Der "nette Philipp Rösler" kann ein sehr kühler Stratege sein. Die wochenlange Häme vor der Niedersachsen-Wahl, die nicht enden wollende Kritik so genannter Parteifreunde, die indirekten und direkteren Rücktrittsforderungen – Rösler hat das alles mehr oder minder stoisch über sich ergehen lassen. Am Montag dann hat der 39-Jährige die Gunst des richtigen Augenblicks genutzt. Leise, wie es seine Art ist. Ein bisschen fies auch.

Er und niemand anderes war es, der bei den Sitzungen der FDP-Führung an diesem Montag den Ton angab und am Tag eins nach der Niedersachsen-Wahl die personellen Weichenstellungen für den Bundestagswahlkampf vornahm. Rösler, wer hätte das gedacht, ist der Mann der Stunde gewesen. Und eben nicht der Verlierer, zu dem ihn die allermeisten schon vorzeitig auserkoren hatten. Zu Hilfe kam dem bisher glücklosen Parteivorsitzenden das unglaubliche FDP-Wahlergebnis von fast zehn Prozent. Es nahm seinen Kritikern den Wind aus den Segeln und gab Rösler die nötige Handlungsmacht.

Rösler überrumpelt Brüderle

Am Ende der mehrstündigen Beratungen wurde dieses Personaltableau einstimmig (!) beschlossen: Rösler bleibt Parteivorsitzender, Wirtschaftsminister und Vizekanzler, der 67-jährige Fraktionschef Rainer Brüderle, bis Freitag noch als aussichtsreicher Nachfolger Röslers im Vorsitzendenamt gehandelt, darf das "Gesicht der FDP" im Wahlkampf sein, so die Sprachregelung der Partei für das, was bei anderen Parteien "Spitzenkandidat" heißt. Er soll den Ton angeben, die mitreißenden Reden halten und bei Wahlkampfsendungen im Fernsehen auftreten.

Dass Brüderle im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen würde, schien angesichts der Entwicklungen der vergangenen Wochen ohnehin sicher. Machtpolitisch bemerkenswerter ist aber, dass Rösler Parteichef bleiben soll. Das hat er einem geschickten Schachzug zu verdanken: Der 39-Jährige hatte in den internen Beratungen des Parteipräsidiums auch seinen Parteivorsitz angeboten. Er wolle jetzt endlich Klarheit, soll Rösler gesagt haben. Wenn Brüderle Vorsitzender und Spitzenkandidat werden wolle, könne er dies tun. Doch Brüderle traute sich nicht.

Dem Vernehmen nach war Brüderle von Röslers Schachzug überrumpelt worden. Die beiden sollen noch am Sonntagabend unter vier Augen ein anderes Vorgehen verabredet haben: Rösler werde Brüderle in der Präsidiumssitzung den obersten Wahlkämpfer anbieten, aber nicht mehr. Doch der nette Herr Rösler hielt sich offenbar nicht an die Absprache. Er kalkulierte wohl damit, dass Brüderle nicht springen, nicht den Königsmörder nach einem Wahlerfolg geben würde. So war es. "Es war nicht meine Absicht, Parteivorsitzender zu werden", sagte der Bundestagsfraktionschef später vor Journalisten.

Nur Niebel wagt noch Kritik

Rösler hingegen kann sich nun darauf berufen, dass ihm die Parteiführung (wenn auch zum Teil nur zähneknirschend) einstimmig das Vertrauen ausgesprochen hat. Er wird sich auf einem vorgezogenen Parteitag im März erneut zur Wahl als Vorsitzender stellen. Der einzige Liberale, der diese Personallösung am Montag in den internen Sitzungen sehr deutlich hinterfragte, war Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, der sich auch in den vergangenen Wochen schon durch offene Rösler-Kritik hervorgetan hat. Sonst gab es nach Angaben von Teilnehmern allenfalls indirekte Kritik.

Ist damit nun alles gut bei der FDP? Natürlich nicht. Rösler hat zwar das Beste rausgeholt, was für ihn persönlich nach zwei Jahren weitestgehend erfolglosem Vorsitzenden-Dasein drin war. Er geht gestärkt in den Wahlparteitag in einigen Wochen. Dessen Ausgang ist aber offen, ebenso wie die Frage, ob es wirklich keinen Gegenkandidaten bei der Chef-Wahl geben wird. Bei den zerstrittenen Liberalen weiß man nie.