Koalitionsverhandlungen Gorleben spaltet die Grünen in Niedersachsen

Gorleben bestimmt die niedersächsischen Koalitionsverhandlungen. Die SPD will es aus der Endlagersuche ausschließen, ausgerechnet die Grünen hadern damit.

Protest gegen Gorleben auf dem Grünen-Bundesparteitag 2011

Protest gegen Gorleben auf dem Grünen-Bundesparteitag 2011

Der ewige Streit um die Zukunft des Atomendlagers Gorleben wird auch die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Grünen in Niedersachsen bestimmen, die an diesem Freitag beginnen. Nicht nur Niedersachsen ist besonders betroffen: Der umstrittene Salzstock liegt dort, und die örtlichen Bürgerinitiativen wollen ihren politischen Repräsentanten bei den Verhandlungen streng auf die Finger gucken. Vor allem aber wird die neue, vermutlich rot-grüne Regierung bei den bundesweiten Verhandlungen über ein neues Endlagersuchgesetz künftig ein Wörtchen mitzureden haben. Rot-Grün muss sich in Hannover also auf eine gemeinsame Position einigen.

Bisher, und das ist bemerkenswert, sind die Dinge ein wenig verkehrt: Während die SPD unter Stephan Weil sich vehement dafür einsetzt, das Endlager bei einem neuen Suchverfahren von vornherein auszuschließen, sind ausgerechnet die niedersächsischen Grünen in der Frage kleinlaut geworden. Dabei war es doch der Protest gegen das Atomendlager im Wendland, aus dem die Partei in den achtziger Jahren maßgeblich hervorging. Die neue grüne Zögerlichkeit hat mit einem Beschluss der Bundespartei zu tun, gefällt nach 24-stündigen, harten Verhandlungen auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover im vergangenen November.

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Grüne Realpolitik

Damals einigten sich die Parteivorderen – und mit ihnen auch der niedersächsische Wahlkämpfer Stefan Wenzel – auf einen Kompromiss: Künftig werden sie bei den Verhandlungen für ein neues, deutschlandweites Endlagersuchverfahren akzeptieren, dass Gorleben nicht von vornherein ausgeschlossen wird. Es soll das Prinzip "weiße Landkarte" gelten, mit gleichen Suchkriterien für alle potenziellen Endlager. Die Kriterien, so die Grünen, sollten allerdings so streng formuliert werden, dass Gorleben auf jeden Fall aus dem Verfahren falle. Denn es sei inzwischen ja bereits wissenschaftlich mehrfach bewiesen worden, dass Gorleben als Standort für Atommüll ungeeignet ist, argumentieren sie.

Auf ihrem Parteitag verständigte sich die Anti-Atom-Partei damit auf eine realpolitische Position: Sie wollte die Tür für bundesweite Verhandlungen mit CDU und Bundes-SPD auflassen, die eine Extrawurst für Gorleben für unangemessen hielten. Und tatsächlich: Im Bund haben sich die gegnerischen Parteien in der Frage des Endlagersuchverfahrens angenähert, es gibt einen Arbeitsentwurf, der den grünen Vorstellungen entspricht. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und SPD-Chef Sigmar Gabriel halten das Papier für eine gute Grundlage für Verhandlungen über ein Gesetz.

Doch bevor es zu einer Einigung kommen kann – das betonte der SPD-Chef zu Beginn der Woche – müssen die niedersächsischen Koalitionsverhandlungen abgewartet werden. Alle Augen sind also darauf gerichtet, was Rot-Grün in Hannover beschließen wird.

Die SPD bleibt hart

Für Stephan Weil ist dies verzwickt, denn er will als einziger SPD-Spitzenpolitiker Gorleben definitiv aus dem Verfahren haben. So jedenfalls wiederholte er es mantrahaft im Wahlkampf. Im Wahlprogramm seiner Niedersachsen-SPD ist das Ganze etwas schwammiger formuliert: Dort plädieren die Sozialdemokraten für eine "ergebnisoffene und bundesweite Suche" und fordern lediglich einen "sofortigen Bau- und Erkundungsstopp in Gorleben". Weil, so ist zu hören, wolle in den Verhandlungen mit dem künftigen Wunschkoalitionspartner bei seiner strikteren Position bleiben, auch wenn diese einen Dissens mit Parteichef Gabriel darstelle und man nicht wisse, wie dann die bundesweiten Gespräche weitergehen könnten.

