Debatte über ZuzüglerNächste Runde im Schwaben-Streit

Eine Lästerei zieht Kreise: Wolfgang Thierse verteidigt seine Schwabenschelte, allerlei Schwaben schimpfen zurück – unterstützt vom Entwicklungsminister.

Der Schlagabtausch zwischen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und zugezogenen Schwaben in Berlin wird härter. 

Erst teilte Thierse aus und lästerte über Zugezogene im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Dann konterten die Schwaben. Jetzt legt Thierse wieder nach: Die Aufregung über seine Äußerungen sei lächerlich, sagte er dem Tagesspiegel. Der SPD-Mann findet es überraschend, dass die "organisierte Schwabenschaft" sich über seine Bemerkung mokiere. "Berliner haben mehr Witz", sagte er.

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Der Bundestagsvizepräsident, der in den 1960er Jahren nach Berlin gezogen war, hatte sich in der Berliner Morgenpost über die zahlreichen Schwaben in seinem Heimatbezirk Prenzlauer Berg ausgelassen. "Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken", sagte er. "In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen."

Ebenso störe es ihn, wenn ihm in Geschäften "Pflaumendatschi" angeboten würden. "Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen", sagte er. Thierse hatte von den Zugezogenen ein grundsätzliches Umdenken gefordert: "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", sagte er. "Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause – das passt nicht zusammen."

Schwaben schimpfen zurück

Bei Schwaben kamen diese Äußerungen schlecht an. Viele von Thierses Kollegen aus dem Südwesten der Republik nutzten die Feiertage, um die Schwaben in Schutz zu nehmen. Grünen-Chef Cem Özdemir sagte in der Bild-Zeitung: Viele Schwaben kämen zum Arbeiten nach Berlin. "Die Berliner sollen uns Schwaben dankbar sein und nicht über uns lästern wie Herr Thierse."

EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) sagte: "Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein."

Auch die baden-württembergische ver.di-Chefin und SPD-Vize Leni Breymaier entgegnete ihrem Parteifreund Thierse: "Wir in Baden-Württemberg profitieren sehr von unseren Migranten. Auch beim Essen. Das tut den Berlinern auch gut."

Schließlich mischte sich auch Dirk Niebel (FDP) in den Streit ein. Der Entwicklungsminister und Wahl-Baden-Württemberger sagte: "Die Schwaben in Berlin passen zum modernen Deutschland weitaus besser als mancher pietistische Zickenbart". Der Pietismus ist eine protestantische Reformbewegung, die vor allem im Südwesten Deutschlands verbreitet war. Was Niebel dabei offenbar übersah: Thierse ist katholisch.

Diskussion über Verdrängung

Die Diskussion um Schwaben wird im Prenzlauer Berg und in anderen Stadtteilen Berlins schon länger geführt. Den Zugezogenen wird dabei oft die Schuld für den Wandel des Bezirks, zunehmende Spießigkeit und steigenden Mieten gegeben. Immer wieder gibt es Graffiti mit den Worten "Schwaben töten". Schlagzeilen löste ein Brandstifter aus, dem vorgeworfen worden war, aus "Schwaben-Hass" Kinderwagen angezündet zu haben. Vor Gericht bestritt er das Motiv. Thierse hob hervor, er persönlich habe nichts gegen Schwaben, doch seien schwäbische Zuwanderer zum Sinnbild für die Veränderungen am Prenzlauer Berg in den vergangenen 20 Jahren geworden. Im südlichen Teil des Viertels seien etwa 90 Prozent der jetzt dort lebenden Menschen seit 1990 zugezogen "und das heißt doch zugleich, da müssen andere verdrängt worden sein". Auch wenn gegen Veränderung nichts einzuwenden sei, gebe es eben auch eine "unfreundliche Rückseite". Dafür sei der Schwabe der Inbegriff geworden, denn "man erkennt ihn halt so schnell, wenn er den Mund aufmacht".

Der Sozialdemokrat  braucht nicht zu fürchten, dass sein Schwaben-Geläster Wähler abschrecken könnte: Der Bundestagsvizepräsident scheidet im Herbst nach 22 Jahren Abgeordnetentätigkeit aus dem Bundestag aus. Er stellt sich nicht wieder zur Wahl.

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Leserkommentare
  1. Bis auf die CSU.
    Vermutlich fordern Herr Dobrindt oder Herr Söder in Kürze die Ausweisung Thierses.

