FDP-DreikönigstreffenDie Quasi-Abschiedsrede von Philipp Rösler

Er will Parteichef bleiben, sagt Philipp Rösler. Aber er setzt keine neuen Akzente, gelobt keine Besserung. Vielleicht ist es doch eine Art Abschiedsrede. von 

Philipp Rösler wirkt an diesem Sonntagmorgen schmaler und ernster als sonst. Im schicken, hellgrauen Maßanzug sitzt er auf der Bühne der Staatsoper Stuttgart, aufrecht, die Wirbelsäule durchgedrückt, die Augen wandern suchend durch den Raum. Seinen Vorrednern klatscht der Parteivorsitzende mit großen Gesten zu, er holt die Arme weit aus und lässt dann die Hände kräftig aufeinanderfallen. Gleich ist er dran. Vielleicht ist es seine letzte große Rede als Parteivorsitzender.

Wie hält ein Mensch das aus? Die ganze beißende, vernichtende Kritik? Die Häme? Seit Monaten wird die Führungsfähigkeit des "netten Herrn Röslers" infrage gestellt – auch und vor allem von Weggefährten aus der Partei. Zuletzt forderten sie einen vorgezogenen Parteitag, mit der Abwahl Röslers soll angesichts der schlechten Umfragewerte nicht erst bis Mai gewartet werden. Dirk Niebel, Volker Wissing, das FDP-Urgestein Wolfgang Gerhardt, sie sagen es inzwischen offen in die Kameras. Sie kaschieren nicht mal mehr in der Öffentlichkeit, wie wenig sie von ihm, Rösler, halten.

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Dafür ist das traditionelle Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart ein willkommener Anlass. Es ist das öffentliche Krisenbarometer für die dauerkriselnde Partei. Alle Augen können sich weiden an den Konkurrenten, die da auf der Bühne trotz allem Geschlossenheit vorgaukeln: Rösler, der Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle, der sich entspannt neben dem Parteivorsitzenden in seinem Stuhl lümmelt. Und Dirk Niebel, etwas weiter rechts, der gequält guckt und demonstrativ nicht klatscht, als Baden-Württembergs Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke die FDP darum bittet, Personalquerelen doch bitte hinter verschlossenen Türen auszutragen.

Nach Rülke darf – als erster der drei Konkurrenz-Könige – Niebel ans Sprechpult. Als Spitzenkandidat der FDP Baden-Württemberg für die Bundestagswahl hat er lokales Vorredner-Recht. Mit der Landespolitik aber befasst sich der Entwicklungshilfeminister erst gar nicht. Er wiederholt lieber seine Kritik der vergangenen Tage am Zustand der Bundespartei und damit an den Erfolgen seines Parteivorsitzenden, und er wird emotional: "Es zerreißt mich innerlich, wenn ich den Zustand meiner, unserer FDP sehe."

Noch vor der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar müsste eine Entscheidung über die Aufstellung für die Bundeswahl her. Er wisse, dass er mit seiner Kritik ein "hohes politisches Risiko" eingehe, sagt Niebel, der von vielen Parteifunktionären scharf für sein loses Mundwerk gegeißelt wurde. Doch das Publikum klatscht ihm sehr laut und sehr auffordernd zu. Im Präsidium, das auf der Bühne sitzt, hebt keiner die Hand.

Auch Rainer Brüderle wird von den Zuschauern gefeiert. Er dreht voll auf in seiner Rede und tut das, was er immer tut: frotzelt, donnert, verhaspelt sich, bemüht Wortneuschöpfungen, um die Opposition zu beschimpfen. Brüderle kann Wahlkampf, er beweist es in Stuttgart abermals. Seiner Partei will er im Moment vor allem Selbstbewusstsein einimpfen. "Eine gebeugte Haltung ist schlecht. Wer sich klein macht, wird klein gemacht", schreit Brüderle. Applaus.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich mit dem Inhalt des Artikels auseinander. Die Redaktion/mak

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    • msiek
    • 06. Januar 2013 21:23 Uhr

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

    • TomFynn
    • 06. Januar 2013 17:29 Uhr

    Es steht zu hoffen...

    Sollte sich der Rest der FDP auch verabschieden, wäre das sicher kein Grund zur Traurigkeit...

    27 Leserempfehlungen
  2. an die Geschlossenheit der FDP glauben sollte, angesichts der Personalquerelen, ist mir ein Rätsel.
    Desgleichen ist mir ein Rätsel, wieso die FDP selbst ihre Leute immer schneller verschleißt und alles nur noch von Personalfragen abhängig macht - anstatt sich die Inhalte ihrer Politik anzuschauen.
    Kein Rätsel ist mir natürlich die Motivation der einzelnen Leute - sollte es die FDP tatsächlich schaffen, an der nächsten Regierung beteiligt zu sein (notfalls mit CDU-Stimmen), so hofft wohl jeder der Beteiligten, von den wenigen Ministerposten, die dann noch übrig bleiben, einen abzubekommen - und möchte sich dafür schon einmal profilieren, notfalls eben mit viel Geschrei und wenig Wolle.

