Bundestagswahl Wie die SPD Merkel doch noch schlagen will
Mehr Kindergeld und bezahlbarer Wohnraum: Die SPD stärkt ihr soziales Profil, um die Dominanz der Kanzlerin zu brechen. Kann das gelingen?
© Julian Stratenschulte/dpa

SPD-Parteichef Sigmar Gabriel und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück
Es waren drei bemerkenswerte Botschaften, mit denen die Sozialdemokraten am Mittwoch Schlagzeilen machten: Parteichef Sigmar Gabriel attackierte das geplante Milliarden-Hilfspaket der EU für Zypern. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stellte ein Papier zur Begrenzung der Mieten vor. Und Parteivize Manuela Schwesig erklärte, wie die SPD das Kindergeld künftig nach dem Einkommen der Eltern staffeln will.
Was auf den ersten Blick wie ein zufälliges Zusammentreffen unterschiedlicher Themen wirkt, gehorcht in Wirklichkeit einer politischen Dramaturgie. Zu Beginn des Wahljahrs stehen die Herausforderer mit ihrem angeschlagenen Kandidaten einer Amtsinhaberin gegenüber, die nicht nur als präsidiale Regierungschefin, sondern auch als Hüterin deutschen Vermögens in der Schuldenkrise bei den Bürgern hohes Ansehen genießt.
Jedenfalls hat die SPD-Kritik noch wenig verfangen, wonach sie stets zu spät reagiere und wonach das Totsparen der EU-Krisenstaaten irgendwann auch das Exportland Deutschland in einen Abwärtsstrudel reißen werde. Kein Mensch weiß, ob der von den Sozialdemokraten vorhergesagte finanzielle Offenbarungseid ihrer Europapolitik vor der Bundestagswahl tatsächlich fällig werden wird.
Weil Wahlkämpfe einfache Botschaften verlangen, kann sich die SPD in Wirklichkeit auch keine Zuspitzung wünschen. Das eingängigste Versprechen hieße nämlich "Lasst uns mehr Geld für Europa als Merkel ausgeben" und würde die eigenen Wähler eher verschrecken.
Gabriels Drohung mit dem Nein zum Zypern-Paket muss deshalb keine Abkehr vom grundsätzlich Euro-solidarischen Kurs seiner Partei signalisieren und bedeutet noch keine endgültige Verweigerung im Bundestag. Es geht wohl auch nicht um eine neue Politik, sondern um ein Distanzsignal für Niedersachsen. Die EU-Finanzminister entscheiden schließlich erst nach der Landtagswahl.
Die soziale Frage
Auch deshalb bemühen sich die Sozialdemokraten nun, auf einem anderen Feld die präsidiale Kanzlerin auf den Boden der Tatsachen zu holen. Der Vorwurf heißt: Angela Merkel ist das Auseinanderfallen der Gesellschaft völlig egal, ihre Koalition tut nichts gegen die wachsende Spaltung. Das Versprechen heißt: Die SPD kennt die Alltagserfahrungen und Nöte der Menschen besser und hat die Kompetenz und den Willen, gegenzusteuern und die Balance wiederherzustellen.
Ihr gesellschaftspolitisches Profil will die SPD im Wahlkampf so stark machen, dass es schließlich die Dominanz einer Person bricht – ein ehrgeiziges Vorhaben. Viele Kernforderungen der SPD sind Werkzeuge dieses Versprechens, so der gesetzliche Mindestlohn, die höheren Steuern für Vermögende, die Chancengerechtigkeit in der Bildung, die Mindestrente oder die staatliche Förderung für Eltern, die ihre Wochenarbeitszeit wegen der Kinder auf 30 Stunden reduzieren.
