US-KolumneMerkel und Bush – Genies oder Schurken?

Was trieb George W. Bush in den Irakkrieg, warum quält Angela Merkel die Griechen? Beide haben viel gemeinsam: Sie wollen in die Geschichtsbücher. von 

Angela Merkel und George W. Bush auf dem G-20-Gipfel in Washington im November 2008

Angela Merkel und George W. Bush auf dem G-20-Gipfel in Washington im November 2008  |  © Jim Young/Reuters

Die Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama am 20. Januar rückt näher. Und ab jetzt wird’s interessant. Zwar wird die Feier diesmal deutlich kleiner ausfallen als vor vier Jahren: ein Schwarzer im Weißen Haus, das lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Dennoch wird etwas Denkwürdiges mitschwingen, schließlich ist es die zweite Amtszeit. Und in dieser denkt ein Präsident nicht mehr daran, dass er wiedergewählt werden muss. Er überlegt, was er der Nachwelt hinterlassen will

Ja, Amerikaner tun so was. Ich kann ihn mir genau vorstellen, spät nachts, nach einem anstrengenden Tag, an dem er Mütter trösten musste, weil ein Wahnsinniger mit einem Sturmgewehr ihre Kinder getötet hat, und dennoch Zeit fand, den einen oder anderen Drohnenangriff zu befehlen. Er sitzt am Kamin in einem Ledersessel mit einem guten Bourbon in der Hand und überlegt sich: Wie werde ich in den Geschichtsbüchern dastehen? Was kann ich noch tun, um der Welt meinen Stempel aufzudrücken?

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Ein US-Präsident geht eben grundsätzlich davon aus, dass die Welt auch in hundert Jahren auf seine Taten schauen wird. Das wird auch offen in der Presse diskutiert: Der Präsident tut dies oder das, weil er auf die Geschichtsbücher linst – eine ganz gängige Erklärung.

Denken wir zum Beispiel an George W. Bush. Noch heute ist umstritten, warum er eigentlich in den Irak einmarschiert ist. Für das Öl? Nach wie vor beziehen die USA kein Öl von dort. Um seinen Vater zu rächen, weil Saddam Hussein ihn als Präsidenten tagtäglich an der Nase herumgeführt hat? Kann gut sein. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit: um die Welt zu ändern, wie es noch kein Präsident vor ihm geschafft hat.

Der Traum der Neocons

Seit Jahrzehnten versuchen die westlichen Mächte ja mit allen Tricks, Stabilität in den Nahen Osten zu bringen, bisher erfolglos. Aber was passierte, würde die arabische Welt nach und nach demokratisiert? Könnte es Stabilität in die Region bringen, wenn irgendwann aus den jetzigen diktaturähnlichen Königreichen freie Demokratien würden? Das war auf jedem Fall die Theorie vieler Neocons, die ja zu den Beratern von Bush zählten. Der Irak sollte neben Israel und der Türkei der dritte demokratische Staat im Nahen Osten werden und in die arabische Welt ausstrahlen – das könnte Bush im Sinn gehabt haben.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Es ist noch zu früh, um zu wissen, ob der Plan aufgeht. Einerseits steht der Irak acht Jahre nach der Ratifizierung seiner Verfassung an neunter Stelle auf der Fund for Peace-Liste von failed states. Andererseits zeigt der arabische Frühling, dass seit dem Irak-Krieg in der Region durchaus ein gewisser Wille zur Demokratie erwacht ist.

Erst in hundert Jahren werden wir also wissen, ob George W. Bush ein Schurke oder ein Genie ist.

Solche lächerlichen Fragen stellen sich deutsche Bundeskanzler natürlich nicht. Kann sein, dass sich einige von ihnen bewusst waren, dass sie Geschichte schrieben: Adenauer oder Brandt zum Beispiel. Aber im Allgemeinen sehe ich kein Bewusstsein dafür, dass sie der Weltgeschichte ihren Stempel aufdrücken.

Bis jetzt. Denn je länger die Griechenland-Krise anhält, desto deutlich wird, dass viel mehr auf dem Spiel steht als nur wirtschaftliche Fragen. Was Angela Merkel in dieser Lage tut, "Sparpolitik" zu nennen, wäre eine schamlose Untertreibung. 

Leserkommentare
  1. Feinde macht, sondern sich vor allem zuhause für das Grundgesetz einsetzt. Ich habe nicht das Gefühl,..das da Genialität im Spiel ist, sondern schlicht und ergreifend "Überforderung". Sie ist weder für europäischen Führung noch für Deutschland geeignet,.um das Land zu "einen" und zum gemeinsamen Erfolg zu führen.Sie kann Spaltung, viel mehr leider nicht.

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  2. sind beide sowieso verzeichnet. Statt nation building würde ich skrupellose Bevormundung bevorzugen. Es betrifft Menschen hier, heute und jetzt - das Urteil in hundert Jahren kann diesen Menschen egal sein. - Professoren und Studenten verlassen schon scharenweise ihr Land; wer kann, tut das auch aus anderen Berufen, wenn er denn einen Arbeitsplatz findet. Wer bleibt, zahlt die Zeche. Nur das zählt, und so stufe ich beide als Schurken ein. - Die schlimmsten Schurken jedoch sind die Griechen, die es sehenden Auges soweit haben kommen lassen. -

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    • xpol
    • 08. Januar 2013 19:58 Uhr

    ... wieder wird die "Sparpolitik" weit überbewertet, ist sie doch ganz einfach:

    Die EU sichert das Griechenland-Defizit ab, jedoch nicht vollständig und bis ans Ende aller Zeiten, sondern nur teilweise und vorübergehend.

    Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und man wird damit kaum in die Geschichte eingehen.

    2 Leserempfehlungen
    • ZPH
    • 08. Januar 2013 19:58 Uhr

    dann sind sie sie los. (Troika steht übrigens nicht für Merkel, Merkel und Merkel, aber das nur am Rande).

    Der Irak dagegen wär Bush dagegen nicht mit einem "nein" losgeworden, vermute ich.

    Aber was tut Obama eigentlich für die Griechen, was Merkel nicht tut? (Was der dt. Kanzler im Falle Irak nicht gemacht hat, was Bush gemacht hat ist relativ leicht zu beantworten). Wenn es Quälerei ist, den Griechen nicht das Geld zu schenken, das sie für ihren Staat brauchen, warum quält Obama die Griechen dann genauso? (Und eigentlich sogar alle Staats-Chefs dieser Welt). Gut, Obamas Land soll - so munkelt man - ja auch ein paar Schulden haben, aber auch D-Land kann ja auch nicht mal seinen eigenen Haushalt finanzieren. Keine Ausrede, Herr Obama! Außerdem, warum schickt Obama, so als überzeuger Keynesianer, nicht den Griechen nicht einfach eine von seinen 1 Billion Dollar Münzen? 1 Billion Dollar reichen dicke für für die nötige Nachfrage in Griechenland (und en passent den Immobilienmarkt in D-Land). Mit der Münze hat der griechische Staat dann, nach Abzug der Schulden (die EZB, ESM und E-sonstwas sagen danke) ein Vermögen von über einer halben Milliarde Euro und könnte sich solidarisch zeigen mit D-Land (hoch verschuldet), gerne gegen harte Sparauflagen! Muss D-Land ja nicht ja zu sagen. Und so eine Münze zu prägen ist doch wirklich eine echte Kleinigkeit.

    Und übrigens, wenn die Griechen ihre reichen Reeder besteuern würden, müsste das Land weniger sparen. Ich sags ja nur.

    4 Leserempfehlungen
  3. Ihre Kolumne schreiben Sie sicher mit hochgekrempelten Ärmeln, Mr. Hansen. Die Texte sind immer eindeutig. So wie Westmänner an der Frontier nach gutem amerikanischem Brauch zu reden pflegen. Oder wie die bibelfesten Mittelwestler sagen: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein!
    Die deutschen Autoren-Philosophen oder Philosophen-Autoren dagegen sind da anders. Sie wollen immer Tiefe vortäuschen. Auch wenn gar keine da ist. Sie stapfen tiefsinnig durch den Schnee und merken nicht einmal, wenn sie einen Schuh verlieren. Ihre Sätze sind immer sehr lang und meistens unverständlich. Ein Dichter und Denker verachtet kurze Sätze. Es könnte sie jemand kapieren. So ist es bei uns in Krähwinkel Brauch. Eure Rede sei jein, jein, heißt es hier.
    Heute aber geht Ihre Kolumne unentschieden, fast deutsch aus. Was ist los? Trauen Sie sich kein Urteil zu? In hundert Jahren erst wird ein Urteil gefällt werden können? Und das von einem Ami! Einigen wir uns doch jetzt schon - ganz undeutsch und knapp - auf eine Diagnose: Die beiden betrieben und betreiben Nation Destroying. Mal sehen, wie es in hundert Jahren heißt!

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  4. "dann sind wir gerne bereit die Griechen bei der Bekämpfung der Korruption zu bekämpfen" - und treffen damit (ungewollt?) den Nagel auf den Kopf, denn in Deutschland gibt es noch keine Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Bekämpfung der Korruption. -

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  5. Das wird zwar noch so oft behauptet, stimmt aber leider trotzdem nicht. Griechenland hat nach wie vor ein Primärdefizit (Defizit ohne Zins&Tilgung). Es gibt also auch ohne Zins und Tilgung mehr aus, als es einnimmt (2012 z.B. 1,2% des BSP http://www.faz.net/aktuel...).
    Und dreimal dürfen Sie raten wo dieses Geld herkommt...

    Es spart in Griechenland also niemand für die bösen Banken/Spekulanten/Deutschen, auch wenn dies in linken Kreisen noch so gerne geglaubt wird. Es wird lediglich gespart, um irgendwann einmal zumindest einen ausgeglichenen Primärhaushalt zu erreichen...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "die Griechen bekommen"
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    Funktioniert die Demokratie dennoch heute etwa so?

    http://www.youtube.com/wa...

    Grüße

  6. was sie als nation building bezeichnen empfinden andere als mord. man sollte also nicht 100 jahre warten um seine taten zu beurteilen,sondern ihn sofort vkr den gerichtshof in den haag bringen.seine verbrecherischen mitgesellen -cheney,rice usw.- koennen neben ihm sitzen.

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