Piraten-Bundesparteitag (im November in in Bochum) © Patrick Stollarz/AFP/Getty Images

Wie sehr die Krise die Piraten verändert hat, wie sehr die sinkenden Umfragen und nun die erste verlorene Wahl in Niedersachsen der Partei zu schaffen macht, ist vielleicht am besten daran zu erkennen, wie ihr Chef Bernd Schlömer mittlerweile so spricht – und wie er noch vor wenigen Monaten gesprochen hat. Als er im April 2012 sein Amt antrat, hieß es noch bei jedem Auftritt und vielen Themen: "Wir haben dazu keine Meinung", oder: "Wir wollen erst einmal die richtigen Fragen stellen." Er und der Bundesvorstand wollten nur ein wenig moderieren, was die allmächtige Basis so tut.

Damit ist jetzt Schluss. Am Wahlabend forderte Schlömer, man müsse nun endlich besser "Themen über Köpfe" transportieren. Tags darauf dann sagte er: "Durch die Piratenpartei muss ein Ruck gehen." Für Piraten-Verhältnisse kam das einer auf den Tisch gehauen Faust gleich, Schluss mit der Zurückhaltung. Vor wenigen Monaten wäre so ein Auftritt noch völlig undenkbar gewesen.

Das zeigt: Zumindest die Parteiführung hat erkannt, dass sie ein Problem hat. In Niedersachsen ist sie selbst in der alternativen Studentenstadt Göttingen oder in Hannovers Innenstadt nicht einmal in die Nähe von vier Prozent gekommen. Landesweit hat sie im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 sogar über 10.000 Stimmen verloren.

"Wie die, gegen die wir angetreten sind"

"Das macht mir schon zu schaffen", sagt auch der gescheiterte Spitzenkandidat Meinhart Ramaswamy. Er macht dafür vor allem den dominierenden Lagerwahlkampf Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb verantwortlich, aber auch, dass sie ihre "Unterschiede nicht stark genug konturiert haben, zu brav waren". Man müsse jetzt wieder visionärer, experimentierfreudiger werden.

Kaum einer, der ihm da nicht zustimmt. Der bayerische Landeschef Stefan Körner, der als nächstes in den Wahlkampf muss, gesteht außerdem: "Sich als zerstrittener Haufen zu präsentieren, ist sicherlich auch nicht hilfreich." Rücktritte und interne Konflikte hatten den Piraten zuletzt zu schaffen gemacht.

Besonders aufschlussreich ist der Blogpost des gut vernetzten Piraten Jan Leutert, der am Tag nach der Wahl bei Twitter die Runde machte und von vielen gelobt wurde. "Wir wurden wie die, gegen die wir angetreten sind, nur amateurhafter. Wir sind die Krabbelgruppe der Politik." Und weiter: "Genau hier brauchen wir einen Neustart. Wir müssen uns wieder auf uns selbst besinnen."

"Wir müssten mal. Wir sollten jetzt."

Wie auch bei den Aussagen Schlömers und eigentlich aller anderen Piraten, ist hier der beinahe flehende, appellative Duktus das entscheidende – ein ständiges: Wir müssten mal. Wir sollten jetzt. Wir brauchen nun. Es wird Zeit. So geht das eigentlich schon seit Wochen, wenn nicht Monaten.

Und dann? Passiert nichts. Zumindest nichts, was irgendein Gewicht entwickelt, was wirklich Eindruck hinterlässt bei denjenigen, um die es am Ende ja nur geht: die Wähler, die überzeugt werden wollen.

Wo der Schwarm versagt

Der Piraten-Schwarm ist gut darin, viele einzelne kreative Ideen zu produzieren. Das zeigen zum Beispiel die Wahlplakate der Piraten, die oft viel besser sind als die der anderen Parteien. Er versagt aber offensichtlich dann, wenn es darum geht, sich eine neue, nach vorne gerichtete und mutige Strategie zu geben, die mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner – und diese dann auch mit Leben und Aktion zu füllen. Es ist die Trägheit der Piraten-Masse, die der Partei jetzt zum Verhängnis werden könnte.

Selten neu oder bereichernd

In anderen Parteien würden in so einer Situation und nach solchen Appellen die verschiedenen formellen und informellen Gruppen aktiv werden. Sie würden gewagte Konzepte vorantreiben, die sie vielleicht schon länger in der Schublade liegen haben und für die die Partei in ihrer Schwächephase empfänglicher ist. Menschen mit Charisma und Selbstgewissheit würden nun ihre Chance wittern und bestenfalls ihre Partei mitziehen. Bei den Piraten aber waren genau solche Prozesse verpönt und wurden schnell öffentlich diskreditiert. 

Und wo sie es versuchen, bei Debatten mitzumischen, sind ihre Themen, Beitragsangebote und Positionen selten neu oder bereichernd. Dafür oft ein wenig zu spät, um über die Medien eine breite Öffentlichkeit zu finden.

Wenn auch der politische Geschäftsführer Johannes Ponnader nun "politische Megaphone" fordert, also Piraten, die mit einzelnen Themen auf die große Bühne treten, dann ist damit ja noch nichts gewonnen. Es müssten sich diese Themen und Personen zuerst noch finden, und dann müssten sie auch noch wirklich etwas zu sagen haben, was die Leute interessiert und überzeugt.

Allein die von ihnen halb belächelte, halb verachtete SPD hat zuletzt mit den Konzepten zu Bankenregulierung und Wohnungsmarkt Relevanteres und vor allem Konkreteres auf die Beine gestellt, als alles, was in dieser Zeit programmatisch von den Piraten gekommen ist.

Eingerichtet im Piraten-Mikrokosmos

Es gibt eigentlich keine bessere Zeit für Piraten, um Themen zu setzen und Politik zu machen. Die Öffentlichkeit hat sich an sie gewöhnt und wartet auf neue Angebote und Vorschläge. Sie haben ein Grundsatzprogramm. Sie müssen sich nur trauen. Stattdessen aber haben sie sich allzu viele von ihnen eingerichtet im Piraten-Mikrokosmos, in dem die Medien schuld sind am Niedergang und der Kleinkrieg mit dem Parteifreund so viel übersichtlicher ist als der unberechenbare Schritt auf die größere, politische Bühne.

Bernd Schlömer hat Recht. Die Piraten brauchen einen Ruck. Anfang Februar treffen sich die Piraten in Leipzig zu einem Strategietreffen. Die Piraten müssen sich dann an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Bisher aber scheinen sich noch zu viele genau in diesem Sumpf allzu wohl zu fühlen.