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    @ RogerGerhold

    Keine Sorge. Söder & Dobrindt schweigen nur, weil sie gerade von einer großen Koalition gegen die Schwaben träumen. Nicht ohne Grund will Ramsauer Stuttgart versenken....;)

    Man ersetze Schwaben durch Türken und Brötchen durch Döner. Herr Thierses rassistische Hetze ist unerträglich! Er soll nicht bis zur Bundestagswahl warten, sondern jetzt sofort zurücktreten!

    • Otto2
    • 02. Januar 2013 14:16 Uhr

    Die Schrullen und Lebensgewohnheiten der Zuwanderer schleifen sich ab oder werden ins Berlinerische aufgenommen. Die Mehrheit der Berliner ist sowieso nicht in Berlin geboren.
    Eine weltoffene Stadt wird weder durch die Befindlichkeiten eines älteren Herren mit Bart noch durch kleinkarierte Reaktionen der Angesprochenen aufgehalten.
    Dass nun auch noch Bundespolitiker und gar der Herr Oettinger aus Brüssel ihren Senf dazugeben, ist nur noch peinlich!

    • Putzko
    • 01. Januar 2013 18:32 Uhr
    2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  2. ...beschweren sich die dann alteingessenen Schwaben über die neuen Zuzügler. Es ist doch etwas kurios, dass sich ein Zugezogener über Zugezogene beschwert, die später kamen als er.

    Allerdings ist das recht typisch für die Berlinbesoffenheit: Am heftigsten erwischt es diejenigen, die selbst keine echten Berliner sind.

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    Nach meiner Beobachtung sind Berliner stolz auf ihren Dialekt und benutzen ihn auch in der "Diaspora".
    Herr Thierse, von Geburt Breslauer, ist wohl auch sauer auf die Hugenotten, weil sie in "seine" Muttersprache hineingepfuscht haben.

    • va
    • 02. Januar 2013 20:58 Uhr

    ich hab noch den Spruch im Ohr:
    Ein echter Berliner kommt aus Schlesien!
    Das geht wohl schon eine ganze Weile so!

    • JMDGF
    • 01. Januar 2013 18:44 Uhr

    jemand hätte gesagt das unsere geliebeten Migranten genauso Schrippen zu sagen hätten oder Pflaumenkuchen, nicht auszudenken wenn nur ein Politiker aus einem anderen Lager dies gefordert hätte, vermutlich wäre er ein Rassist, aber so geht es ja nur gegen eine deutsche Bevölkerungsgruppe, super gemacht Hr. Thierse, konnte ja keiner ahnen wieviel Humor man für Berlin mitbringen muß !!

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    • S0T86
    • 01. Januar 2013 22:24 Uhr

    Warum ihre Fixierung auf Migranten? Gibt es da einen plausiblen Hintergrund?

    Wenn der sich über zugezogene Schwaben und deren Wecken in Prenzelberg aufreget, wie würde es dem in Neukölln gehen wo beim Bäcker Aufschriften zum Teil nur auf Türkisch gibt^^

  3. Jetzt hat er den Vogel abgeschossen. Ohne Baden-Württemberg müssten er und die Gegend, aus der er herkommt, den Gürtel deutlich enger schnallen.

    Will er auf diese Art die Nation spalten, nachdem wir ja immer noch den Gegensatz Südländer und Nordländer haben und die Ossis möglicherweise immer noch nicht voll integriert sind?

    Äußerungen von Dirk Niebel sollten im Übrigen nicht ernst genommen werden. Er redet besonders gern auch von Themen, von denen er nicht soviel versteht wie von afghanischen Teppichen. Niebel ist kein Schwabe und in diesem Land nur als Verlegenheitskandidat aufgestellt worden.

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    • PolyXB
    • 01. Januar 2013 20:44 Uhr

    aus dem Süden, nor?

    Es erschreckt mich sehr, dass es immer noch Leute - gerade im reichen und wohlhabenden Süden - gibt, die nach über 22 Jahren der Wiedervereinigung immer noch das böse Bild des "Ossis" im Kopf haben.

    Es ist zudem interessant, dass sie einerseits die Schwaben in Berlin vor Integration in Schutz nehmen, aber jene Integration von den "Ossis" verlangen. Sie sollten aufhören, mit zweierlei Maß zu messen.

