ZEIT ONLINE: Herr Bernschneider, sind Sie froh, die Rolle als jüngster Bundestagsabgeordneter bald loszuwerden?

Florian Bernschneider: Ich hoffe doch, dass ich im nächsten Bundestag nicht der Jüngste mit 26 Jahren bin. So häufig werde ich heute aber auch gar nicht mehr auf diese Rolle angesprochen. Zum Glück: Ich bin ja nicht hier, um nur über mein Alter zu reden. Zu Beginn war das aber anders. Ich kam hier her und wollte die Welt verändern, aber die Journalisten wollten vor allem wissen, was meine Mutter oder Freundin darüber denken, dass ich im Bundestag sitze.

ZEIT ONLINE: Wie lange mussten Sie sich an den Gedanken gewöhnen, Bundestagsabgeordneter zu sein?

Bernschneider: Man realisiert das stückchenweise – aber ein drei viertel Jahr hat es bestimmt gedauert. Aber auch meinen älteren Kollegen, die zum ersten Mal gewählt wurden, ging es meiner Beobachtung nach ähnlich. Jemand hat mir mal gesagt: "So richtig interessant für Ihren Wahlkreis sind Sie erst nach drei, vier Jahren, wenn Sie wissen, wie das Spiel in Berlin läuft." Da ist was dran.

ZEIT ONLINE: Woran orientiert man sich als neuer Abgeordneter bei schwierigen Entscheidungen? Die vielen Euro-Rettungspakete, der Ausstieg aus der Kernkraft, Krach in der Koalition – damit konnten Sie 2009 noch nicht rechnen.

Bernschneider: In der FDP haben wir ein Patenmodell mit erfahrenen Mitgliedern, die bei den ersten Schritten helfen. Bei mir war das Patrick Döring. Ich frage die Kollegen nach ihren Einschätzungen und in den Anhörungen gibt es unheimlich viel Rat von Experten. Aber auch die alten Hasen im Parlament sagen, dass diese Legislaturperiode von den Themen besonders anspruchsvoll ist.

ZEIT ONLINE: Wie viel Zeit kann sich ein Bundestagsmitglied nehmen, um sich vor einer Abstimmung zum Euro-Rettungsschirm ins Thema einzulesen?

Bernschneider: Eigentlich zu wenig, das muss man zugegeben. Und man muss Prioritäten setzen, was wirklich wichtig ist. Es gibt Gesetze, über die ich abgestimmt habe, ohne sie gelesen zu haben. Ich sage das offen, weil man den Bürgern sonst einen falschen Eindruck vermittelt. Man kann nicht jedes Gesetz und jeden Antrag lesen, über den wir abstimmen. Wie in jedem Betrieb gibt es eine Arbeitsteilung.

ZEIT ONLINE: Der Euro-Rettungsschirm ist aber sicher von größerer Bedeutung?

Bernschneider: Richtig, das ist so weitreichend, dass ich mich natürlich selbst reinackern musste. Da kam mir mein BWL-Studium entgegen. In vielen kleineren Gesetzgebungsverfahren verlässt man sich aber auch einfach auf seine zuständigen Fachkollegen.

"Sowohl Philipp Rösler als auch Rainer Brüderle"

ZEIT ONLINE: Im Bundestag haben Sie bei namentlichen Abstimmungen bislang immer auf Parteilinie gestimmt.

Bernschneider: Das kann sein. Und bevor Sie fragen; es gab auch Abstimmungen, bei denen ich gegen meine eigentliche Haltung gestimmt habe. Die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften in der Einkommensteuer gehört sicher dazu. Es ist traurig, dass wohl erst das Verfassungsgericht die Union hier zur Vernunft bringen wird. Aber das wird bald passieren und man muss sich fragen, ob man für ein paar Wochen oder Monate eine Koalition aufs Spiel setzt und damit auch übergeordnete Ziele wie einen ausgeglichenen Haushalt. Ich hätte aber auch kein Problem, bei einer Gewissensfrage gegen die Fraktionslinie zu stimmen.

ZEIT ONLINE: Sie sind auch Mitglied des Landesvorstands der FDP in Niedersachsen, die bei der Landtagswahl fast zehn Prozent der Stimmen erhalten hat. Das hat Ihren Parteichef Philipp Rösler zwar erst mal gerettet. Aber dennoch bleibt er umstritten.

Bernschneider: Wie jeder andere auch bei all jenen umstritten wäre, die meinen, dass ein Vorsitzender alleine reicht, damit die FDP in den Umfragewerten wieder über zehn Prozent schießt. Die FDP wird nur erfolgreich sein, wenn wir im Team auftreten. Dazu gehören sowohl Philipp Rösler als auch Rainer Brüderle und viele andere.

ZEIT ONLINE: Auch Brüderle steht in der Kritik, spätestens seit diese Woche ein sehr kritisches Porträt über ihn im Stern erschienen ist.

Bernschneider: Dieselbe Journalistin hat mich mal über eine Stunde zum Thema "Wie kommt die FDP wieder voran?" interviewt. Am Ende war davon nichts zu lesen, sondern ein Bericht mit dem Titel "jung, clever und bald arbeitslos". Der Leser bekam den Eindruck, wir würden hier alle nur noch darüber nachdenken, wo wir einen neuen Job finden. Das war an den Haaren herbeigezogen und so scheint es mir bei ihrer Geschichte über Brüderle jetzt auch wieder zu sein. Allein der Veröffentlichungstermin spricht Bände.

ZEIT ONLINE: Möglich wäre ja auch, dass Sie künftig deshalb nicht mehr jüngster Bundestagsabgeordneter sind, weil die FDP bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde verpasst.

Bernschneider: Das wird aber nicht passieren. Natürlich müssen wir uns anstrengen, um unsere Erfolge endlich deutlicher zu machen und erklären, wofür man eine liberale Partei braucht. Dass man dafür aber weit mehr als fünf Prozent der Wahlberechtigten begeistern kann, davon bin ich überzeugt.