DirektkandidatinAtempause für Schavan in Eggingen

Annette Schavan wird in ihrem CDU-Heimatwahlkreis Ulm erneut als Bundestagskandidatin nominiert – und gewährt für Momente Einblick in ihr Seelenleben. von 

Ein Aufsprung, gar ein Freundenschrei, wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Aber im Moment, da die Stimmen der anwesenden 307 wahlberechtigten Mitglieder des CDU-Kreisverbands Ulm/Alb-Donau ausgezählt sind, flutet ein Lachen Annette Schavans ganzes Gesicht. Sie ist zum dritten Mal die Bundestagskandidatin des Wahlkreises 291. Überzeugende 96 Prozent der Stimmen sind das erhoffte starke Bekenntnis ihrer Parteifreunde in stürmischer Zeit. Sie hört gar nicht auf zu lachen, nimmt Blumen entgegen, umarmt Gratulanten. So sieht Freude aus, wenn sie mit Erleichterung, mit dem Abfall einer großen Spannung gemischt ist. Die Ministerin kann sich mit ihrer Nominierung nicht von den Plagiatsvorwürfen befreien, aber ein wichtiger parteiinterner Vertrauenstest ist bestanden.

Schon vor der Veranstaltung steht Annette Schavan im violetten Hosenanzug am Eingang. An ihrer ausgestreckten Hand vorbei ist nicht leicht in die holzgetäfelte Mehrzweckhalle von Eggingen zu kommen. Sie lässt sich viel zusprechen und steht hier dennoch allein, ohne einen erkennbar aus ihrem familiären oder privaten Umfeld stammenden Menschen. So ist das eigentlich immer, wenn sie in ihrem Heimatwahlkreis unterwegs ist, dessen Bewohner Heimat oft mit so ganz anderen Attributen in Verbindung bringen als die Bundesministerin, die nicht gern in der Gastwirtschaft sitzt, auf Schultern schlägt oder ein Glas über den Durst trinkt. Sonst wirkte das immer eisern, zuweilen intellektuell entrückt, aber heute einfach nur ziemlich verloren.

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Annette Schavan wirkt verletzlich, und das macht sie vielen Mitgliedern in ihrem Heimatwahlkreis zugänglich wie noch nie. "Ich habe nicht abgeschrieben, und ich habe auch nicht getäuscht", versichert sie bei ihrer Bewerberrede. Sie dankt für die "überwältigende Unterstützung", gerade auch an diesem Abend. "Ich rede ja selten über meine Gefühle, dafür bin ich ja bekannt. Aber es bewegt mich ungemein." In der Egginger Halle brandet der Applaus auf.

"Sie hat dazugelernt, was ihre Präsenz angeht"

Es ist nicht nur neu enstandenes Mitgefühl, das Annette Schavan dieses Stimmenergebnis beschert. Der Landtagsabgeordnete Karl Traub, ein örtliches CDU-Urgestein, hat Ende vergangenen Jahres, als die Plagiatsvorwürfe noch ziemlich neu waren, schon erzählt, es habe sich längst alles gebessert mit der Intellektuellen aus dem Rheinland. Am Anfang, nach 2005, da habe sie oft nicht mal reagiert auf die Terminanfragen aus ihrem Wahlkreis, da sei es von Ulm aus schwer gewesen, überhaupt an ihrem Referenten in Berlin vorbeizukommen."Sie hat dazugelernt, was ihre Präsenz angeht", sagt auch die Ex-CDU-Sozialministerin und Landtagsabgeordnete Monika Stolz in Eggingen. Schavan mache eine gute Arbeit, das werde inzwischen von allen anerkannt.

Tatsächlich ist es auffällig, wie oft sich die Bundesministerin seit den vergangenen Monaten auf dem Ulmer Wochenmarkt sehen lässt, wie sie tapfer Zweckbauten auf der Schwäbischen Alb einweiht oder in Wirtshäusern den CDU-Ortsverbandsmitgliedern aus dem Kosmos Berlin berichtet. Daneben, auch das ist sichtbarer geworden, lenkt sie Geldströme in Richtung der Universätslandschaft mit ihren benachbarten Unternehmen und An-Instituten. Dass 2011 dort beispielsweise ein Helmholtz-Institut für die Entwicklung von Autobatterien eröffnete, das schreibt sich die Bundesforschungsministerin in ihrer Bewerbungsrede ausdrücklich gut. Auch diejenigen, die Schavan oft nicht verstehen oder sie rundheraus nicht mögen, wissen, dass der ostwürttembergische Wahlkreis wohl nie mehr eine Kanzlerinvertraute wird finden können, falls Schavan fällt. Dann ist der direkte Zugang zur Machtzentrale in Berlin womöglich auf alle Zeiten verschüttet.

2008, bei Schavans zweiter Nominierungswahl, hatte alles noch ganz anders ausgesehen. An den berechtigten akademischen Graden der Abgeordneten gab es damals keinerlei Zweifel, dafür waren, anders als diesmal, drei Gegenkandidaten in Ehingen aufgekreuzt, die Mandatsträgerin musste höher übers Stöckchen springen, als sie sich hat träumen lassen. Mit dem einmalig schlechten Ergebnis von 57 Prozent der Stimmen in diesem tiefschwarzen oberschwäbischen Wahlkreis hatte sie die Ehinger Stadthalle verlassen.

Einer der Mitbewerber war der Ulmer CDU-Altstadtrat Hans-Walther Roth gewesen, auch er ist nach Eggingen gekommen, ohne Absichten diesmal, aber mit alter Skepsis. "Es hätte sicher einige gegeben, die gerne kandidiert hätten", sagt er. Parteiintern sei aber im Vorfeld massiv Einfluss genommen worden, genau das zu verhindern. "Es hat geheißen, wir müssen diesmal geschlossen hinter ihr stehen."  Wie haltbar diese Solidarität ist, darauf willl Roth lieber nicht wetten. "In vier Wochen sieht das vielleicht schon wieder anders aus." Er sagt es wie einer, den der Parteiverband vielleicht bald noch mal brauchen könnte.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Annette Schavan | Kosmos | Berlin | Rheinland
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