Rückkehrern aus dem Auslandseinsatz ein. In etwa der Hälfte der Fälle würden hier schon vor dem Einsatz vorhandene Vorbelastungen nicht erkannt. "Diesem Aspekt muss bei der Überprüfung der Einsatzverwendungsfähigkeit ein größeres Augenmerk gewidmet werden", verlangte der Wehrbeauftragte. Insbesondere dürften nicht erkannte psychische Vorerkrankungen für die Soldaten im Nachhinein keine Nachteile mit sich bringen, wenn es etwa um Entschädigungen gehe.

Die Behandlung traumatisierter Soldaten lasse weiter zu wünschen übrig. Noch immer fehle es an Psychologen und Psychotherapeuten, während die Zahl traumatisierter Soldaten im vergangenen Jahr auf einen Höchststand von 1.143 gestiegen sei.

Positiv bewertete der Wehrbeauftragte Verbesserungen bei der Ausrüstung der Truppe im Einsatz. Dies habe dazu beigetragen, dass in Afghanistan seit Mitte 2011 kein deutscher Soldat mehr getötet wurde. Auch die Versorgung Verwundeter lobte Königshaus.

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Leserkommentare
  1. Es bleibt armselig, wenn man nach dem Kriegseinsatz psychisch oder physisch schwersttraumatisiert in der Gosse der Gesellschaft alleine liegengelassen wird. PTBS bei Soldaten? Das wird verschwiegen. Veteranen ohnen Beine? Pech gehabt. Deswegen bleibe ich dabei - der Sold ist armselig, wenn man bedenkt, dass viele Veteranen zum Sozialfall werden, weil sie wie auch immer zerstört wurden.

    • doch40
    • 29. Januar 2013 17:36 Uhr

    Seien Sie mal nicht so streng mit mir und meiner Logik. Sicher ist, dass man bei einer Armee nichts Sinnvolles lernen kann (auch nicht für eine Nation), was man nicht auch außerhalb der Armee lernen könnte. Sicher ist auch, dass eine Armee der einzige Ort ist, wo Menschen flächendeckend ausgebildet werden, töten zu lernen und dieses Können ggf. auch anzuwenden. Sie lernen also etwas anzuwenden, was außerhalb dieses Ortes streng untersagt ist und mit den härtesten Strafen belegt ist.
    Was verteidigungswürdig ist, bestimmt derjenige, der das Töten lernt aber nicht selbst, es wird ihm gesagt oder im schlimmsten fall (leider der häufigste fall) vorgegaukelt. Damit wird ein Soldat fremdbestimmt und für Interessen missbraucht, die nicht seine eigenen sind.
    Was die DDR betrifft. Richtig. Auch ich habe wahrgenommen, dass die NVA sich in der Tradition des preußischen Militarismus befand - vielleicht sogar mehr, als die BW. Das widerspricht also nicht meiner Position zum Imperialismus.
    Und ich sollte da mal hingehen? Nehmen die jetzt schon Rentner? Ist die Personaldecke so dünn?

    • Otto2
    • 29. Januar 2013 18:00 Uhr
    67. Merke:

    Die Schule der Nation ist die Schule!

    Antwort auf "Spiegelbild"
    • zappp
    • 29. Januar 2013 18:08 Uhr

    Ein typisches Problem des Militärs besteht darin, dass man die Soldaten nach Abschluss der Ausbildung nicht übers ganze Jahr mit militärischen Übungen sinnvoll beschäftigen kann, selbst bei dafür ausreichenden finanziellen Mitteln. Andererseits reichen jährliche Wehrübungen oder Herbstmanöver von lediglich wenigen Wochen Dauer nicht aus, den Ausbildungsstand bzw. die Einsatzbereitschaft in anspruchsvollen Verwendungen aufrecht zu erhalten oder gar weiter zu entwickeln. Man bräuchte also ein neues Konzept, einen (Teil-) Zeitsoldaten, der planmäßig mindestens 100 Tage im Jahr wehrübt (und zwar „richtig“, wenn auch nicht unbedingt am Stück) und darüber hinaus für Kriseneinsätze in Bereitschaft bleibt (statt Gammeldienst in der Kaserne zu vollziehen). Planmäßige, übers Jahr verteilte Wehrübungen ließen sich durchaus mit manchen zivilen Tätigkeiten vereinbaren. Das Bereitschaftskonzept aber eher nicht oder allenfalls in Verbindung mit Zuschüssen. Letzteres wäre aber womöglich immer noch billiger, als für Gammeldienst zu bezahlen oder dessen Auswirkung auf die Motivation hinzunehmen. Wobei manche Soldaten den Gammeldienst in der heimatlichen Etappe, bevorzugt in der Nähe von Freunden und der Familie, sogar als den erstrebenswerten Normalzustand betrachten dürften.

    • Xdenker
    • 29. Januar 2013 18:36 Uhr

    Wenn deutlich mehr als sagen wir 5 Prozent Personal abgebaut werden müssen und der ganze Laden in kurzen Zeitabständen immer wieder heftig und umfassend unstrukturiert wird und dann auch noch mehrfach das Geschäftsmodell geändert wird und dennoch immer verbal bis zur Unkenntlichkeit verabstrahiert und verklausuliert vage bleibt, gibts in jedem Unternehmen Stress und Demotivation. Und wie! Solche Unternehmen gehen in der Regel kaputt. Die Bundeswehr als Organisation wahrscheinlich nicht, aber als "Streitkräfte" ist sie längst kaputt.

    Antwort auf "auch wenn"
  2. Führen wir einen Krieg der Rohstoffe? Wir führen einen Krieg, den uns das GG verbietet, wieso haben wir dieses? Um es immer zu missachten?

