PlagiatsvorwurfSchavan fürchtet um ihr Lebenswerk

Annette Schavan sieht sich als Vollblut-Wissenschaftlerin. In der Plagiatsaffäre spielt sie auf Zeit, denn es geht nicht nur um ihre politische Zukunft. von , und

Annette Schavan will kämpfen. Sie gehe davon aus, "dass die unbegründeten Plagiatsvorwürfe ausgeräumt werden", sagte die Bundesforschungsministerin am Mittwoch. Deutliche und selbstbewusste Worte sind das, nachdem die Universität Düsseldorf nur wenige Stunden zuvor ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktorgrades eingeleitet hatte.

In ihrer 1980 veröffentlichten Dissertation soll Schavan falsch zitiert haben, so der Vorwurf, der in der wissenschaftlichen Fachwelt allerdings hochumstritten ist. Die Beschuldigte weist die Vorwürfe vehement zurück und will notfalls gerichtlich gegen eine Aberkennung vorgehen. Für die 57-Jährige geht es um viel. Sollte sie des Plagiierens überführt werden, dürfte sie als Ministerin für Bildung und Forschung nicht zu halten sein. Der Doktorgrad ist Schavans einziger Studienabschluss.

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Annette Schavan ist seit fast acht Jahren Ministerin. Sie gilt als eine der wenigen Vertreterinnen des schwarz-gelben Kabinetts, die geräuschlos arbeitet. Schavan spielt eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der von der Kanzlerin ausgerufenen Bildungsrepublik. Kritik an ihrer Arbeit hört man selten, dabei kann sie kaum politische Erfolge vorweisen. Zwar wurde unter ihrer Ägide das Forschungsbudget für die gesamte Legislaturperiode um 12 Milliarden Euro erhöht. Dagegen kommt das Deutschlandstipendium, ihr Prestigeprojekt, nur schwer in Gang. Ähnlich ist es bei der Lockerung des Kooperationsverbotes von Bund und Ländern. Obwohl Schavan Studiengebühren für notwendig hält, schafften viele Länder sie ab. In der Forschungswelt wird Schavan jedoch respektiert, was auch erklären dürfte, warum so viele Professoren ihr in der Plagiatsdebatte beigesprungen sind. Prominentes Lob kommt von Kabinettskollegin Ursula von der Leyen (CDU): Schavan sei eine "sehr integere Kollegin mit ganz hoher Fachkompetenz".

Soll die Entscheidung hinausgezögert werden?

Doch es ist nicht nur die politische Karriere, die für Schavan auf dem Spiel steht. Es geht um ihr Lebenswerk. Sie gilt als Intellektuelle, als Vollblut-Wissenschaftlerin. Neben ihrem Ministeramt lehrt Schavan als Honorarprofessorin für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin, auch an diesem Mittwoch hielt sie wieder ein Seminar. Thema: "Religionsfreiheit. Eine neue Sicht des Konzils und die Rezeption in religiös pluralen Gesellschaften". Schavan selbst sagte der Süddeutschen Zeitung, die Plagiatsvorwürfe verletzten sie: "Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist."

Um ihre Ehre zu retten, hat Schavan ein weiteres Gutachten zu ihrem Fall eingefordert. Der kleine Koalitionspartner schließt sich ihrer Forderung nach einer neutralen Expertise an. Folgt die Universität Düsseldorf, könnte es vielleicht bis zur Bundestagswahl keine Entscheidung über Schavans Doktorarbeit geben. Einer, der mit dem Fall eng vertraut ist, kann sich das gut vorstellen. Sein Szenario lautet folgendermaßen: Die Uni könnte sich zunächst dazu hinreißen lassen, ein erziehungswissenschaftliches Fachgutachten erstellen zu lassen. Das würde Zeit in Anspruch nehmen. Je länger das Verfahren dauert, desto näher rückt der Herbst. Eine Entscheidung mitten im Wahlkampf wäre eher unwahrscheinlich. Nach der Wahl wiederum, so die Überlegung, werde Schavan ihr Amt so oder so abgeben. Entweder weil Rot-Grün regiert, oder weil Schwarz-Gelb/Schwarz-Rot den Posten zur Sicherheit lieber einem anderen Politiker überlässt. Dann wäre die Frage ihrer Doktorarbeit kein politischer Explosivstoff mehr – und das Problem ausgesessen.

Leserkommentare
  1. in der Bildungsrepublik.
    Die oberste Bildungspolitikerin verteidigt mit aller Kraft eine bestenfalls fragwürdige Leistung. Die Politkollegen springen ihr ohne Bezug zur Sache bei.
    Die Ministerin fordert ein externes Gutachten und wirft damit der Universität (einer Einrichtung in ihrem Zuständigkeitsbereich) schon mal vorsorglich Voreingenommenheit und Parteilichkeit vor.
    Der kleine Koalitionspartner unterstützt das, als wäre das Plagiat der Frau Schavan Koalitionsthema. Scheinbar meint diese FDP, noch eine Rechnung mit Plagiatsjägern offenzuhaben.

    Ein unwürdiges Narrenspiel ist das.

    4 Leserempfehlungen
  2. nach einem möglichen Nachfolger" ?
    Gerade für das Amt eines Forschungs- und Bildungsmisters sollte jetzt einmal die Auswahl nicht auf den dürftigen Pool der Parteimitglieder der CDU beschränkt bleiben.
    Dort sollte endlich einmal ein wirklich kompetenter Wissenschaftler/in aus dem Kreis der wirklichen Vollblutwissenschaftler ausgewählt werden, auch wenn er/sie nicht unbedingt Mitglied der CDU ist. Bildung ist unsere wichtigste Ressource und wird seit langem stiefmütterlich behandelt!

