Fotograf Andreas Magdanz
Die Entzauberung des Mythos Stammheim
Kein anderer Stuttgarter Bezirk ist so bekannt wie Stammheim. Der Grund dafür ist die Justizvollzugsanstalt, in der die RAF-Anführer Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe einsaßen und Suizid begingen. Bevor der Trakt, in dem sie inhaftiert waren, abgerissen wird, fotografierte ihn Andreas Magdanz. Sein Ziel ist es, ein nüchternes Bild der "historisch überladenen Stätte des RAF-Mythos" zu zeichnen. Die Ausstellung ist bis zum 17. März im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen, der Katalog ist im Hatje Cantz Verlag erschienen.
- Datum 22.01.2013 - 13:46 Uhr
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Die Darstellung vermag nur den Eindruck der Tristesse eines Gefängnisses zu vermitteln. Das Entscheidende von damals ist eine Gruppe von Teroristen, die den Staat als die Inkarnation des Bösen betrachten (wie Reagon und G.W.Bush das mit anderen Staaten gemahct haben) und ein Staat, der unvorbereitet in diese Situation hinein gerät und dann überreagiert. Mit Gesetzen, die die Verteidigung vieler Beschuldigter, die nichts mit dem Terrorismus zu tun hatten, erheblich erschwert haben.
In den Bildern fehlen die Menschen. Es sind die Menschen die töten, beaufsichtigen, bewachen, isoliert sind, bewacht werden, jeweils aufgrund ihrer eigenen Glaubenssätze Ziele anstreben mit Mitteln, die für viele andere unverständlich sind.
Andreas Magdanz hat sich auf das Fotografieren historischer Stätten der ehemaligen West-BRD spezialisiert. Ergänzend möchte ich auch seine anderen Projekte empfehlen, insbesondere seine Studie pber den geheimen Regierungsbunker im Ahrtal "Dienststelle Marienthal".
Die Pläne zum Abbruch der JVA Stammheim haben den Fotografen Andreas Magdanz auf den Plan gerufen, diesen Ort des Strafens - der untrennbar mit der RAF und dem sog. "heißen Herbst" der Bundesrepublik Deutschland verbunden ist - in ein fotografisches Projekt umzusetzen und den Schauplatz des Ausgangspunktes zahlreicher Mythen nachhaltig zu dokumentieren.
Der Künstler Andreas Magdanz hat sich dem Projekt über mehrere Monate gewidmet. Er hatte Zugang zu allen Räumlichkeiten und konnte so, ganz nahe am Geschehen, in seinen Bildern und Texten die einzigartige Atmosphäre einer berühmten JVA festhalten. Seine brillanten S/W-Aufnahmen überzeugen durch ihren dokumentarischen Charakter, die die Sterilität und weitgehende Abwesenheit von Attraktivität der Location hervorragend widergeben. Herausgekommen sind bisweilen beklemmende SW-Aufnahmen von Zellen, Fluren, Inventar und Luftbildaufnahmen der JVA Stammheim, wie sie in dieser künstlerischen und dokumentarischen Breite wohl noch nie der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Andreas Magdanz ist die künstlerische Umsetzung seines Projekts „Stammheim“ auch deswegen so überzeugend gelungen, weil er bei allen Aufnahmen geradezu obsessiv auf die Ablichtung von Menschen verzichtet; Bilder funktionaler Logik!
Der hervorragend ausgestattete Bildband wird durch kompetente Texte verschiedener Autoren komplettiert. Hierbei gelingt den Autoren eine kenntnisreiche Darstellung der historisch bedeutsamen Ereignisse um die RAF im Jahr 1977.
Dass mit diesen Bildern ein Psychogramm der deutschen Gesellschaft der 70'er Jahre eingefangen wird, möchte ich in Frage stellen. Ein solches Psychogramm wird gebildet durch die Berichte, Erinnerungen und Kommentare der Menschen zum Thema Terrorismus und durch deren vielfältige Wechselwirkungen. Zu diesem Psychogramm gehört ein Bild von Stammheim, das durch die Projektion all dieser Vorstellungen entstanden ist. Die Bezeichnung Mythos ist sicher geeignet für dieses Phänomen. Ein paar Bilder von Stammheim in der Tagesschau spielten sicher nur eine kleine Rolle bei seiner Entstehung. Der Mythos fand nicht in Stammheim statt, sondern in den Köpfen der Mediengesellschaft. Daher kann es auch nicht gelingen, ihn vor Ort aufzuspüren.
Der Bau selbst ist so beschaffen wie ein beliebiger Zweckbau der 70'er Jahre. Würde man mit ähnlichen Mitteln ein beliebiges Gefängnis fotografieren, so würden die Bilder ähnlich bedrückend oder banal wirken. Gewiss hat diese Art der Architektur bestimmte Auswirkungen auf die Menschen, jedoch ist dass keine spezifische Eigenschaft dieses prominenten Ortes.
Könnte es nicht sein, dass der Fotograf auf einen Mythos hereingefallen ist? Diese Frage zu stellen ist wichtig, weil uns die Antwort etwas darüber verraten könnte wie wir mit der Mythos Terrorismus funktioniert.....
das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) -
das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt,
das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen, wie Backobst z.B.
das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich, unter Strom, man würde ferngesteuert -
das Gefühl, die Assoziationen würden einem weggehackt -
das Gefühl, man pißte sich die Seele aus dem Leib, als wenn man das Wasser nicht halten kann -
das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Man kann nicht klären, ob man vor Fieber oder vor Kälte zittert -
man kann nicht klären, warum man zittert -
man friert.
Um in normaler Lautstärke zu sprechen, Anstrengungen, wie für lautes Sprechen, fast Brüllen -
das Gefühl, man verstummt -
man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten -
der Gebrauch von Zisch-Lauten - s, ß, tz, z, sch - ist absolut unerträglich -
Ulrike Meinhof -Aus der Zeit: 16.6.72 bis 9.2.73
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