Vor 50 Jahren wurde mit dem Élysée-Vertrag eine wichtige Grundlage für das Zusammenwachsen in Europa gelegt. Es begann ein Zeitalter des friedlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Kooperation. Heute steht das Europa der Finanzkrise angesichts des Auseinanderklaffens von Reich und Arm wieder am Scheideweg. Trotzdem liegt für uns die Lösung der Krise in Europa. Diese gilt auch für die künftige Versorgung mit Energie. Allein 2011 gab Europa über 500 Milliarden Euro für den Import von Öl und Gas aus. Mit diesem Geld hätte man problemlos die notwendige Erneuerung der ökologischen Wirtschaft und die energetische Gebäudesanierung finanzieren können. Doch die Weichen werden nur zaghaft umgestellt.

Die Energiewende muss europäisch gedacht werden

Die Kraftwerkparks in Europa sind überaltert. Die Deutschen investieren vor allem in erneuerbare Energien statt in Atom- und Kohlekraftwerke. Rund 400.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor zeugen von dessen heutiger industrieller Bedeutung. In Frankreich wären Investitionen in Höhe von 213 Milliarden Euro notwendig, um die AKW nachzurüsten beziehungsweise neue zu bauen. Eine Investition in erneuerbare Energien wäre daher auch für Frankreich der bessere Weg. Ökologisch und wirtschaftlich!

Die deutsche Energiewende wird weltweit viel beachtet. Doch Öko-Technologien sind immer noch nicht Zentrum einer gemeinsamen europäischen Industriepolitik. Und die Umstellung auf erneuerbare Energien wird durch das Festhalten an einer überkommenen nuklear-fossilen Kraftwerksstruktur gehemmt. Der Erfolg der Energiewende hängt auch davon ab, dass sie europäisch gedacht und verankert wird. Dazu muss die deutsch-französische Zusammenarbeit als historischer Motor der europäischen Integration wieder die treibende Kraft sein. Mit dem 50. Jahrestag des Élysée-Vertrags und der damit verbundenen reichen Erfahrung sollte die Gelegenheit genutzt werden, eine bilaterale und im weiteren Sinne europäische Initiative rund um die Energiewende auf die deutsch-französische Agenda zu setzen.

Der EU-Kommissar bedient die Interessen der fossilen Kraftwerke

Es gibt viele Unterschiede, doch beide Staaten haben ähnliche Herausforderungen zu meistern. Der Umbau der Energieversorgung erfordert große Investitionen, um weg von Öl, Kohle und großen Mengen Atomstrom zu kommen. Die erforderliche energetische Sanierung des Gebäudebestands oder der Automobilsektor hinken auf beiden Seiten des Rheins den Anforderungen hinterher.

Niemand hat bisher ein Patentrezept dafür gefunden, wie der Strommarkt mit den fluktuierenden erneuerbaren Energien funktionieren kann. Aber wenn der zuständige Kommissar lediglich gegen Windmühlen reitet und im Kern die Interessen der alten Energiekonzerne bedient, müssen die wichtigen Fragen von anderen angegangen werden. So sollte zum Beispiel die seit 2007 bestehende Kooperation auf den Energiemärkten von Deutschland, Frankreich, Österreich und den Benelux-Staaten Ausgangspunkt eines regionalen Kapazitätsmarktes sein, welcher die notwendigen Flexibilitäten – z.B. neue Gaskraftwerke oder Speicher – beschafft. Hierzu müsste eine gemeinsame Arbeitsgruppe die Regulierer an einen Tisch bringen.