An Zutaten für einen vermeintlichen Agenten-Cocktail fehlte es nicht: Eine von ehemaligen MI6-Agenten gegründete Beratungsfirma in London, die das Licht der Öffentlichkeit scheut; ein CDU-Politiker, der Zehntausende Euro für nicht näher benannte Vortragstätigkeiten bei dieser Firma erhält; und missverständliche Angaben über eben diese Nebentätigkeit auf der Website des Deutschen Bundestags. Und mittendrin in der vemeintlichen Schlapphut-Geschichte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Michael Fuchs.

Ausgegraben hat die Geschichte Abgeordnetenwatch, anschließend berichtete der Stern darüber. Im Kern geht es um den Vorwurf, Fuchs habe seine Nebentätigkeit für die Londoner Firma Hakluyt & Company bewusst verschleiert. Von Konspiration ist die Rede, rätselhaften Vorgängen und der "jüngsten Eskapade" des CDU-Abgeordneten, der für mehr als 13 Vorträge seit 2008 mindestens 57.000 Euro bekam. Fuchs gilt als Spitzenverdiener unter den Parlamentariern und wird immer wieder für mangelnde Transparenz bei seinen Nebentätigkeiten kritisiert. Eine komplette Offenlegung aller Nebeneinkünfte, wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück es fordert, lehnt Fuchs ab.

Was aber ist seine Rolle in der Geschichte um die angebliche "Spionagefirma" (LobbyControl über H&C)? Fuchs weist die Vorwürfe strikt zurück und will sie nicht auf sich sitzen lassen. "Ich behalte mir juristische Schritte vor", sagt er auf Anfrage. Die Rechtsanwaltskanzlei Schertz Bergmann ist bereits beauftragt. Sie will beim Vorwurf der Verschleierung eine Unterlassung und Gegendarstellung von Abgeordnetenwatch erreichen, sagte Simon Bergmann auf Anfrage.

Exklusiver Kreis "honoriger Leute"

"Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen", sagt Fuchs. Das Honorar bekomme er für Kurzreferate über wichtige Themen deutscher und europäischer Politik, wie Euro-Krise, Energiewende oder den deutschen Arbeitsmarkt. Etwa einmal im Quartal träfen sich auf Einladung von Hakluyt "honorige Leute" aus Wirtschaft und Politik. Im exklusiven Kreis von 20 bis 30 Personen trifft Fuchs dann auf Politiker wie den früheren EU-Außenbeauftragten Javier Solana, auch der heutige italienische Premier Mario Monti war vor Beginn seiner Amtszeit dabei. Fuchs fühlt sich offenbar geehrt, zu dem erlauchten Kreis zu gehören. Er fährt gerne zu den Treffen, egal ob er Vortragender ist oder nicht. "Das macht mir einen Riesenspaß", sagt er. Es sei ein sehr interessantes, internationales Netzwerk.

Dass bis zu dieser Woche nicht der korrekte Name der Londoner Firma auf der Bundestagsseite von Fuchs angegeben war, ist offenbar einem Fehler der Bundestagsverwaltung geschuldet, die Hakluyt mit der gleichnamigen geografischen Gesellschaft verwechselte. Der Bundestag teilte auf Anfrage mit, dass der Vorgang zwar nicht mehr rekonstruiert werden könnte. "Der Abgeordnete hat in seinen Anzeigen jedenfalls nicht den Begriff Society verwendet, sondern von Hakluyt und einmal auch von Hakluyt & Company gesprochen", teilte ein Sprecher mit.

Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Nešković kritisiert Fuchs dennoch für seine Vortragstätigkeit, die er "politisch unanständig" findet. Es sei zwar richtig und notwendig, solche Netzwerke zu pflegen und sich mit den Leuten auseinanderzusetzen. "Ich bin aber prinzipiell dagegen, dass Abgeordnete Honorare für Reden nehmen", sagt der parteilose Politiker, der vor Kurzem aus der Fraktion der Linken ausgetreten ist. Die Diäten im Bundestag seien hoch genug. Zudem gelte es, Missverständnisse wie im Fall von Fuchs und allein den Anschein eines Interessenkonflikts oder eine Vorteilsnahme zu vermeiden.

Ex-BDI Chef sitzt im Beirat

 
Im Fall von Fuchs bleibt noch die Frage nach der "nebulösen Beratungsfirma" (Abgeordnetenwatch über H&C) selbst und was der CDU-Politiker über die Geschäfte von Hakluyt & Company weiß. "Mit dem operativen Geschäft der Firma habe ich nichts zu tun und auch gar kein Interesse daran", sagt er. Aufgrund der renommierten Namen aus Wirtschaft und Politik sieht er jedenfalls keinen Anlass zu Zweifeln an der Seriosität des Unternehmens. Zumal im Beirat der Muttergesellschaft Holdingham Group ein weiterer prominenter Deutscher sitzt: Hans-Peter Keitel, der frühere Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Auch der Ex-BDI-Chef schätzt das internationale Netzwerk des Unternehmens. Einmal im Jahr treffen im Beirat Größen aus Wirtschaft und Politik aus aller Welt aufeinander und diskutieren Themen über alle Grenzen hinweg, heißt es aus Keitels Umfeld. Mit dem operativen Geschäft von Hakluyt habe das nichts zu tun.

Diskretion und Effizienz

Keitel wie Fuchs bezeichnen Hakluyt als seriöse Beratungsfirma. Diese Einschätzung wird allerdings längst nicht überall geteilt. Wirtschaftsdetektei, privater Geheimdienst oder "Altersruhesitz für Ex-MI6-Offiziere" lauten die gängigeren Bezeichnung der Firma. Die Entstehungsgeschichte von Hakluyt & Company sowie die wenigen bekannt gewordenen Aktivitäten tragen zur Mythenbildung bei.

Gegründet wurde die Firma 1995 von früheren Mitarbeitern des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Seitdem hat sich Hakluyt einen Ruf als diskretes, effizientes und extrem öffentlichkeitsscheues Unternehmen erworben, das für seine Kunden vor allem aus dem Bereich der Wirtschaft sensible Informationen beschafft. Womit genau die Firma ihr Geld verdient, bleibt aber verborgen. Eine Kontaktanfrage an Hakluyt wird von einer Kommunikationsagentur beantwortet, die zwar nicht auf die Fragen eingehen will, dafür aber die Vorlage aller Informationen über das Unternehmen verlangt, um sie auf Richtigkeit zu prüfen.

Das Wenige, was über Hakluyt bekannt ist, wirkt dafür umso schillernder. 2001 etwa machte die Firma Schlagzeilen, weil im Auftrag von Shell ein aus Deutschland stammender Agent Greenpeace ausspioniert haben soll, um über mögliche Aktionen der Umweltaktivisten gegen den Ölkonzern informiert zu sein. Und im vergangenen Jahr tauchte Hakluyt wieder in den Schlagzeilen auf, weil der in China ermordete Brite Neil Heywood für das Unternehmen tätig war. Ein Mord, der Chinas Politik erschütterte, weil er von der Frau des damaligen Spitzenpolitiker Bo Xilai verübt worden sein soll. Dass Heywood den chinesischen Politiker im Auftrag des MI6 ausspioniert haben soll, befeuerte die Spekulationen über Hakluyts Verbindungen zum Geheimdienst aufs Neue.