Parteien : Warum die Grünen gerne Tugendwächter sind

Die Grünen wollten alles verbieten, was Spaß macht, ätzt die FDP. Ist da was dran? Und was sagt die kritisierte Partei dazu?

Sie wollen das Ponyreiten auf Jahrmärkten abschaffen, lassen Raucher in der Kälte frieren, möchten Autofahrer mit Tempo 30 quälen und Kinder von Süßigkeiten fernhalten. Sapperlot, was sind die Grünen doch für Spaßbremsen!

Vor allem die FDP schimpft gern über die vermeintliche "grüne Verbotskultur", die eine Gefahr für die Freiheit sei. Alles werde von diesen "Eiferern einer ideologischen Lebensstildiktatur" untersagt, referiert der Parteivorsitzende Philipp Rösler gern. Es ist inzwischen der einzig verbliebene Hit in liberalen (Wahlkampf-)Reden – wie sich unlängst auch beim Dreikönigstreffen der Partei wieder zeigte. "Ich bin alt genug zu entscheiden, ob ich Kotelett esse, Schokolade und Kartoffeln", rief dort Fraktionschef Rainer Brüderle den grölenden Anhängern zu. Die Grünen hingegen glaubten stets vorschreiben zu müssen, "was gut für die Menschen ist und was schlecht".

Wenn man für etwas Gutes ist, muss man auch gegen etwas Schlechtes sein.
Cem Özdemir

Hat sie recht, die FDP? Es gibt sie ja durchaus, die grüne "Dagegen-Partei": 2011 scheiterten die rot-grünen Regierungsgespräche in Berlin, weil die Grünen keinen weiteren Meter Stadtautobahn zulassen wollten. Und ganz aktuell macht Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seinem Wunsch nach einem Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen von sich reden. Ist es also wahr? Die Grünen, sind sie kontrollwütig, fixiert auf die Staatsgewalt?

Der Parteichef lacht über solche Vorwürfe. Cem Özdemir ist inzwischen geübt im Abwehren: "Wenn man für etwas Gutes ist, muss man auch gegen etwas Schlechtes sein", sagt er ZEIT ONLINE. Kaum verwunderlich: Auch Özdemir verfolgt seit einiger Zeit ein ganz persönliches Verbotsanliegen. Er will den massenhaften Gebrauch von Plastiktüten unterbinden. Spott und Häme bringen den Grünen-Chef nicht aus dem Konzept. Es sei schlichtweg falsch, dass Plastiktüten für Händler billiger zu erwerben seien, als Papiertüten: "Plastiktüten werden aus klimaschädlichem Rohöl hergestellt, im Schnitt 25 Minuten genutzt und dann weggeworfen", sagt Özdemir. Seine Partei hat der Vorsitzende hinter sich: 2011 sprachen sich die Grünen auf einem Parteitag dafür aus, sich bis zu einem Verbot zumindest für eine Plastiktüten-Abgabe einzusetzen.

"Der Staat hat eine Schutzverantwortung"

Rigoros sind die Grünen auch, wenn es ums Rauchen geht. Bald wird im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen ein besonders scharfes Rauchverbot für Restaurants und Gaststätten greifen. Beim Koalitionspartner SPD war bisweilen von "Gängelung" die Rede. Grünen-Landeschef Sven Lehmann sagt: "Wir Grüne stehen für Selbstbestimmung, aber wir finden schon, dass der Staat eine Lenkungswirkung und eine Schutzverantwortung hat." In der Gastronomie hätten die Angestellten ein Recht darauf, vor dem ungewollten Passivrauchen geschützt zu werden. "Die Freiheit des einen endet immer dort, wo die Freiheit des anderen angegriffen wird", sagt Lehmann.

Auch was Nahrungsmittel betrifft, können Grüne streng sein. Ihre Bundestagsfraktion strebt ein Verbot von Süßigkeiten-Werbung im Fernsehen an, zumindest für Sendungen, denen mehrheitlich Kinder unter 14 Jahren zuschauen.

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Kommentare

318 Kommentare Seite 1 von 28 Kommentieren

Ich sagte,

"wenn wir ehrlich sind" - und ich nehme mich da nicht aus. Natürlich hat die Bahn viele und immense Nachteile, aber wenn jeder immer erstmal neutral abwägen würde ob Bahn/Öffentliche oder Auto, sähe die Sache anders aus - höheres Fahrgastaufkommen -> ausgelastete/rentablere Züge -> billigere Tickets oder mehr Investitionen in bessere Technik

Aber was solls, ich fahre auch lieber mit dem Auto überall hin - logisch ist das aber nur bedingt.