Auch Initiativen für bezahlbaren Wohnraum in Großstädten und eine zeitgemäße Familienförderung hatte Kandidat Steinbrück schon seit vergangenem Herbst angekündigt. Nun hat seine Partei ihre Pläne konkretisiert, nennt Grenzen für Mieterhöhungen, lädt die Maklerkosten dem Vermieter auf und will sozialen Wohnungsbau fördern. Wo es um Hilfen für Familien geht, will die SPD Eltern mit niedrigen und kleinen mittleren Einkommen das Kindergeld erhöhen, wovon Familien mit Brutto-Einkommen von bis zu 3.000 Euro profitieren sollen.
Ob jeder Detailvorschlag in den Konzepten weiterhilft, ist offen: Werden Maklerkosten nicht auf die Miete umgelegt, wenn der Vermieter zahlen muss? Wer verliert, wenn der Steuerfreibetrag für Erziehung wegfällt? Wichtiger aber ist im Wahlkampf das Signal, dass es die SPD ernst meint mit "dem Blick von unten", wie Gabriel das nennt. Denn die Analyse der Partei ist richtig: Viele Menschen sind verunsichert über das Auseinanderdriften der Gesellschaft und enttäuscht, weil sich die Politik damit abfindet.
Freilich muss das Versprechen sozialer Balance glaubwürdig sein und zum Kandidaten passen. Die Erfolgsaussichten hängen auch davon ab, ob Steinbrück in Geldfragen weiter für Irritationen sorgt. Soziale Gerechtigkeit ist für die SPD deshalb nun auch eine Frage der Disziplin.
- Datum 10.01.2013 - 11:10 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
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<<< Viele andere in der SPD würden diesen Kurs viel glaubwürdiger vertreten. Vor allem Hannelore Kraft, die die SPD mMn auf 35% plus x geführt hätte. Sie wäre für Merkel die größte Herausforderung gewesen. Ich halte Steinbrück in dieser Form für wenig überzeugend. <<<
Es war der neoliberale Überzeugungstäter Clement der Kraft einst entdeckte und politisch großzog.
Mag sein, dass Kraft für viele Wähler in Sachen Linksblinkerei glaubwürdiger ist, als Steinbrück (nicht schwierig, btw).
Die alles entscheidende Frage ist doch aber, was Kraft in Regierungsposition für eine Politik durchsetzt.
Und da sehe ich schwarz; Kraft kann für die SPD das werden, was Merkel für die Union ist, ein autoritär herrschendes, muttieskes, öffentliches Apolitikum, das zu nichts Inhaltlichen Stellung bezieht, alle Probleme und Krisen einfach kühl weglächelt, während sie im Hintergrund knallharte Macht- und Interessenpolitik betreibt.
Wie soll man mit sojemanden um die richtigen oder besseren politischen Lösungen streiten?
aber das verspricht die Linke doch schon ewig.
Nur in glaubhaft...
>> Jedenfalls hat die SPD-Kritik noch wenig verfangen, wonach sie stets zu spät reagiere ... <<
Soll das ein Witz sein? Tatsachendarstellungen sind keine Kritik.
"Vielen klingelt noch ihr Satz in den Ohren, für die Rettung Griechenlands werde es "keinen Cent" aus Deutschland geben. Sie war auch schon gegen die Beteiligung der Gläubiger am Schuldenabbau, gegen einen Schuldenschnitt, gegen eine Finanztransaktionssteuer im Euro-Raum, gegen den Kauf von Staatsanleihen der Krisenländer durch den Rettungsschirm. Alles rote Linien, die Merkel inzwischen wieder wegradiert hat."
http://www.sueddeutsche.d...
"zeitgemäße Familienförderung" (...) "Kindergeld erhöhen"
Gut zu wissen, ich hatte mich schon fast dazu hinreissen lassen, die SPD zu wählen, weil sie die Herdprämie wieder kassieren wollte (sonst gibt es ja kaum noch erkennbare Unterschiede zwischen SPD und CDU), aber offenbar will sie nur ihre eigene machen.
