Aygül Özkan : Niedersachsens Ministerin für Vertrauensbildung

Aygül Özkan war die erste deutsch-türkische Landesministerin. Das ist bis heute wichtiger als das, was die CDU-Politikerin in Niedersachsen tatsächlich macht.

Der freundliche ältere Herr drückt die Hand von Aygül Özkan so lange und herzlich, man könnte meinen, sie kennen sich seit Jahren. "Maşallah", sagt er immer wieder. "Gott sei mit dir, viel Glück." Stolz und Freude liegen im Gesicht von Erdoğan Güven, als er an diesem eiskalten Tag in der Hannoveraner Innenstadt am Wahlkampfstand auf Özkan trifft, die niedersächsische Sozialministerin, wichtiger noch: die erste deutsch-türkische und muslimische Landesministerin überhaupt. Die 41-Jährige lächelt ihn routiniert an, sie kennt das schon, und drückt ihm zum Abschied einen Flyer mit Wahlargumenten für ihre Partei, die CDU, in die Hand.

Aygül Özkan ist keine normale Ministerin, sie ist ein Symbol. So war das von Anfang an geplant, damals im April 2010, als Ministerpräsident Christian Wulff sie aus Hamburg in sein niedersächsisches Kabinett holte. Der sogenannten deutsch-türkischen Community sollte sie zeigen, dass sie auch in der deutschen Politik Erfolg haben können und ernst genommen werden. Und der eigenen, konservativen Partei sollte ihre Berufung bei der Annäherung an die Migranten und ihre Kinder helfen: Wenn die so adrett, freundlich und kompromissbereit daherkommen wie die 41-jährige Anwältin Özkan, dann können die ja nicht so gefährlich sein.

Eigentlich macht Özkan bis heute nichts anderes, als dieses Symbol zu sein. Niemandem Angst machen. Beide Seiten aneinander gewöhnen.

Sie selbst weiß das am besten. Deshalb antwortet Özkan, wenn man sie in der Hannoveraner Fußgängerzone nach ihrer integrationspolitischen Bilanz fragt, nicht mit neuen Gesetzen oder Verordnungen, sondern mit sich selbst: "Mir ist es gelungen zu zeigen, dass es in Deutschland auch für Migranten lohnt, sich anzustrengen. Dafür bin ich das beste Beispiel."

Lieber nicht über Kruzifix und Kopftuch reden

Özkan muss als Scharnier zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft einiges aushalten. Es knirscht manchmal ganz schön. Hier im Straßenwahlkampf, wenn ein älterer Herr sich eine Rose für seine Gattin erbittet und dann im Weggehen noch grantelt: "Obwohl meine Frau in Saudi-Arabien Kopftuch tragen musste!" Als hätte Özkan, die in Hamburg geborene Tochter eines türkischen Gastarbeiters, irgendetwas mit der Politik der Scheichs zu tun. Oder damals, als sie sich gegen Kruzifixe (und auch Kopftücher) in Schulen ausgesprochen hatte und die erbosten Unionsfreunde aus der bayrischen CSU ihr nahelegten, sie solle sich doch vielleicht eine andere Partei suchen. Dabei hatten Gerichte und Parteien, auch die Union, zuvor jahrelang und offen über diese Frage gestritten.

Das Problem war nicht die Forderung selbst, sondern dass sie diesmal von einer Muslimin mit Macht kam. Das löste eine ganz andere Angst aus: Die Muslime wollen uns unsere Religion wegnehmen. Gegen solche Dinge müssen andere Minister nicht kämpfen. Spricht man Özkan heute darauf an, wird ihr Lächeln schlagartig eisig. "Das ist nun wirklich eine uralte Geschichte", bügelt sie den Streit ab. Es ist wohl Özkans wichtigste Eigenschaft, dass sie das aushält, dass sie hart genug ist für all die Konflikte, die nun stellvertretend an ihrer Person ausgetragen werden.

"Unsere Ministerin!"

Kompliziert ist auch ihr Verhältnis zur deutsch-türkischen Community selbst. Sie sind einerseits "sehr stolz darauf, mit einer Ministerin türkisch sprechen zu können", wie Özkan sagt. Andererseits darf sie sich von ihnen auch nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Als sie zu Beginn ihrer Amtszeit einmal bei einem Empfang im Kanzleramt war, hielt ein wichtiger deutsch-türkischer Geistlicher lange glücklich ihre Hand und sagte, auf türkisch: "Unsere Ministerin!" So berichtet es zumindest einer, der dabei war.

Weil Özkan aber Ministerin aller sein will, grenzte sie sich gerade am Anfang eher ab.

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