    "Ohne Baden-Württemberg müssten er und die Gegend, aus der er herkommt, den Gürtel deutlich enger schnallen."
    Die nach Berlin gezogenen Schwaben zahlen in Baden-Württemberg Steuern und Abgaben, die dann per Finanzausgleich nach Berlin gehen?
    Wann? Wenn sie Weihnachten bei Muttern unterm Baum sitzen?
    Oder waren Sie einfach nicht in der Lage zu erkennen, dass Thierse nicht etwa alle Schwaben meinte, sondern nur diese Zugezogenen? Vermutlich sind Sie das Pauschalisieren und den Hass auf alles, was nicht Ihrer Meinung entspricht, derart gewohnt, dass Sie hier nicht einmal Thierses Aussage begriffen haben.

  4. @ RogerGerhold

    Keine Sorge. Söder & Dobrindt schweigen nur, weil sie gerade von einer großen Koalition gegen die Schwaben träumen. Nicht ohne Grund will Ramsauer Stuttgart versenken....;)

    4 Leserempfehlungen
  5. Also, nach meiner Erfahrung bei Berliner Bäckern bekommt man parallel Pflaumendatschis und Pflaumenkuchen angeboten.

    Pflaumenkuchen sind traditionelle rechteckige Kuchenstücke, während Pflaumendatschis flache fladenähnliche ovale Stücke sind mit wenig Pflaumen und viel Streusel.

    Das ist zumindest im Berliner Westen so...

    Vielleicht ein Vorbild für zukünftiges harmonisches Nebeneinander von Schwaben und Nicht-Schwaben in Berlin? ;-)

    6 Leserempfehlungen
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    1. Einen Datschi, egal mit was drauf, gibt es nur in Bayern oder Österreich. Im Schwabenland (Württemberg?) gibt es einen solchen sprachlich nicht.

    2. In Bayern gibt es den Zwetschgendatschi, der in österreichischer Orthographie "Zwetschkendatschi" geschrieben wird. (Man beachte auch hier die subtilen Unterschiede!) Dieser ist keineswegs oval, sondern rechteckig, weil er - auf einem Kuchenblech gebacken - in rechteckige Stücke geschnitten wird. Streusel drauf sind Geschmackssache, aber eher der unbayrischen Umtriebe verdächtig.

    3. "Pflaumenkuchen" ist korrekt für alle Landstriche nördlich des Mains. Merkwürdigerweise können diese Leute nicht zwischen Pflaumen und Zwetschgen unterscheiden, wo doch nur letztere gut schmecken.

    4. "Schrippen" ist überall korrekt, wenn Schrippen gemeint sind. Diese sind länglich mit einem Längsschnitt. Semmeln (das ist wieder bayrisch) sind rund!

    5. Thierse hat keine Ahnung.

    6. Niebel ist kein Schwabe, sondern Zugereister und auch sonst von mäßigem Verstand.

    "Also, nach meiner Erfahrung bei Berliner Bäckern bekommt man parallel Pflaumendatschis und Pflaumenkuchen angeboten."
    Seltsam ... ich wohne Zeit meines gesamten Lebens in Berlin - also seit mehr als 40 Jahre - und habe sowohl im Westteil als auch im Ostteil lange gewohnt und gearbeitet, aber das wurde mir noch nie angeboten.

    "Vielleicht ein Vorbild für zukünftiges harmonisches Nebeneinander von Schwaben und Nicht-Schwaben in Berlin?"
    Wer will das?
    Die meisten Berliner wollen nicht, dass sich die Schwaben integrieren, sie wollen sie verabschieden. Dann brauchen die Berliner auch nicht im Westen um Arbeit betteln, weil die hippe Werbeagentur in Berlin nur Schwaben nimmt, da der Geschäftsinhaber ein Onkel ist, der nach der Wende nicht wußte, was er mit seinem schwäbischen Geld machen soll und Berlin so hipp fand.

  6. es ist immer das gleiche: ausländer sollen sich gefälligst an die "deutschen" lebensgewohnheiten anpassen, städter an ländliche gewohnheiten und hamburger an münchener gewohnheiten!

    von herrn thierse bzw. einem hohen staatstier, dazu noch in diensten der spd darf man mehr als stammtischdenken erwarten!

    Anmerkung: Dieser Kommentar wurde wieder hergestellt. Danke, die Redaktion/ds

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, nf
  • Schlagworte Wolfgang Thierse | Debatte | Dirk Niebel | CDU | FDP | SPD
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