Zeitgemäße Familienförderung bestehen für mich in "Kürzere Arbeitszeiten & Arbeit für alle"* und ausreichend Kinderbetreuung (Auch wenn das jetzt wieder die "Wir erziehen unsere Kinder selber"-im-Geiste-CSU-Wähler auf den Plan rufen wird...).
*http://www.zeit.de/2013/01/Rettung-Esther-Vilar?
>> Ich glaube, die SPD ist die (eine) Partei die sich ernsthaft sorgen um den sozialen Frieden in der BRD (Bananenrepublik Deutschland)macht. <<
... ist sie ganz sicher nicht. Aber die einzige mit einer Chance auf Regierungsbeteiligung.
"Wem wollen Sie die Vermeidung der Spaltung der Nation zubilligen?"
Na, das ist doch klar: Der Linken natürlich!
Die SPD hat ja nicht nur Hartz IV durchgesetzt (allein der Begriff "Hartz-IV-Empfänger" ist schon eine Demütigung für die Betroffenen) - nein die SPD hat zeitgleich die größte Steuersenkungsorgie in der Geschichte der BRD veranstaltet. Für jede Million an Bonuszahlungen hatten die Banker dank Gerhard Schröder und Konsorten ungefähr 100.000 € mehr im Säckel. Für DIE gab es dank Schröder echt mehr netto vom brutto. Und nun fangen die gleichen Leute an, beim Mittelstand in den Krümeln zu suchen (gestaffeltes Kindergeld etc.)
Nein, die SPD ist die ideale Partei für die Dickverdiener. Sie lässt die Nebelkerzen aufsteigen, hinter denen sich die Großkopfeten sich die Taschen vollmachen können. Der Arbeitnehmerflügel der CDU ist drei mal glaubwürdiger als die SPD-Bosse. Als Linker habe ich zu einem Herrn Laumann von der CDU mehr vertrauen als zu Siggi, Peer und FrankieBoy zusammen.
Da ist es wieder: Mehr Kindergeld! Wir versprechen einfach noch mehr Geld an irgendjemand auszuschütten damit er brav wählen geht. Seit Jahren geht es immer nur noch darum, Geld zu überweisen. Kein Geld ist dagegen da, um die versprochene Kindergartenplatzgarantie umzusetzen. Daran sieht man wieder, wie ideenlos Politik mittlerweile geworden ist.
Mit etwas Abstand könnte man fast die DDR Blockparteien wieder zu erkennen. Jeder will irgendwas umsetzen, am Ende ist es egal wen man wählt - umgesetzt wird dann das was der Elite förderlich ist. Uns fehlen noch die materiellen Sorgen, aber weit weg sind mir nicht mehr.
Wer zwangsweise den Preis für ein Gut deckelt, verantwortet dessen Verknappung. Wohnraum ist da keine Ausnahme. Kosten werden dort getragen, wohin sie weitergereicht werden. Das ist selten dort, wo sie erhoben werden und Maklerkosten werden keine Ausnahmen sein. Kindergeld muss erst eingetrieben werden, bevor es verteilt wird. Auch die übrigen Ankündigungen der SPD beweisen, dass diese Leute immer noch glauben, die Zauberkraft des Staates könne die Wirklichkeit besiegen. Beispielsweise behaupten sie ernsthaft, "Mindestlöhne" würden funktionieren, weil Angebot und Nachfrage für das Gut Arbeitskraft nicht gelten dürften. Sie sollten besser aufgezwungene mindest-Lohnforderungen heißen. Es ist weder "sozial" noch "solidarisch", gering Qualifizierten Arbeitssuchenden die beste Option zu nehmen, mit denen sie einen Einstieg ins Arbeitsleben finden könnten.
Die Probleme Deutschlands lauten: öffentliche Überschuldung, Sozialsystem-Falle, Bildungsmisere, Planwirtschaft. Mit Uralt-Ideen aus der Mottenkiste des Sozialismus werden solche Probleme nicht gelöst. Diese Ideen haben diese Probleme erst geschaffen. Zeit für etwas neues.
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