ZEIT ONLINE: Herr Falter, lange schien ein Sieg von Rot-Grün in Niedersachsen absehbar. Jetzt wird es plötzlich spannend, die FDP legt zu, selbst die Neuauflage der schwarz-gelben Regierung scheint wieder möglich. Woran liegt’s?

Jürgen W. Falter: Dass die FDP in den Umfragen hinzugewinnt, überrascht mich nicht. Ich gehe davon aus, dass sie es wieder in den Landtag schafft. Im Moment sind die Liberalen heftiger Kritik ausgesetzt. Nicht jeder Wähler bekennt sich in einer solchen Situation freimütig zu dieser Partei, wenn ein Umfrageinstitut anruft. Doch jetzt geht es in den Endspurt, jetzt zählt jede Stimme. Für die Liberalen geht es um viel bei dieser Wahl. Sie werden alle Kräfte und Sympathisanten mobilisieren. Außerdem können sie auf eine niedrige Wahlbeteiligung hoffen, wie sie bei Landtagswahlen oft vorkommt. Wenn viele der noch Unentschlossenen am Wahltag zu Hause bleiben, dann sollte es die FDP locker ins Parlament schaffen.

ZEIT ONLINE: Die CDU von Ministerpräsident David McAllister ist im Moment stärkste Partei, aber ohne die Liberalen würde den Konservativen ein Koalitionspartner fehlen. Warum ziert sich McAllister so, eine offensive Zweitstimmenkampagne zugunsten der FDP zu fahren?

Falter: Weil er seine eigenen Anhänger dann öffentlich dazu auffordern würde, die CDU zu schwächen. Aber es reicht ja schon, wenn er Andeutungen macht, die Liberalen wohlwollend erwähnt, gemeinsam mit dem FDP-Spitzenkandidaten auftritt. Seine Wähler wissen sowieso, was sie zu tun haben. Einige CDU-Anhänger werden der FDP sicher aus taktischen Gründen ihre Zweistimme geben, weil sie Rot-Grün verhindern wollen.

ZEIT ONLINE: Wäre ein Ergebnis von knapp über fünf Prozent nicht das Schlimmste, was der zerstrittenen Bundes-FDP passieren kann?

Falter: In der Tat. Zögen die Liberalen nur ganz knapp in den Landtag ein, dann ginge das Hauen und Stechen um Parteichef Philipp Rösler weiter. Er selbst würde sich gestärkt fühlen, aber seinen Kritikern würde ein solches Ergebnis nicht reichen. Anders wäre es, wenn die FDP aus dem Landtag fliegt. Dann denke ich, wird Rösler nicht mehr lange Parteivorsitzender sein. Doch selbst ein Ergebnis von sieben oder acht Prozent der Stimmen würde die Diskussionen nicht beenden. Röslers Defizite bleiben ja weiter bestehen. Es mag unfair sein, aber seine zurückhaltende Art und sein junges Aussehen lassen ihn vielen als politisches Leichtgewicht erscheinen.

Ein SPD-Wahlverlust in Niedersachsen könnte Steinbrück angelastet werden

ZEIT ONLINE: Die Wahl in Niedersachsen wird immer wieder als kleine Bundestagswahl bezeichnet. Stimmt das?

Falter: Niedersachsen wird sicher nicht das Ergebnis der Bundestagswahl vorwegnehmen. Die Wählerstruktur dort ist eine ganz andere als bundesweit. Niedersachsen ist viel stärker ländlich geprägt, in Teilen sehr katholisch. Die CDU hat also historisch bedingt starke Hochburgen. Außerdem werden es Linke und Piraten in Niedersachsen wahrscheinlich nicht in den Landtag schaffen, während die Linkspartei im Bund mit großer Sicherheit wieder in den Bundestag einziehen wird. Das heißt, die Sitzverteilung wird eine andere sein. Hinzu kommt, dass es bei der Niedersachsen-Wahl gerade nicht nur um Bundesthemen gehen wird. Und schließlich gibt es immer auch unvorhersehbare Ereignisse, die in den kommenden Monaten alles noch drehen können. Denken Sie nur an die Elbeflut 2002, die Gerhard Schröder die Wiederwahl zum Bundeskanzler sicherte. 2013 könnten es unerwartete negative Entwicklungen der Eurokrise sein.

ZEIT ONLINE: Dennoch sind von der Niedersachsen-Wahl Auswirkungen auf die Bundespolitik zu erwarten?

Falter: Natürlich wird die Niedersachsen-Wahl Signale für den Bundeswahlkampf setzen. Wenn Rot-Grün in Hannover gewinnt, werden SPD und Grüne dies im Wahlkampf als Beginn des großen Wechsels 2013 propagieren. Umgekehrt: Bleibt Schwarz-Gelb an der Macht, wird dies als ein Signal gedeutet werden, dass auch diese Koalitionsoption im Bund noch nicht verloren ist. In der SPD könnte es in einem solchen Fall große Unruhe geben. Vielleicht würden einige einen Wahlverlust in Niedersachsen sogar dem bisher so glücklosen Spitzenkandidaten Peer Steinbrück anlasten.

ZEIT ONLINE: Stephan Weil, der SPD-Spitzenkandidat, ist im Land deutlich weniger bekannt als der joviale David McAllister, der einen fröhlichen Wahlkampf macht. Wie wichtig ist Persönlichkeit und Bekanntheit von Spitzenkandidaten bei Landtagswahlen?

Falter: Bekanntheit und Persönlichkeit können eine große Rolle in Wahlkämpfen spielen. Ministerpräsident Kurt Beck hier in Rheinland-Pfalz, war ja lange Jahre und ist immer noch ein ungeheuer beliebter Regierungschef. Es gab Wahlen, da hat er seiner Partei erwiesenermaßen einen Mehrwert von bis zu fünf Prozentpunkten gebracht. Einfach nur durch den Beck-muss-bleiben-Effekt.