Sapperlot, was ist denn da in Niedersachsen passiert? Fast zehn Prozent der Stimmen hat die FDP geholt. Das ist die Partei, die vor Kurzem noch darum zittern musste, es überhaupt in den Landtag zu schaffen. Die Partei, die vor allem mit Personalquerelen von sich reden machte. Hatte nicht am Freitag noch Bundesfraktionschef Rainer Brüderle auf offener Bühne den Parteivorsitzenden Philipp Rösler demontiert? Wem gibt ein solches Wahlergebnis also Recht: Dem Störenfried Brüderle oder dem Chef auf Abruf Rösler?

Keinem von beiden. Die FDP hat an diesem Sonntag nicht wegen Rösler oder Brüderle oder gar wegen ihres niedersächsischen Spitzenkandidaten Stefan Birkner so gut abgeschnitten. Sondern trotz ihnen. Der wahre Stimmenbeschaffer der Liberalen war Ministerpräsident David McAllister.

Selten hat eine Zweistimmenkampagne eine derartige Wirkung erzielt wie dieses Mal: Fast 70 Prozent der FDP-Wähler sagen, sie hätten die Partei mit einer Leihstimme bedacht. Mehr als 90 Prozent hätten nach eigenen Angaben auch die CDU wählen können.

Rösler kann sich dennoch freuen. An seinem Stuhl wird vorerst keiner mehr sägen, mit diesem Wahlergebnis gewinnt er ein Mindestmaß an Autorität zurück. Wenn er klug ist, wird er sich jetzt für die Bundestagswahl einen starken Spitzenkandidaten zur Seite stellen lassen, Brüderle zum Beispiel. Dann wäre er später nicht mehr allein Schuld, wenn es doch nicht klappt im Herbst.

Was aber nehmen die Liberalen jenseits der Führungsfrage von diesem Wahlabend mit? Nichts Gutes. Die FDP hat sich zu einer reinen Funktionspartei degradieren lassen. Inhalte zählten nicht, es ging nur um den Machterhalt. Die FDP existiere eigentlich gar nicht, lästerte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Er hat recht.

Auch in der Vergangenheit galt die FDP oft als purer Mehrheitsbeschaffer. Dieses Mal aber ist die liberale Entkernung vollkommen. Niemals zuvor wurden bei einer Partei so niedrige Kompetenzwerte auf allen Politikfeldern gemessen. Am Wahlabend mag das den Liberalen herzlich egal sein, längerfristig höhlt es diese orientierungslose Partei vollends aus.

Unkalkulierbares Risiko im Bund

Vor allem dann, wenn Schwarz-Gelb auf die Idee kommen sollte, zur Bundestagswahl im Herbst eine ähnliche Masche auszuprobieren. Doch es drohen gefährliche Nebenwirkungen.

Zum einen müsste die FDP einmal mehr die Rolle der inhaltsleeren Mehrheitsbeschafferin akzeptieren. Doch sogar unter den Liberalen gibt es noch politische Überzeugungstäter, denen das nicht schmecken dürfte. Gut möglich, dass das Verhalten der FDP dann noch erratischer und unkontrollierbarer würde als bisher schon. Ohne weiteres könnte das auch in eine neue Führungsdebatte münden.

Zum zweiten müsste die CDU mitmachen. Ein solches Abenteuer kostet die größere Partei aber gehörig Stimmen, wie Niedersachsen eindrucksvoll vorgeführt hat. Ganz abgesehen davon, dass es für Schwarz-Gelb am Ende doch nicht zur Regierungsmehrheit gereicht hat, dürfte der eine oder andere Christdemokrat ziemlich sauer sein, dass er womöglich wegen der vielen Leihstimmen für die FDP nicht in den Landtag einziehen darf. Im Bund könnte es dagegen noch größere Vorbehalte geben.

Es gibt aber noch einen dritten Grund, der gegen eine Leihstimmenkampagne im Bund spricht. Niedersachsen zeigt, wie knapp es werden kann, wenn vier Parteien ins Parlament einziehen. Im Bundestag werden aber mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Linken mindestens fünf Parteien vertreten sein. Dann wird das Risiko einer solchen Kampagne unkalkulierbar. Selbst wenn sie gelingt, könnte das bürgerliche Lager am Ende insgesamt zu wenige Stimmen gewinnen, um weiterregieren zu können. Warum sollte sich eine Kanzlerin mit derartig guten Beliebtheitswerten darauf einlassen?