  3. 71. Achso

    Also ich habe Anlass zu glauben, dass Angehörige der Bundeswehr genug Zeit haben, sich den Laden anzuschauen und dann über ihren längerfristigen Verbleib bei der Truppe via Verpflichtung als SaZ zu entscheiden:
    http://www.zeit.de/politi...

    Das war mit der Allgemeinen Wehrpflicht früher auch nicht anders.

    Wer sich 15 Jahre verpflichtet, um dann hinterher festzustellen, dass ihm die Arbeitsbedingungen nicht gefallen, der hat meines Erachtens ein ganz anderes Problem als Einsatzbelastung.

    Ansonsten ist der Katalog doch unspektakulär. Welcher Arbeitnehmer hätte nicht gerne:
    - 4 Monate richtig arbeiten, 20 Monate davon erholen
    - Arbeitsplatz am Wunschwohnort
    - Gratis Ganztagskita
    - Keine "Überstunden" (Stichwort: Anreise Sonntagnachmittag)
    - Gleiches Recht für alle

    Antwort auf "So einfach ist's nicht"
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    • zappp
    • 30. Januar 2013 5:28 Uhr

    Bereitschafts-, Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienst mit zumeist unzulänglichem Freizeitausgleich, Kasernenpflicht (Ausgang nur bis zum Zapfenstreich oder bis zum Wecken), wechselnde Einsatzorte mit Wochenendpendeln und häufige Versetzungen für Karriereoffizere gehörten zum Soldatenberuf, als die Bundeswehr noch eine reine Heimatschutzarmee war. Heute kommen monatelange Auslandseinsätze dazu. Die Arbeit muss eben da gemacht werden, wo sie anfällt.

    Das ist vorher bekannt, wird jedem Bewerber eindringlich klargemacht und ist mit dem Sold abgegolten. Man wird unter anderem schneller befördert als zivile Beamte. Ob dieser Sold einen selbst für die Belastungen ausreichend entschädigt, auch mit Blick auf alternative zivile Arbeitsplätze am Heimat- oder Wunschort, ist eine persönliche und mit Wegfall der Wehrpflicht freie Entscheidung.

    Wären die grossen Kasernen in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt oder München würden sich de Soldaten über hohe Mieten beschweren.

    • zappp
    • 30. Januar 2013 5:28 Uhr

    Aufgrund eines Mehrfachpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    • zappp
    • 30. Januar 2013 5:28 Uhr

    Aufgrund eines Mehrfachpostings entfernt. Die Redaktion/ls/em>

    • zappp
    • 30. Januar 2013 5:28 Uhr

    Bereitschafts-, Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienst mit zumeist unzulänglichem Freizeitausgleich, Kasernenpflicht (Ausgang nur bis zum Zapfenstreich oder bis zum Wecken), wechselnde Einsatzorte mit Wochenendpendeln und häufige Versetzungen für Karriereoffizere gehörten zum Soldatenberuf, als die Bundeswehr noch eine reine Heimatschutzarmee war. Heute kommen monatelange Auslandseinsätze dazu. Die Arbeit muss eben da gemacht werden, wo sie anfällt.

    Das ist vorher bekannt, wird jedem Bewerber eindringlich klargemacht und ist mit dem Sold abgegolten. Man wird unter anderem schneller befördert als zivile Beamte. Ob dieser Sold einen selbst für die Belastungen ausreichend entschädigt, auch mit Blick auf alternative zivile Arbeitsplätze am Heimat- oder Wunschort, ist eine persönliche und mit Wegfall der Wehrpflicht freie Entscheidung.

    Wären die grossen Kasernen in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt oder München würden sich de Soldaten über hohe Mieten beschweren.

    Antwort auf "Achso"
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    • tapster
    • 30. Januar 2013 14:22 Uhr

    ... man stelle sich nur einmal vor, GM würde kurz und knackig entscheiden, das OPEL-Werk Bochum wird geschlossen, die Belegschaft wird auf die anderen Werke in Europa verteilt, jeder dahin, wo er in Sinne des "effizienten" Betriebsmanagements gerade besonders gebraucht wird. Der Rat der Stadt Bochum beklagt die Schließung des Werkes und fordert einen finanziellen Ausgleich für die Stadt und eventuell noch für die von der Schließung mittelbar betroffenen Betriebe der allgemeinen Versorgung und des Gebäudereinigungsgewerbes.

    Nächst Schritt: Ehepartner oder Lebensabschnittspartner hat eine eigene Arbeitsstelle, findet am neuen Arbeitsplatz des Partners nichts entsprechendes, zieht nicht mit um. Der Partner am neuen Arbeitsort muss sich nach dem neuen Bundesmeldegesetz an dem Ort mit Hauptwohnsitz melden, an dem er sich überwiegend (zeitlich) aufhält. Das ist demnach der Ort der neuen Beschäftigung. Damit erlöschen alle kommunalen Ämter am alten Wohnsitz und das kann bis zum Verlust des Kita/Kiga-Platzes am Wohnort der Familie führen, dazu können noch so nette Abgaben wie "kommunale Zweitwohnungssteuer" u. ä. folgen.

    Also, ich kann jeden gut verstehen, der sich sagt, unter diesen Umständen und bei der vom Großteil der deutschen Bevölkerung gezeigten Ablehnung der Soldaten (selbst Abgeordnete, die für Auslandseinsätze gestimmt haben, nennen Soldaten ungestraft Mörder und Irre. Sie meinen ja nicht den Einzelnen, sondern eine Berufsgruppe.)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, nf
  • Schlagworte Bundesregierung | Auslandseinsatz | Bundeswehr | Bundeswehrreform | Entschädigung | Kinderbetreuung
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