Bei den niedersächsischen Grünen wiederum finden es Teile des Landesverbands gar nicht witzig, dass ihre Partei plötzlich in der früher so identitätsstiftenden Gorleben-Frage so flexibel geworden ist – während Weil sich rühmen kann, vehement für die Interessen der Wendländer einzustehen. Vor allem im grünen Kreisverband Lüchow-Dannenberg ist man alarmiert, schließlich lebt man dort direkt neben dem Salzstock Gorleben, dort entsprang die Anti-Atom-Bewegung. "Es muss ein Endlagersuchverfahren geben, bei dem Gorleben von vornherein ausgeschlossen wird", sagt Sprecherin Maren Ramm ZEIT ONLINE. "Wir befürchten, dass sonst nach Hintertüren gesucht wird und es am Ende wieder auf Gorleben hinausläuft." Eine neue rot-grüne Regierung in Niedersachsen habe nun die einmalige Möglichkeit, sich gegen diesen Trend zu stellen.

Leser-Kommentare
  1. Die Linie "Gorleben von vornherein auszuschließen" zeugt von Unvernunft und Unverständnis.
    Ein Verfahren der Raumordnung muss nachvollziehbar und transparent für alle Beteiligten und Betroffenen sein. Dazu werden einheitliche Kriterien entwickelt, nach denen die Planer das Gebiet der gesamten Republik absuchen müssen. Zu diesen Kriterien gehören natürlich die geologischen Bedingungen, die vorhandene Besiedelung, die Erschließung, die Kosten und viele mehr.
    Sicher wird man keinen Platz finden, der von vornherein die aufgestellten Kriterien in idealer Weise erfüllt. Dann muss man sich eben den etwas weniger guten heraussuchen. Dazu sollte man aber die besten Fachleute hören.
    Wenn Gorleben von vornherein ausgeschlossen würde, wird das Suchverfahren nicht nur einen gravierenden Rechtsfehler aufweisen, es würde die ewige Diskussion an dem neuen Standort fortgesetzt (Warum ausgerechnet wir, warum nicht Gorleben?).
    Ich hoffe sehr, dass sich die Grünen in diesem Punkt mit ihrer Vernunft durchsetzen. Alles andere wäre ein Rückfall in die Zeiten der Hinterzimmerpolitik und die hat Gorleben bisher nur geschadet.
    Und wo ist das Risiko? Wenn der Standort Gorleben wirklich nicht geeignet ist, kann man doch dem transparenten Verfahren bedenkenlos vertrauen.

  2. 18. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au

    • Mika B
    • 01.02.2013 um 10:14 Uhr

    Bei den Grünen setzt sich auch die Erkenntniss durch besser ein Ende mit dem Schrecken Gorleben, als der Schrecken Endlagersuche ohne Ende.
    Noch kann man ein Endlager Gorleben dem politischen Gegner Zuschieben, bei einener erneuten Suche müssen auch die Grünen irgendwann Farbe Bekennen woran die Partei "zerbrechen" könnte, denn ein Endlager in BaWü, Bayern oder Sachsen ist politisch genauso schwer Durchsetzbar wie in Gorleben.
    Nur sollte der politische Gegner nicht zufrüh "Jubeln" denn auch der CDU oder SPD Wähler wird vor seiner Haustür kein Atommüll dulden.
    Daher ist das ganze Endlagersuchverfahren lediglich ein Spiel auf Zeit in dem weiter Mrd an Steuergelder "versenkt" werden und politischer Zündstoff vorprogrammiert ist.
    Zum Schluß wird es sicher kein Endlager in Deutschland geben, was bei diesen dicht besiedelten Land auch technischer Unfug wär und man eignet sich auf ein Europäisches Endlager.
    Die Grünen feiern dann sicher schon als Erfolg das der deutsche "Atommüll" weder nach Gorleben noch nach Russland oder China Exportiert wurde und der Stromkunde darf die ganze Party bis dahin Bezahlen.
    Der Bürger sollte daher schon heute dieses Verfahren Ablehnen und eine Europäische Endlagerlösung Fordern, es schont nicht nur die Umwelt sondern auch seinen Geldbeutel!

