Im Wahlkampfendspurt ist selbst in einer so chronisch zerstrittenen Partei wie der FDP Zusammenrücken angesagt. So treten an diesem Mittwochabend im beschaulichem Northeim im Harz drei liberale Charaktere gemeinsam auf, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da ist der ewig sachliche und ziemlich entspannt wirkende Landeschef Stefan Birkner. Da ist der schon angeschlagener wirkende Bundesparteichef Philipp Rösler, der sich vorgenommen hat, mit Dutzenden von Auftritten in seinem Heimatland um seine ungewisse Zukunft zu kämpfen. Und da ist Wolfgang Kubicki, der ewig gut gelaunte und süffisante schleswig-holsteinische Fraktionsvorsitzende.

Eben jener Kubicki, der zuletzt vor allem mit Spitzen gegen Rösler auf sich aufmerksam gemacht hat. Kurzerhand hatte er im August die Landtagswahl in Niedersachsen zur Schicksalswahl für den glücklosen Parteichef ausgerufen. Solle in Röslers Heimatverband der Wiedereinzug in den Landtag verpasst werden und es schlecht für die Bundestagswahl aussehen, sagte Kubicki, werde er den "geborenen neuen Bundesvorsitzenden" Christian Lindner um eine Rückkehr auf das Berliner Parkett bitten. Vor einigen Wochen wurde vom Kieler Fraktionschef dieser nette Satz überliefert: Natürlich sei Philipp Rösler sein Vorsitzender – bis zum nächsten Parteitag. Und der ist für Mai anvisiert.

Die Leuten lieben Kubicki

Dennoch hat es Kubicki vier Tage vor der für die Liberalen so wichtigen Landtagswahl nach Südniedersachsen gezogen. Der Landesverband hat ihn eingeladen, die eigenen Anhänger mit einer Rede zu mobilisieren. Die Leute liebten Kubicki gerade wegen seiner Schnoddrigkeit, sagt Kandidat Birkner, dem jeder Impuls für die FDP recht kommt. Zwar prophezeien nahezu alle letzten Umfragen, dass die Liberalen am Sonntag die Fünf-Prozent-Hürde schaffen können. Aber die Anhänger müssen auch zur Wahlurne gehen.

Doch welches Motiv treibt Kubicki an diesem Winterabend aufs verschneite Land in Röslers Heimat Niedersachsen? Eine komische Frage, findet der Angesprochene und beteuert gegenüber ZEIT ONLINE, seine Unterstützung für die Wahlkämpfer stehe doch außer Frage: "Ich bin gebürtiger Niedersachse, in Braunschweig aufgewachsen. Die Parteifreunde haben es nicht verdient, für Dinge, die in Berlin falsch laufen, abgestraft zu werden."

Die Liberalen johlen


Tatsächlich ist es Kubickis leichteste Übung, den gut gefüllten Saal nach einer sachlichen Wahlkampfrede Birkners, die sich viel um Schuldenabbau, Wirtschaftswachstum und solide Politik dreht, zum Kichern zu bringen: "Lieber Philipp". Pause. "Mein Bundesvorsitzender." Pause. "Liebe Andersdenkende", eröffnet Kubicki seine Rede. Dann erzählt er, warum er zu Niedersachsen so einen guten Bezug habe. "Ich habe 18 Jahre meines Lebens in Braunschweig verbracht, bin der Liebe wegen nach Kiel gegangen, um dann eine Hildesheimerin zu heiraten." Die Liberalen johlen.

Kubicki garniert seinen Auftritt außerdem mit einigen besonders schönen vermeintlichen Schreckensbeispielen aus dem neuerdings von SPD und Grünen sowie dem Südschleswigschen Wählerverband regierten Kiel. Weil die Regierung kein Geld in den Straßenbau investieren wolle, seien vielerorts die Straßen mit Schlaglöchern übersät: "Es sieht jetzt aus wie damals in der DDR, als diese beschloss der BRD beizutreten." Am Sonntag gelte es daher, wenigstens in Niedersachsen Rot-Grün zu verhindern, sagt der Wahlkämpfer aus dem hohen Norden und wagt sogar eine Prognose: "Ich bin sicher, dass die FDP hier sechs Prozent und mehr bekommt."

Das freut die Niedersachsen, dürften sie doch in guter Erinnerung haben, dass Kubickis letzte vollmundige Ankündigung ebenfalls aufging – beinahe jedenfalls. Mindestens neun Prozent hat er sich selbst im Schleswig-Holstein-Wahlkampf vorausgesagt, am Ende wurden es immerhin 8,2 Prozent.

FDP kann den Einzug in den Landtag schaffen

Auch so sind die Wahlkämpfer kurz vor der Entscheidung recht entspannt. "Die Dynamik nach oben ist da", sagt Spitzenkandidat Birkner. Er verweist auf die gestiegenen Umfragewerte und geht wie die meisten Liberalen  davon aus, dass die FDP den Einzug in den Landtag schaffen wird. Zu verdanken haben sie dies einer indirekten Leihstimmenkampagne: Obwohl die CDU es ablehnt, allzu offensiv für die Liberalen zu werben, ist inzwischen wohl jedem Wähler im Land klar, dass der beliebte David McAllister nur Ministerpräsident bleiben kann, wenn er einen Koalitionspartner hat. "CDU-FDP statt rot/grün. Zweitstimme FDP", so wirbt in Northeim der örtliche Landtagskandidat auf Flyern um Zustimmung für seine Partei. Die Wahl in Niedersachsen ist zum Lagerwahlkampf geworden. Eine Fortsetzung der schwarz-gelben Regierungskoalition ist wieder denkbar.

Ob die Niedersachsenwahl dem Bundesparteichef sein Amt retten kann, das wiederum ist offen. Philipp Rösler, der an diesem Abend als letzter seine Rede hält, bekommt von den Northeimern zwar warmen Applaus. Stehende Ovationen, über die Rösler in einem Interview über seine Wahlkampfauftritte in der Heimat berichtete, gibt es nicht. Rösler wirkt müde, verhaspelt sich mehrmals. Es fällt schwer, in ihm noch den Hoffnungsträger von 2008 wiederzuerkennen, als er die Niedersachsen-FDP als Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf anführte – und 8,2 Prozent der Stimmen holte.

Kubicki jedenfalls hat mit Rösler längst abgeschlossen, wie er auf Nachfrage sehr freimütig zugibt. Seine Kritik an der Ausstrahlung des Bundesvorsitzenden sei durch seinen kleinen Wahlkampfauftritt in Northeim nicht passé, sagt er ZEIT ONLINE: "Nach der Landtagswahl werden wir Liberalen über die beste Aufstellung für die Bundestagswahl sprechen."