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  3. nach Röslers Abgang wird Brüderle übernehmen und endlich wieder die FDP aus dem Tal der Tränen führen.

    Die Zeit der Leisetreter ist abgelaufen und Brüderle wird es schaffen, mit klarer und unmissverständlicher Rhetorik die Anhänger zu mobilisieren.

    Dann bekommt die FDP auch wieder ein paar Prozentpunkte mehr als die Grünen.

    So wie bei der letzten BTW.

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    • AndreD
    • 06. Januar 2013 18:49 Uhr

    Wenn es in der Partei "die Linke" eine Meinungsverschiedenheit gibt, dann ist die Linke in den Medien "die unglaublich zerstrittene" Partei. Dass es Flügel in einer Partei gibt, die auch noch offen die Richtung diskutieren, ist ja scheinbar tatsächlich unerträglich. So einer Selbstzerfleischung zuzusehen, ist ja auch schlimm.

    Und bei der FDP?

    Da geht es um "Selbstbewusstsein einimpfen", "Konkurrenz-Könige" und um einen "Abschied". Die Stimmung ist ja auch gut: "Die FDP, sie klatscht und johlt und klatscht".

    Ist das kognitive Dissonanz?

    Davon gab es doch nun sattsam genug aus den vergangenen Jahren. Und was einem Marktschreier andrehen, ist auch bekannt. Es reicht.

    ....mit einer Rhetorikübung noch zu helfen wäre.

    Landesweit noch in Schleswig-Holstein oder in Nordwein-Restfalen mit geschickten Rhetorikern. Aber wo sonst?

    Und sonst ersetzt Rhetorik immer noch einen guten Redner der auch noch gute Politik ersetzt?

    Das Sagen hat - wer reden kann?

  4. Wir erinnern uns:Vor zwei Jahren demontierte die FDP ihren Vorsitzenden Westerwelle und meinte, damit seien die Probleme gelöst. Jetzt meinen sie offensichtlich, mit der FDP ginge es wieder aufwärts, wenn man das Gleiche mit Rösler tut. Ein Trugschluß. Die FDP hat fertig. Sie betreibt reine Lobbypolitik und hat dem Durchschnittsbürger in diesem Land überhaupt nichts anzubieten. Deshalb liegt sie in den letzten Zügen und wird sich eher früher als später von der politischen Bühne verabschieden. Es ist dabei völlig egal, wer der oder die Vorsitzende ist.

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  5. "Der Wikipedia-Eintrag über Christian Lindner wurde 2012 auffallend oft zum Positiven verändert. Die Spuren führen in den NRW-Landtag. Versucht jemand seinen Lebenslauf aufzuhübschen?"
    http://www.wiwo.de/politi...

    18 Leserempfehlungen
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    Ich beispielsweise setze einige Hoffnung auf Lindner.

    Haben sie auch ein paar realpolitsche Kritikpunkte an dem Mann?

    Eine Mini-Partei, die nur Interessen einer kleinen Gruppe in der bundesdeutschen Politik vertritt. Gegen den Wählerwillen von ca. 95% aller Wähler beanspruchen FDP-Politiker Einfluß auf Wirtschafts- und Finanzpolitik der stärksten Wirtschaftsmacht Europas.
    Anderen Parteien mit mehr Mitgliedern und mehr Wählerstimmen wird hingegen das Recht der Politikgestaltung abgesprochen.

    Man fragt sich, aus welchem Selbstverständnis heraus hier der Schwanz mit dem Hund wackeln will - und darf?
    Das soll Demokratie sein? ("Das Wort Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet " Volksherrschaft".")

    • bkkopp
    • 06. Januar 2013 17:44 Uhr

    Die Partei braucht wahrscheinlich einige Zeit zur programmatischen und personellen Regeneration, in der Opposition oder in der Quarantäne.

    Aber, wie Ulrich Greiner vor wenigen Tagen in der ZEIT geschrieben hat, wir sind in D, und in Europa, so weitgehend in einer 'Diktatur der Fürsorge', dass die Liberalen trotzdem immer wieder erfrischend wirken.

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    müßte es aud S.2 nicht "Kritik an der angeblichen Führungs UN Fähigkeit heißen? Dieser Kommentar kann auch gelöscht werden.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis, wir haben das korrigiert.

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