    3 Leser-Empfehlungen
  3. Egal, welcher Standort vielleicht als Alternative in den Fokus rückt, ob Stein, Ton, was auch immer. Zu jedem wird es wissenschaftliche Untersuchungen geben, die die Ungeeignetheit angeblich beweisen. So wird es laufen.
    Alle Parteien haben hier unglamourös gehandelt.
    Die Grünen aber sind hier die wirklich schlimmen.Denn die verhindern zu Lasten der Bevölkerung allein aus wahltaktischen Motiven jede weitere Klärung in der Sache verhindern. Die "Gutmenschen" sind letztendlich nur zu sich selbst gut. Schade, dass die Bevölkerung das noch immer nicht erkennt

    2 Leser-Empfehlungen
    • wauzi
    • 01.02.2013 um 10:26 Uhr

    wo haben sie es her?
    leider bildet es meine erfahrungen 1:1 ab.
    seit den parteiaustritten in den frühen 90ern haben sich die grünen zu einer partei gewandelt, die regen ablasshandel betreibt.
    auf der einen seite verbrauchen ihre wähler ungeniert ressourcen, auf der anderen seite erkaufen sie sich ihre errettung vor dem fegefeuer, sprich: "reines gewissen" mit dem kreuzchen bei den grünen.

  4. International gibt es eigentlich keine zwei Meinungen. Das für Wasser undurchlässige Tongestein (Opalinuston) im Jura mit hundert Millionen Jahre alten Versteinerungen, ist als Endlager auch für hochaktiven Müll geeignet.

    In Deutschland bieten sich daher diese Gesteinsformationen in Baden-Württemberg und Bayern als Standort für ein Endlager an.

    http://www.nagra.ch/g3.cm...

    Gorleben mit wasserlöslichem Salz ist dagegen kein optimaler Standort für ein deutsches Endlager.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Bisher hatte eher die SPD die Führungsrolle bei dem Zusammenfalten nicht disponierbarer Grundsätze. Da hat die lange Verweildauer der Grünen im parlamentarischen Demokratiezirkus offenbar eine ebenso schleichende wie unaufhaltsame Entwicklung in die Beliebigkeit in Gang gebracht, die den Weg in Bündnisse frei macht, die machtpolitisches Kalkül vor strategische Überlegungen stellt, die höhere Ziele einfach voraussetzen.
    So wird einer gerade in der heutigen Zeit unverzichtbaren Bewegung für nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Handeln in der parlamentarischen Welt der Boden entzogen.
    Damit wird nicht die Bewegung als solche geschwächt, denn sie kann ohne Weiterees ohne grüne Salonstrategen zurechtkommen. geschwächt wird das Image des deutschen Parlaments als glaubwürdige Repräsentanz demokratischer Mehrheiten im Volk und das kann den momentan noch oben schwimmenden "Führerpersönlichkeiten" zum Verhängnis werden.

  6. [zitat]weil unterlassene Hilfeleistung eben kein Pazifismus sondern ein Verbrechen ist.[\ZITAT]

    Was wäre denn an einer Nichtbeteiligung am Afghanistan- oder Irakfeldzug "unterlassene Hilfeleistung" gewesen?

    [zitat] Der Strom wird teurer aber nicht (nur) wegen der EEG-Umlage, sondern (auch) wegen des verzerrten Marktes. Tatsächlich wird/würde Strom noch viel teurer wenn immer mehr Importe (Uran/Gas/Kohle) und die Endlagerung des Atomabfälle bezahlt werden müssen. Hier hilft die Energiewende den Wind und Strom sind kostenlos![/zitat]

    Verzerrter Energiemarkt - gut und schön (oder besser: schlecht und hässlich), das ändert aber am Kritikpunkt nichts. Wobei er sich eher auf die Ökosteuer und andere Zusatzbesteuerungen beziehen sollte, die in ihrer Regierungszeit einen fadenscheinigen grünen Anstrich bekommen haben. Wind und Sonne sind nebenbei auch nicht kostenlos.

    [Zitat] Die Wähler scheinen das differenzierter zu sehen. In Nds. Linke/Piraten etc. raus Grüne mit bestem Ergebnis drin. Und Macht ist gut, den damit wird gestaltet! [\Zitat]

    Die Linke war seit 2008 zum ersten Mal im Nds. Landtag vertreten und hat sich offenbar nicht bewährt. Die Piraten standen zum ersten Mal auf dem Wahlzettel. Das gute abschneiden der Grünen könnte einfach mit der Zweitstimmencampagne für die FDP zusammenhängen

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "@1. Grüne Realpolitik"

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