FDP : "Ich wollte die Welt verändern"

Florian Bernschneider ist der jüngste Abgeordnete im Bundestag. Im Interview spricht der FDP-Politiker über die Herausforderungen in seiner ersten Legislaturperiode.

ZEIT ONLINE: Herr Bernschneider, sind Sie froh, die Rolle als jüngster Bundestagsabgeordneter bald loszuwerden?

Florian Bernschneider: Ich hoffe doch, dass ich im nächsten Bundestag nicht der Jüngste mit 26 Jahren bin. So häufig werde ich heute aber auch gar nicht mehr auf diese Rolle angesprochen. Zum Glück: Ich bin ja nicht hier, um nur über mein Alter zu reden. Zu Beginn war das aber anders. Ich kam hier her und wollte die Welt verändern, aber die Journalisten wollten vor allem wissen, was meine Mutter oder Freundin darüber denken, dass ich im Bundestag sitze.

ZEIT ONLINE: Wie lange mussten Sie sich an den Gedanken gewöhnen, Bundestagsabgeordneter zu sein?

Bernschneider: Man realisiert das stückchenweise – aber ein drei viertel Jahr hat es bestimmt gedauert. Aber auch meinen älteren Kollegen, die zum ersten Mal gewählt wurden, ging es meiner Beobachtung nach ähnlich. Jemand hat mir mal gesagt: "So richtig interessant für Ihren Wahlkreis sind Sie erst nach drei, vier Jahren, wenn Sie wissen, wie das Spiel in Berlin läuft." Da ist was dran.

Florian Bernschneider

geboren am 15. Dezember 1986, zog 2009 im Alter von 22 Jahren als jüngster Abgeordneter der aktuellen Legislaturperiode in den Bundestag ein. Der studierte Betriebswirt zählt zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten die Jugendpolitik und Freiwilligendienste.

ZEIT ONLINE: Woran orientiert man sich als neuer Abgeordneter bei schwierigen Entscheidungen? Die vielen Euro-Rettungspakete, der Ausstieg aus der Kernkraft, Krach in der Koalition – damit konnten Sie 2009 noch nicht rechnen.

Bernschneider: In der FDP haben wir ein Patenmodell mit erfahrenen Mitgliedern, die bei den ersten Schritten helfen. Bei mir war das Patrick Döring. Ich frage die Kollegen nach ihren Einschätzungen und in den Anhörungen gibt es unheimlich viel Rat von Experten. Aber auch die alten Hasen im Parlament sagen, dass diese Legislaturperiode von den Themen besonders anspruchsvoll ist.

ZEIT ONLINE: Wie viel Zeit kann sich ein Bundestagsmitglied nehmen, um sich vor einer Abstimmung zum Euro-Rettungsschirm ins Thema einzulesen?

Bernschneider: Eigentlich zu wenig, das muss man zugegeben. Und man muss Prioritäten setzen, was wirklich wichtig ist. Es gibt Gesetze, über die ich abgestimmt habe, ohne sie gelesen zu haben. Ich sage das offen, weil man den Bürgern sonst einen falschen Eindruck vermittelt. Man kann nicht jedes Gesetz und jeden Antrag lesen, über den wir abstimmen. Wie in jedem Betrieb gibt es eine Arbeitsteilung.

ZEIT ONLINE: Der Euro-Rettungsschirm ist aber sicher von größerer Bedeutung?

Bernschneider: Richtig, das ist so weitreichend, dass ich mich natürlich selbst reinackern musste. Da kam mir mein BWL-Studium entgegen. In vielen kleineren Gesetzgebungsverfahren verlässt man sich aber auch einfach auf seine zuständigen Fachkollegen.

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Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Ich bin mir ...

>> 2) Wie gerecht ist der Umgang mit der Presse? <<

... nicht sicher, wie Sie das meinen - Umgang der Presse mit den Politikern, oder umgekehrt? Wie auch immer, ich gebe mal meinen Senf zur Thematik "Verzahnung Presse - Medien" dazu:

In der FDP ist man aktuell auf Krawall gebürstet, weil die Presse sich auf Brüderle eingeschossen hat. Neulich, als eine Kampagne gegen Steinbrück gefahren wurde, fand man das in der FDP aber noch ganz ok. Dafür findet die SPD jetzt vermutlich ganz ok, was mit Brüderle passiert.

Gewonnen ist natürlich gar nichts, wenn abwechselnd die einen auf die anderen zeigen. Stattdessen muss ein parteiübergreifender Kodex für den Umgang zwischen Presse und Politik her (jaja, ich weiß - schönen Gruß aus dem Land der Illusionen).

Ein solcher Kodex hätte Brüderle jedenfalls geholfen - ohne informelle Kuschel-Treffen zwischen Journalisten und Politikern wäre er gar nicht erst in die Verlegenheit geraten, eine Stern-Redakteurin in Verlegenheit zu bringen ;-)

...Wo der Ziegenbock den Honig hat...

Eine gute (wenn denn ehrliche) ANtwort auf die Frage: "Wieviel Zeit..." wäre etwa gewesen: "Zu wenig, das habe ich auch schon angeprangert..." Stattessen kommt sein Statement, bei dem er nebenbei auch noch zugibt, dass er sich auch sonst kaum nen eigenen Kopf macht. "Honig ums Maul" ist gar nicht der Punkt. Der Mann ist inkompetent, gibt es öffentlich zu und wird von Ihnen sogar noch dafür beklatscht.
Tausende Bürger finanzieren diesem Spinner mit Steuergeldern seinen Job, der zum Großteil darin besteht, sich zu informieren und dann nach seinem Gewissen über Gesetze abzustimmen.

Die Bürger erwarten einen ehrlichen, kompetenten und standhaften Menschen und bekommen so einen aalglatten Hampelmann. Das gibt es doch nicht!