    3 Leserempfehlungen
    • sf2000
    • 24. Januar 2013 5:44 Uhr

    ... dann vielleicht doch unter Meinung ablegen. Als Information kann ich ihn nicht diskutieren.

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  3. Verraten Sie uns doch mal auf welcher Klitsche Sie traurigerweise studiert haben, dass Sie derartige Rundum-Verallgemeinerungen vom Stapel lassen können.
    - Allerdings - So ganz unrecht haben Sie nicht. Das was Sie beschreiben, gab und (gibt?) es auch.

    In NRW habe ich persönlich vor 30 Jahren jedenfalls derartige Erfahrungen nicht gemacht und vor allem - nicht machen WOLLEN!

    Den Doktorvater (Allgemeine Pädagogik) von Frau Schavan hätte ich mir zum Beispiel nicht gerade auserkoren ...

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    die sorgfältig mit den Quellen umgehen. Und so vielen mir etliche Schludrigkeiten im Zitierwesen bereits damals auf - von Adorno bis zu Gadamer und kleinere Geistesgrößen natürlich miteingerechnet. D. h.: Es handelt(e) sich um kein Wissenschaftsproblem einer spezifischen Uni, vielmehr um ein Zeitphänomen. Und deshalb plädiere ich dafür, diesen Sachverhalt bei der Beurteilung der Diss. von Frau Schavan zu berücksichtigen.

    • bhs
    • 24. Januar 2013 6:27 Uhr

    Frau Schavan hat NICHT gesagt: "Die Plagiatsvorwürfe sind unbegründet und werden ausgeräumt werden." sondern, sie sei überzeugt, "dass die UNBEGRÜNDETEN Plagiatsvorwürfe ausgeräumt werden." Dem wird niemand widersprechen können.

    Denn auch ein Herr Wulff hatte zu einem gegebenen Zeitpunkt "keinerlei Geschäftsbeziehungen zu Herrn Gehrkens" sondern ausshließlich zu dessen Ehefrau.

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    • ghoff
    • 24. Januar 2013 9:50 Uhr

    dass die Vorwürfe, die unbegründet sind, ausgeräumt werden sollen. Sie hat aber offen gelassen, was mit den begründeten Vorwürfen passieren soll.

    Diese werden sie den Titel kosten.

    In den Schuhen der Uni Düsseldorf möchte man derzeit wahrlich nicht stecken: Sie muss das Verfahren eröffnen, weil sonst ein Schrei durch die Wissenschaftswelt geht, der kaum je verhallen würde. Das kostet sie u. U. Forschungsgelder etc.
    Sie kann nun versuchen, das Verfahren in die Länge zu ziehen, um der Ministerin den Doktorgrad zu belassen, damit ihr (der Uni) die negativen Konsequenzen dieser Machtpolitkerin erspart bleiben. Sie kann ihr aber auf jeden Fall den Titel nicht belassen, wenn sie und die Wissenschaft künftig ernst genommen werden sollen.

    Wahrhaft ein Dilemma.

    Die Bildungsministerin hat dem Hochschulsystem eine üble Schlappe bereitet. Das müsste sie wissen und hätte sie wissen müssen. Sie kann also an guter Bildung und dem Ansehen der deutschen Bildung in der Welt nicht sonderlich interessiert sein. Ihr Motto: Selber essen macht dick? oder gar "L'état c'est moi?"

  4. Also hat Madam Pattex die Fehler so gar mit abgetippt, und das mit Schreibmaschine, das sagt wohl alles, Die wusste ganz genau was Sie tat.
    Naja die Opposition wird es freuen, je länger die an ihrem Sessel festklebt und die Wahlen näher rücken. Ich sage einen klaren Sieg für rot-grün voraus.
    Hat denn die CDU alle ihre Werte in die Tonne getreten seit Merkel? Ich sage nur Guttenberg, der 100.000 Markmann und jetzt die Frau Pattex, da ist nichts mehr mit bürgerlichen, konservativen Werten, die hat Merkel mit den Füßen entsorgt.

    5 Leserempfehlungen
  5. Frau Schavan steht seit 1995 für eine fragwürdige, weil total antiquierte und überholte Bildungspolitik, die in klarer Tradition der stiehlschen Regulative steht. Weder die Ergebnisse noch die Inhalte spechen für Frau Schavan.

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    Das fällt mir immer wieder der Fall Sauerland ein. Sauerland ist als ehem. Bürgermeister einer der Hauptakteuere bei dem Love-Parade-Desaster in Duisburg gewesen. Bis zu diesem Vorfall ein sehr beliebter Bürgermeister. Wäre er damals zurückgetreten, wäre dieses Bild wahrscheinlich auch in der Öffentlichkeit hängen geblieben und sein Lebenswerk hätte nur kleinere Kratzer bekommen.

    Er klebte aber auch kräftig an seinem Stuhl und versuchte von dieser Position aus auch massiv Einfluss auf die Ermittlungen und die öffentliche Meinung zu nehmen.
    Als Bürgermeister war er fortan äußerst unbeliebt und konnte kaum seinen (auch repräsentativen) Pflichten nachkommen. Die Bürger mussten ihn letztlich aus dem Rathaus tragen. Genau dieses Bild wird als Lebenswerk von Herrn Sauerland übrig bleiben. Eine Person, über die man sich schämen muss.

    Die Parallelen zu Frau Schavan sind frapierend. Selbst, wenn sie ihren Titel behalten kann, bleibt der schlechte Nachgeschmack.

  6. Meiner Meinung nach ist Frau Schavan als Bildungsministerin einfach nur noch eine Schande für Deutschland. Hätte sie nur einem Funken Anstand, hätte sie ihr Amt mangels Reputation schon längst zur Verfügung gestellt.

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